textbeet

Kompost für den Alltag


Zuversichtlich

»An all die Bücher zu denken, die mir noch zu lesen bleiben, macht mich glücklich.«
Jules Renard (1864–1910)

Es gibt sehr schöne Spruchkarten, denen ich dennoch widersprechen möchte. Mich machen sie eher unglücklich, all die ungelesenen Schätze in unserm Bücherregal. Vielleicht hat jemand einen Rat? Gern an mg(at)textbeet.de. Danke schon mal.

Diese Bücher lese ich in meiner Not grad parallel und finde sie alle auf ihre Art lohnend:

Nicola Kabel, Kleine Freiheiten
271 Seiten, C.H.Beck 2021

Rebecca Solnit, Unziemliches Verhalten. Wie ich Feministin wurde
Übersetzt von Kathrin Razum
270 Seiten, Hoffmann und Campe 2020

Emilia Roig, Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung
397 Seiten, Aufbau 2021
„Dieses Buch wird verändern, wie Sie die Welt wahrnehmen und Sie verstehen lassen, was Gerechtigkeit wirklich bedeutet.“ Teresa Bücker

Climate Justice – eine der wichtigsten Forderungen von Fridays for Future. Die FFF-Aktivist*innen an der Uni Hamburg haben eine beeindruckende Ringvorlesung organisiert: „Our House is on fire“ (verlinkt zu youtube).

Screenshot vom Ende der Veranstaltung am 6.4.2021 mit 1500 Live-Teilnehmenden

In der ersten von vierzehn Vorlesungen erklärt Prof. Dr. Dirk Notz die Grundlagen der Klimakrise. Dirk Notz (*1973) ist seit 2019 Professor für Kryosphäre mit dem Schwerpunkt Meereis an der Uni Hamburg und einer der Leitautoren des 2021 erscheinenden Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC).

Zuversicht strahlt der taz-Chor aus, der anlässlich des ersten digitalen taz-labs, dem Jahreskongress der taz am 24.4.2021, eine Ohrwurm-Version von A Change Is Gonna Come (verlinkt zu youtube) aufgenommen hat. Richtig los geht’s bei min 02:44

Und wer gleich noch einen zweiten Empowerment-Song hören möchte: RESILIENT (verlinkt zu youtube) von Rising Appalachia

Leah und Chloe Smith von Rising Appalachia

I am resilient

I trust the movement

I negate the chaos

Uplift the negativ

I’ll show up at the table, again and again and again

I’ll close my mouth and learn to listen

Im Dezember 2020 haben Rising Appalachia ein tolles 1. Livestream Concert (verlinkt zu youtube) aufgezeichnet.
Hierzulande sind sie noch so unbekannt, dass man sie in der deutschsprachigen Wikipedia vergeblich sucht. Noch 🙂


Ostern – Aufstehen!

Politische Osternacht am 3.4.2021 in der Genezarethkirche in Berlin-Neukölln

Was mir besonders gut gefallen hat an dieser Politischen Osternacht – Rise!, war die Aufmerksamkeit für die 288 politischen Gefangenen (Stand 4.4.2021) in Weißrussland und die Bitte, ihnen Briefe ins Gefängnis zu schicken.
Auf 100xSolidaritaet.de kann man eine inhaftierte Person auswählen und die Briefvorlage herunterladen. Ausdrucken, unterschreiben, eintüten, frankieren, abschicken – ganz einfach.

Die Osternacht wurde in der Neuköllner Genezarethkirche gestreamt, in der seit Anfang des Jahres auch die Pfarrerin Jasmin El-Manhy im Segensbüro arbeitet – vielleicht ein Modell für die Zukunft der christlichen Kirchen? Im Tauchgänge-Podcast-Gespräch der Katholischen Akademie in Berlin vom 23.2.2021 erzählt Jasmin El-Manhy von dieser neuen Aufgabe und von ihrer eigenen Geschichte.

Wen ich bis vorgestern Abend auch nicht kannte, sind Bukahara und ihr Lied Afraid no More (Official Lyric Video bei youtube).

Still aus dem Video Afraid no More

Die 2009 gegründete Band besteht aus vier Multi-Instrumentalisten, die ihren Stil als „Gypsy, Reggae, Folk und Arabic–Balkan Sound“ beschreiben – eine tolle Entdeckung. Schön zum Einstieg [oder bin ich die Einzige, die Bukahara noch nicht kannte?] finde ich diese Rockpalast-Corona-Session (bei youtube, 17 min) beim Zirkus Roncalli aus dem Sommer 2020 mit Songs aus ihrem neuen Album Canaries in a Coal Mine.

Still aus der Rockpalast-Corona-Session

Afraid no More würde ich glatt übersetzen mit

Danke, Christine!


Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer (1901-1988)

Schon häufiger im Textbeet erwähnt habe ich die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, deren Bücher und feministisches Engagement ich großartig finde. Heute möchte ich ihren Vortrag vom Dezember 2020 empfehlen, anlässlich der Verleihung des Africa Freedom Prize der Friedrich Naumann Stiftung für Freiheit.

Die südafrikanische Journalistin Redi Tlhabi und Chimamanda Ngozi Adichie sprechen anschließend über ihren interessanten Vorschlag, den Männern mehr zuzutrauen als gewaltbereites Verhalten und darum die Messlatte für sie einfach etwas höher zu legen: What if we raise the bar for men? (bei youtube, 52:37 min)

Frühe Frauenpower 🙂


Wo fange ich an?

Vielleicht am besten mit einer meiner Lieblingsserien – dem Tatortreiniger. Vor fast 10 Jahren ist die erste Staffel gestartet, bis 2018 liefen 31 Folgen im NDR. In der Hauptrolle: Bjarne Mädel als Schotty. In der allerletzten Folge »Einunddreißig« wird der Tatortreiniger nach Begegnungen mit großartigen Schauspiel-Kolleg*innen tatsächlich zu Grabe getragen. Zurzeit kann man Schotty immerhin in der Folge 2 der 1. Staffel »Spuren« in der NDR-Mediathek erleben, noch bis zum 28.11.2021.

Und wo begegnet mir Bjarne Mädel grade eben wieder? In einem Spot der GRÜNEN!
Super gemacht, wie ich finde: #GeballterFeminismus​: Jetzt. Sofort. Immer.
(bei youtube, 2:52 min)

Dazu gleich einige Buchtipps, zum Teil noch auf meiner Wunsch-Leseliste, doch schon von vertrauenswürdigen Kolleginnen für lesenswert befunden:

Meike Stoverock, Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation
Tropen 2021


Bernardine Evaristo, Mädchen, Frau etc.
Aus dem Englischen von Tanja Handels
Tropen 2021

2019 ist Bernardine Evaristo für Girl, Woman, Other mit dem Booker Prize ausgezeichnet worden, gemeinsam mit Margaret Atwood.

Der Tropen-Verlag hatte am 25.2.2021 zur »digitalen Show« eingeladen, die Jackie Thomae live und super moderiert hat, das Video zum Nachsehen (bei youtube, 1:23:45) lohnt sich als Einstieg in den Roman.

Jackie Thomae am 25.2.2021 (c) Tropen
Bernadine Evaristo am 25.2.2021 (c) Tropen

Olga Tokarczuk, Unrast
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
Am 25. Februar 2021 als Taschenbuch erschienen

Als Olga Tokarczuk 2019 in Stockholm der Literatur-Nobelpreis verliehen wurde, habe ich die polnische Autorin (*1962) nicht weiter beachtet. Bis ich neulich über eine Bemerkung von Eva von Redecker wieder auf sie aufmerksam und doch endlich neugierig geworden bin.

Olga Tokarczuk, Der liebevolle Erzähler.
Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur.
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes
Kampa Verlag 2020

Hannah Arendt (1906–1975) begegnet uns ja erfreulicherweise immer wieder und Rosa Luxemburg (1871–1919) besonders häufig dieser Tage, weil ihr 150 Geburtstag gefeiert wurde. Wie schön, dass die niederländische Philosophin Joke J. Hermsen die beiden einflussreichen Frauen bei Wagenbach in einem SALTO-Band zusammengebracht hat.

Joke J. Hermsen, Rosa und Hannah. Das Blatt wenden
Aus dem Niederländischen von Gerd Busse
Wagenbach 2021

Auf zeit.de wird fast jeder Corona-Tag seit einigen Monaten versüßt mit einem Känguru-Comic von Marc-Uwe Kling und dem kongenialen Bernd Kissel.
Über die ersten Comics können sich nur noch Z+-Abonnent*innen amüsieren. Ich empfehle, erst mal ordentlich nach unten zu scrollen, um dann in der chronologischen Reihenfolge zu lesen.

Bild aus Folge 68 „Der Prozess“ © Marc-Uwe Kling + Bernd Kissel

»Es ist schön zu leben, weil Leben Anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.«
Cesare Pavese (1908–1950)


Die Hoffnung …

mittelhochdeutsch hoffen, niederl. hopen, engl. to hope, vielleicht verwandt mit hüpfen und dann ursprünglich wohl (vor Erwartung) aufgeregt umherhüpfen.
Quelle: Duden

Still aus dem Video ZAZ, »Je veux« von 2018

Vielleicht sollten wir häufiger von unseren Sesseln, Sofas und Bürostühlen aufstehen, Musik anmachen (zum Beispiel Je Veux von ZAZ) und rumhüpfen. Nur eine Idee.

Blick aus unserem Küchenfenster im August 2020

»Die Hoffnung kann lesen« ist ein wunderbarer Text von Fulbert Steffensky (*1933) überschrieben, im Anderen Advent von 2018. Ein Zitat:

»Die Hoffnung … vermutet in den kleinen Vorzeichen das ganze Gelingen. Sie stellt nicht nur fest, was ist. Sie ist eine wundervolle untreue Buchhalterin, die die Bilanzen des Lebens fälscht und einen guten Ausgang des Lebens behauptet, wo dieser noch nicht abzusehen ist …«

Fulbert Steffensky, in: Der Andere Advent 2018

Foto: Julia Volk

Hoffnung strahlt auch das Inaugural Poem The Hill We Climb von Amanda Gorman (*1998) aus. Amanda Gordams grandiosen Auftritt am 20.1.2021 bei der Amtseinführung von Joe Biden kann man sich (zum Beispiel) über den Guardian-News-Kanal bei youtube (immer wieder) ansehen [5:42].

Amanda Gorman gibt am 27.1.21 Antworten, die das Internet wissen muss.

Wer mehr über Amanda Gorman erfahren möchte, kann (zum Beispiel) das Video anschauen, in dem sie alle Fragen beantwortet, die »The Internet Needs to Know« [5:22] oder auch ihre Website besuchen.
Was mir gleich aufgefallen ist: Die junge Dichterin hat ihre Bücher im Regal so wie ich nach Farben sortiert!

in Vorbereitung: eine Kinder-Hymne

Ihr erstes Bilderbuch »Change Sings. A Children’s Anthem« soll im September 2021 erscheinen. Wegen des schönen Covers erwähne ich es schon mal.
»The Hill We Climb« erscheint auf Deutsch am 17.3.2021 bei Hoffmann und Campe.

Foto: freestocks.org

Auf mehr Insekten hofft die Journalistin Christiane Habermalz (*1968). Wir könnten die Winterpause zum Lesen nutzen, damit wir im Frühling wissen, was wir beitragen können.

Christiane Habermalz, Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam
288 Seiten, erschienen am 22.4.2020
Diese Bekenntnisse einer Guerillagärtnerin hat Inka Hagen so hübsch illustriert, dass ich mich schon auf den Sommer freue. Na sowieso.

Im Hintergrund höre ich grad übrigens Life Goes On, das vor einem Jahr erschienene Album von Carla Bley (*1936), das ich nicht nur wegen des zuversichtlichen Titels großartig finde. 1988 habe ich Carla Bley und Steve Swallow in St. Johannis Harvestehude erlebt – was für ein tolles Konzert!
Bestellen kann man Life Goes On z. B. bei jpc. Auch dieser Hinweis ist wie alle anderen Hinweise uneigennützig.

Carla Bley hat ihr eigenes Label WATT bei ECM-Records

Immer wenn ich einen Hoffnungsvorrat angesammelt habe, verkrafte ich einen von Sascha Lobos Realitätsschocks, gelesen von ihm selbst. Sascha Lobo (* 1975), lebt als Publizist in Berlin und im Internet, so steht es jedenfalls auf der Verlagsseite.
Sascha Lobo, Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart
400 Seiten, erschienen am 12.9.2019

https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Realitaetsschock/Sascha-Lobo/Random-House-Audio/e566735.rhd

Zur Erholung nach einem Schock kann ich diesen veganen Kuchen empfehlen, den ich heute zum ersten Mal gebacken habe.

Veganer-Schoko-Streusel-Kuchen

  • 200 g Alsan-Bio-Margarine
    200 g Rohrzucker
    1 Pck. Vanillezucker
    350 g Mehl
    40 g Kakao
  • 100 g gemahlene Mandeln
  • 300 g Johannisbeeren (tiefgefroren)
  • 400 g vegane Joghurt-Alternative
    100 g Rohrzucker
    1 Pck. Vanillepuddingpulver
  • Die ersten fünf Zutaten zu einem streuseligen Teig kneten. Mit gut der Hälfte davon eine gefettete oder mit Backpapier ausgelegte Springform auskleiden und anschließend den Boden mit den Mandeln bestreuen. Die Beeren darauf verteilen.
  • Die weiteren drei Zutaten verrühren und auf die Beeren geben, mit dem restlichen Teig bestreuseln.
    Im (nicht vorgeheizten) Backofen auf der 2. Schiebeleiste von unten bei 160 °C (Umluft) 45 bis 55 Minuten backen.
    (c) Maren


Kostenloses Reisen

Allen, die vom Fest noch einen Büchergutschein liegen haben oder auch auf Geschenkesuche sind, möchte ich diese drei Bücher empfehlen. Das erste für jedes Lesealter (ab 3), das zweite für Jugendliche (und an Jugendlichen interessierte Erwachsene) und das dritte für alle, die sich mit einer klugen Autorin Gedanken machen möchten über die Kunst, großzügig zu sein.

Marc-Uwe Kling, Das NEINhorn,
illustriert von Astrid Henn
48 Seiten, Carlsen, erschienen am 5.10.2019
Das kleine widerständige NEINhorn zieht in die Welt und schließt interessante Freundschaften. Mit der KönigsDOCHter zum Beispiel. So gekonnt, so witzig!

Elisabeth Steinkellner, Papierklavier,
illustriert von Anna Gusella
140 Seiten, Beltz und Gelberg, erschienen am 19.8.2020
DIE ZEIT und Radio Bremen vergeben seit Jahrzehnten den LUCHS für ausgezeichnete Kinder- und Jugendbücher. Papierklavier hat den LUCHS im November 2020 erhalten und ich bin auch ganz begeistert. Hier meine Lieblingsillustration:

Illustration von Anna Gusella aus Papierklavier
Vorsatzpapier. Illustration Leanne Shapton

Susanne Kippenberger
Die Kunst der Großzügigkeit. Geschichten einer leidenschaftlichen Schenkerin
258 Seiten, Hanser, erschienen am 19.10.2020
Susanne Kippenberger teilt mit uns ganz persönliche Erlebnisse und Einsichten rund ums Schenken, um Traditionen, ihre Brüche und immer die Lust an den Gaben, die ansteckend wirkt.

Vorsatzpapier. Illustration Leanne Shapton

There is no frigate like a book
To take us lands away,
Nor any coursers like a page
Of prancing poetry.

This traverse may the poorest take
Without oppress of toll;
How frugal is the chariot
That bears a human soul!

Emily Dickinson (1830–1886)

Vorsatzpapier. Illustration Leanne Shapton

Kein Schiff trägt uns gleich einem Buch
Ins Land der Fantasie.
Kein Pferd springt leichter als Papier
mit zarter Poesie.

Die kostenlose Reise bleibt
selbst Ärmsten nicht verwehrt.
Wie einfach doch der Wagen ist,
in dem die Seele fährt.

Übersetzer*in unbekannt


Es gibt so viele Ungewissheiten in diesen Corona-Zeiten. Doch ganz sicher ist, dass sich Menschen besonders häufig in Innenräumen mit Sars-CoV-2 anstecken, über die Aerosole in der Luft.
DIE ZEIT hat wissenschaftliche Erkenntnisse in diese Animation umsetzen lassen, mit der man sich spielerisch Ansteckungswahrscheinlichkeiten ausrechnen lassen kann.

Ein gesundes Jahr 2021 Euch und Ihnen allen!



Revolution

»Immer nur diese Erzählung von Verzicht, von Verboten, von Veränderungen, die wehtun. Nee! Wieso reden wir nicht über all die Dinge, die wieder wachsen können, wenn wir aufhören, unseren Planeten zu zerstören?« [in DIE ZEIT]
Maja Göpel, seit dieser Woche Wissenschaftliche Direktorin des NEW INSTITUTE Hamburg – Herzlichen Glückwunsch!

Fridays for Future hatte eine Machbarkeitsstudie beauftragt beim renommierten Wuppertal-Institut. Das Einhalten der 1,5-°C-Grenzmarke sei nur dann möglich, wenn Deutschland bis etwa 2035 CO2-neutral wird […] Das Erreichen von CO2-Neutralität wäre »bis zum Jahr 2035 aus technischer und ökonomischer Sicht zwar extrem anspruchsvoll […], grundsätzlich aber möglich«, so die Studie vom Oktober 2020.

Schon 1968 sangen die Beatles von der Revolution.
»We all want to change the world.« Oder etwa nicht?
Beatles, Revolution bei youtube [mit Text]

     

In der letzten Woche habe ich Eva von Redecker (*1982) für mich entdeckt. Ihr Buch Revolution für das Leben ist im September erschienen, wurde schon viel beachtet und steht auf meinem Wunschzettel. Eva von Redecker ist Philosophin, Autorin und freie Publizistin, die zu Kritischer Theorie und feministischer Philosophie forscht.
Das Jung&Naiv-Gespräch Folge 479 Philosophin Eva von Redecker über Revolution kann ich nur empfehlen. Sie erklärt klug und lebhaft, was Kritische Theorie bedeutet, wie Hannah Arendt und Judith Butler ihr Denken beeinflusst haben und was eine „Revolution für das Leben“ bedeuten kann.

Eva von Redecker, Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen
320 Seiten
S. Fischer Verlag, erschienen am 23.9.2020

Auch in Rutger Bregmann (*1988) steckt ein Revolutionär, würde ich sagen. Ihn habe ich eher zufällig vor einiger Zeit in einem TED-Vortrag zum Thema Sinnvolle Arbeit [bei youtube] erlebt. Eine seiner Thesen: »Poverty isn’t a lack of character; it’s a lack of cash.«

Quelle: youtube, TED-Vortrag min 12:31

Zur Zeit höre ich sein Buch Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, das im März 2020 bei Rowohlt erschienen und natürlich auch auf englisch und holländisch erhältlich ist.

       

Corona nicht zu vergessen:
Prof. Dr. Christian Drosten klärte letzte Woche in Meppen in einem sehenswerten Vortrag über die Corona-Pandemie und den Stand der Dinge auf: Corona-Pandemie – eine Herausforderung für Wissenschaft und Politik [bei youtube, ab min 6:53]

»Was wir heute tun, entscheidet darüber,
wie die Welt morgen aussieht.«
Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)


Harmoniebedürftig?

„The disease to please“, nennt es Oprah Winfrey, die US-amerikanische Talkshow-Moderatorin. Manche Wendungen klingen im Englischen einfach cooler. Das Leiden, allen gefallen zu wollen?

Streitbare Frauen werden gern mal als hysterisch, nervig und jedenfalls streitsüchtig bezeichnet. Zänkisch und „Drachen“ kenne ich von früher und sehe eine Frau mit Besen vor mir, warum auch immer. Jedenfalls kehrt sie nicht alles Unangenehme unter den Teppich, sondern trägt ihre Konflikte offen aus, wenn auch undiplomatisch.

Jenseits von richtig und falsch
liegt ein Ort.
Dort treffen wir uns.
Rūmī (1207–1273)

Was für eine wunderbare Einladung in diesen konfliktreichen Zeiten, wo so viele die „Wahrheit“ für sich gepachtet haben.


Letzte Woche fand in Berlin – von den Medien weitgehend ignoriert – der Rebellion-Wave von XR statt. XR = Extinction Rebellion ≈ Aufstand gegen das Aussterben. Gleich Montag gab es einen „Trauerzug der toten Bäume“, vorbei an den Ministerien für Landwirtschaft, Verkehr und Wirtschaft. Friedlich, kreativ, widerständig.

„Stirbt der Wald, stirbt der Mensch! Die zusätzliche Belastung durch Extremwetter der Klimakrise sieht man bereits im ganzen Land. Wir fordern: Wald statt Asphalt!“ XR Deutschland

Übrigens können wir XR auch mit dieser Payback-Karte unterstützen:

Schon seit einem Jahr gibt es Baumbesetzungen und andere Proteste des gewaltfreien Widerstands in Nordhessen, um den Dannenröder Forst, auch Danni genannt, vor dem Weiterbau der A 49 von Gießen nach Kassel zu retten. www.danni-bleibt.de
Für den Ausbau der A 49 sollen bei Stadtallendorf etwa 85 Hektar Wald weichen – eine Schneise, die insgesamt fast 120 Fußballfeldern entspricht. Der Beschluss für diesen Autobahnabschnitt stammt übrigens aus den 1970er Jahren.

Zum Eilappell von Campact –> Dannenröder Wald: Stoppt die Rodung!

Jenseits von richtig und falsch
liegt ein Ort.
Dort treffen wir uns.
Rūmī (1207–1273)

Total gefreut habe ich mich am 1. Oktober mit Hannah Kiesbye, deren Idee für einen „Schwer in Ordnung“-Ausweis  in den letzten Jahren hohe Wellen geschlagen und u. a. dazu geführt hat, dass die Sozialministerien von wenigstens zehn Bundesländern eine „Schwer in Ordnung“-Hülle anbieten. Angefangen hat alles 2017 mit dieser Geschichte [als PDF bei kidshamburg.de]

Unter dem Motto „Vereint und füreinander da“ hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 1. Oktober 2020 Hannah und 14 weiteren Bürger*innen einen Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Noch bis zum 1.1.2021 in der NDR-Mediathek nachzusehen ist dieser sehr schöne Beitrag „Halstenbekerin Hannah Kiesbye Bundesverdienstkreuz“ [2 min]

Eine ebenfalls couragierte und kreative junge Frau ist die Heldin in Karin Kalisas Roman Radio Activity, den ich grade begeistert als Hörbuch „verschlungen“ habe, da die Autorin das Thema Sexueller Missbrauch und die frühzeitige Verjährung der Tat ganz ungewöhnlich bearbeitet hat.
   

Über die Onleihe unserer Stadtbücherei lese ich grad – übrigens eine Empfehlung der Transformationsforscherin Maja Göpel:
Kübra Gümüşay, Sprache und Sein
Hanser Berlin, erschienen am 27.01.2020
208 Seiten
Die wunderbare Einladung von Rumi stellt Kübra Gümüşay ihrem Buch voran.
Ich bin erst auf Seite 55, finde aber Sprache und Sein schon jetzt eine große Bereicherung.

„Nicht jeder kann in der Sprache, die er spricht, sein. Nicht etwa, weil er die Sprache nicht ausreichend beherrscht, sondern weil die Sprache nicht ausreicht.“
Kübra Gümüşay

Jenseits von richtig und falsch
liegt ein Ort.
Dort treffen wir uns.
Rūmī (1207–1273)

Auf meiner Wunsch-Leseliste steht noch:
Caroline Criado-Perez, Unsichtbare Frauen
Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert
Aus dem Englischen von Stephanie Singh
btb, erschienen am 10.02.2020
496 Seiten

Caroline Criado-Perez habe ich über diesen empfehlenswerten Beitrag in ttt – titel, thesen, temperamente kennengelernt:
„Unsichtbare Frauen“: Der Mann als Maß aller Dinge | [Video verfügbar bis 16.02.2021]

Quelle: NDR

Am Parliament Square in London hat Criado-Perez eine erste Frau sichtbar gemacht, zwischen all den Statuen berühmter Männer: die britische Frauenrechtlerin Millicent Garrett Fawcett (1847–1929).

 

 


Neue Narrative

Vor gut einem Jahr wurde auf Island der Gletscher Okjökull mit einer Zeremonie für „tot“ erklärt. Dieser Tagesspiegel-Artikel vom 19.8.2019 erklärt sehr gut, was es mit der weltweit grassierenden Gletscherschmelze auf sich hat: Okjökull wegen der Erderwärmung geschmolzen

Quelle: Der Tagesspiegel

Quelle: Der Tagesspiegel

Andri Snær Magnason (* 1973 in Reykjavík) hat ein faszinierendes Buch geschrieben über die Geschichte der Gletscher, seine eigene Familiengeschichte, eine Reise nach Indien und die Gefahren in der Klimakrise weltweit. Magnason erfindet eine neue Sprache, neue Narrative, damit wir besser begreifen, was wir alles mit unserem andauernden Verhalten aufs Spiel setzen.
Wasser und Zeit – Eine Geschichte unserer Zukunft
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
Insel Verlag, 18.5.2020

»Als Guðrún und Valur, die Geschwister meiner Großmutter, geboren wurden, rief man einen Pfarrer anstatt eines Arztes und sie starben. Jetzt wo die Erde in Gefahr ist, soll man da einen Ökonomen oder einen Ökologen rufen?«
Aus: Magnason, Wasser und Zeit, S. 242

Im Rahmen des internationalen literaturfestivals berlin ist Andri Snær Magnason eingeladen ins FUTURIUM zum Gespräch mit Maja Göpel, Christiane Grefe und Claudia Kemfert. Ich freu mich, am 11.9. dabei zu sein. Damit alle auch von zu Hause aus dabei sein können, wird »Gegenwart und Zukunftsperspektiven der Bioökonomie« live im Internet übertragen.
Zum Livestream am 11.9.2020 ab 18 Uhr auf youtube

Höchstwahrscheinlich würde sich Andri Snær Magnason auch ausgezeichnet mit der indischen Aktivistin Dr. Vandana Shiva (* 1952) verstehen. Ihr Buch Eine andere Welt ist möglich. Aufforderung zum zivilen Ungehorsam, entstanden aus Gesprächen mit dem französischen Journalisten Lionel Astruc, ist vor einem Jahr erschienen.

Vandana Shiva erzählt über ihr Leben, ihre Motivation, ihre Kämpfe gegen Monsanto, Nestlé und Co. und von ihrer  Vision für eine bessere Zukunft. Zur Leseprobe (PDF) auf der Seite des Oekom Verlags.

Als Einstimmung bietet sich dieses Interview mit Vandana Shiva (spricht sich übrigens mit kurzem i) auf utopia.de an.
»Wie ich mit dem Druck umgehe: Indem ich von der Natur und der ökologischen Landwirtschaft lerne. Es gibt ein inneres System: Ein Samenkorn – es ist winzig – wird eingepflanzt und zum Baum. Oder zu einer Haferpflanze oder zu Gerste. Das Korn weiß im Inneren, dass es eine Gerste ist, niemand muss ihm das sagen. Wenn wir unser Selbstbewusstsein aufrechterhalten, unsere innere Orientierung und unser Gewissen, dann kann uns keine Gewalt von einem äußeren patriarchalen System innerlich etwas anhaben.« Vandana Shiva im utopia-Interview vom Februar 2020.

Quelle: youtube

Quelle: youtube

Im Januar hat Vandana Shiva eine großartige Rede zur Eröffnung der Lessingtage 2020 im Hamburger Thalia-Theater gehalten, die ebenfalls bei youtube nachzuerleben ist [auf Englisch, 40 min].

Gern erinnere ich noch mal an den Globalen Klimastreik von Fridays For Future am Freitag, dem 25.9.2020

Fight Every Crises war das Motto der coronabedingt ersten digitalen Großdemo am 24.4.2020. Alle Krisen, die uns zur Zeit bedrohen, treffen uns je nach Alter, Wohnort, Einkommen etc. sehr unterschiedlich, global als auch hier in Deutschland. Der Paritätische Wohlfahrtsverband und der Verein Sanktionsfrei haben ein kurzes Quiz zu Hartz 4 ins Netz gestellt, bei dem ich ganz naiv und peinlicherweise nur eine Frage richtig beantwortet habe.

Gemeinsam

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

Aus: Rose Ausländer, Gedichte, S.Fischer

Für alle, die noch nicht genug Podcasts abonniert oder einfach Lust haben, einer begeisterten Musikliebhaberin zuzuhören, hier noch ein Tipp: NDR Kultur – Stereo. In der ersten Folge vom 29.8.2020 hat Carolin Emcke den venezianischen Komponisten Baldassare Galuppi (1706–1785) vorgestellt und eines ihrer Lieblingsstücke von Miles Davis, NDR Kultur – Stereo [19 min]. Galuppis schlicht schöne Sonata in C major bei youtube in voller Länge [15 min], eingespielt 1962(!) von Arturo Benedetti Michelangeli.

Quelle: Der Tagesspiegel

Ganz ignorieren lässt sich die Pandemie auch im Textbeet nicht.
Wie das Coronavirus den Körper befällt zeigt interaktiv und gut verständlich, wie das Virus den Menschen benutzt, um sich zu vermehren. Also weiter Hände waschen, Maske auf, Abstand halten und unbelüftete Räume meiden.