textbeet

Kompost für den Alltag


Am Limit

Rio Reiser (1950–1996) hat sich vor 35 Jahren vorgestellt, wie’s wär, König von Deutschland zu sein. Inzwischen sind wir weiter und ich stelle mir vor, wie’s wär, Kaiserin von Europa zu sein.

(c)Lienhard Schulz Tempolimit im Naturpark Nuthe-Nieplitz

Meine ersten Verfügungen als Kaiserin von Europa wären: tagsüber Tempo 100 auf allen Autobahnen, so wie in den Niederlanden, und Tempo 130 von 19 bis 6 Uhr. Luxussteuer auf Hochprozentiges, SUVs, Yachten usw. Außerdem mehr Bürger*innenversammlungen, Grundeinkommen, Subventionen nur noch für ökologisch-nachhaltige Landwirtschaft etc. Ich bin sicher, uns fallen noch eine Menge anderer Maßnahmen ein, die nicht zwingend im Koalitionsvertrag stehen.

Demo in Berlin am 19.11.2021 (Quelle: FFF)

Fridays for Future z. B. fordert von der neuen Bundesregierung in den ersten 100 Tagen:

  1. Die Verabschiedung eines 1,5°C-konformen CO2-Budgets, verbindlich als Grundlage eines Reduktionspfades, unabhängig kontrolliert mittels eines Mechanismus zur Prüfung aller Gesetze und Infrastrukturprojekte auf Kompatibilität mit dem CO2-Budget
    Mehr zu den Forderungen

Leider beschäftigt uns gleichzeitig noch immer die weiter eskalierende Corona-Lage 😡😡😡
Wer sich um Ungeimpfte im eigenen Umfeld Sorgen macht, denen empfehle ich: Sascha Lobo, Warum soll ich mich impfen lassen? – seit dem 17.11.21 online auf spiegel.de, ausdrücklich zum Weiterleiten.

Verhärtete Fronten gibt es bekanntermaßen auch beim Thema Gendern. Tscha. Bereits in der Gründungsakte der Goethe-Universität Frankfurt von 1914 ist übrigens von „Studierenden“ die Rede, worauf neulich Frau Prof. Dr. Helma Lutz bei einer Podiumsdiskussion aufmerksam machte.
Gern genommen wird als Argument für das generische Maskulinum, man dürfe das Gerundivum „studierend“ nicht benutzen, denn man könne ja unmöglich gleichzeitig studieren und Pizza essen.
Ob es 1914 in Frankfurt schon Pizza-Lokale gab?

Die Podiumsdiskussion GENDER(n) – Wahn oder Sinn? [verlinkt zu youtube] fand am 19.10.2021 in der Reihe „Die Stunde der Wahrheit“ auf Einladung der hessischen Wissenschaftsministerin statt.
Auch Prof. Harald Lesch hat sich in seiner ZDF-Sendung Leschs Kosmos im Oktober dem Thema Gleichberechtigung gewidmet und bezieht sich dabei auf einige Studien: Gendern – Wahn oder Wissenschaft?

Quelle: ZDF_Mediathek

Inzwischen sei wissenschaftlich belegt, dass eine männlich geprägte Sprache zu einem männlich geprägten Blick auf die Gesellschaft beiträgt. Gendern könne dagegen wirken. Harald Lesch sagt: „Der veränderte Sprachgebrauch führt zu einer erweiterten Gedankenlandschaft.“ Klingt doch gut.
Nachzusehen ist das Video in der ZDF-Mediathek bis zum 6.10.2026. Bis dahin ist es hoffentlich selbstverständlich, Frauen sprachlich nicht nur mitzumeinen, sondern auch mitzunennen.

Frauen im Literaturbetrieb sichtbarer zu machen, gehört zu den Anliegen der Literaturwissenschaftlerin Dr. Nicole Seifert. Ihr Buch FRAUEN LITERATUR: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt und ihren Blog NachtundTag habe ich grad für mich entdeckt.
Nicole Seifert, FRAUEN LITERATUR: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt
Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, erschienen am 9.9.2021

Meine jüngste Buch-Entdeckung, im Podcast Das Lesen der Anderen empfohlen von der Berliner Schriftstellerin Kirsten Fuchs:

Avant-Verlag 2019

In I’m every woman erzählt Liv Strömquist den Mythos vom männlichen Genie neu, aus weiblicher Perspektive, z. B. aus der Sicht von Jackson Pollocks Frauen, den Künstlerinnen Lee Krasner und Ruth Kligman.
Liv Strömquist, geboren 1978 im schwedischen Lund, gilt als eine der einflussreichsten feministischen Comiczeichnerinnen. Die junge Buchhändlerin, bei der ich den Comic telefonisch bestellt habe, wusste gleich, wen ich meine …

Wenn eine Frau sagt »Jeder«, meint sie: jedermann.
Wenn ein Mann sagt »Jeder«, meint er: jeder Mann.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)


Aufbrüche

»Weitermachen ist sinnlos, aber aufhören ist noch sinnloser. Also machen wir weiter!«

Sr. Ruth Pfau (1929–2017)

Gemeinsam mit lokalen Initiativen wie Alle Dörfer Bleiben ruft Fridays For Future zu einer Demonstration am 31.10.2021 um 12 Uhr in Lützerath auf.

Quelle: openstreetmap

Die Demonstration richtet sich gegen die geplante Ausweitung des Braunkohle-Tagebaus Garzweiler, wodurch sechs Dörfer umgesiedelt werden müssten.
„Im Rheinland entscheidet sich gerade, ob Deutschland seine Versprechen zu 1,5-Grad einhalten kann … Wir fordern von der nächsten Bundesregierung den Erhalt von Lützerath und allen Dörfern am Tagebau sowie einen Kohleausstieg bis spätestens 2030“, sagt Christina Schliesky, Sprecherin von Fridays for Future.

Panorama-Aufnahme (Ausschnitt) des Tagebaus Garzweiler 2005
© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Passend dazu aus der Reihe Für mich neue Wörter: Solastalgie
Solastalgie bezeichnet ein belastendes Gefühl des Verlustes, das entsteht, wenn jemand die Veränderung oder Zerstörung der eigenen Heimat bzw. des eigenen Lebensraums direkt miterlebt. Solastalgie ist eine Kombination aus dem lateinischen Begriff sōlācium (Trost) und der griechischen Wurzel -algia (Schmerz, Leiden, Krankheit). Quelle: Wikipedia

Tsitsi Dangarembga, Friedenspreisträgerin 2021

Am vergangenen Sonntag wurde der aus Simbabwe stammenden Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga in der Frankfurter Paulskirche der Friedenpreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Auf der Friedenspreis-Website lassen sich alle Reden nachhören und -lesen. Besonders bewegend fand ich die Rede der Preisträgerin.

Die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Karin Schmidt-Friderichs hatte in ihrer Rede so begeistert von Tsitsi Dangarembgas Tambudzai-Trilogie, insbesondere den Romanen Aufbrechen und Überleben erzählt, dass ich dachte, vor allem Aufbrechen muss ich unbedingt lesen.

Aus dem Englischen von Ilija Trojanow
Orlanda Verlag, 280 Seiten, erschienen am 15.12.2019
Aus dem Englischen von Anette Grube
Orlanda Verlag, 376 Seiten, erschienen am 30.8.2021
Hanser Verlag, 128 Seiten, erschienen am 17.8.2020

Außerdem auf meiner Leseliste: Frausein von Mely Kiyak, die in diesem Jahr als erste Autorin mit dem BücherFrauen-Literaturpreis ausgezeichnet wird.

Mely Kiyak ©Jacqueline Illemann

Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung ist mit der Statuette Christine verbunden, benannt nach der Schriftstellerin und Philosophin Christine de Pizan (um 1365 bis um 1430).
Barbara Fischer stellt Christine de Pizan [Link zum BücherFrauen-Blog] in ihrem sehr lesenswerten Beitrag vor.

Von Torsten Körners Dokumentarfilm DIE UNBEUGSAMEN hatte ich ja schon im September geschwärmt. Ich habe ihn grad zum zweiten Mal gesehen, wiederum mit einer Mischung aus Entsetzen und Vergnügen, nachdem ich In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten gelesen habe – großartig wie der Film und mit noch mehr Einblicken in diese Welt der Bonner Republik, die immer weiter nachwirkt.

KiWi-Taschenbuch, 368 Seiten, erschienen am 19.8.2021


Wann Alina Bronsky wohl eine Fortsetzung von Barbara stirbt nicht schreibt? Denn das Einzige, was mir an ihrem jüngsten Roman nicht gefallen hat, ist das etwas abrupte Ende der tragikomischen Erzählung von Walter Schmidt und seinen Strategien für seine neue Lebensphase …

Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, erschienen am 9.9.2021

Zum Abschluss ein Foto vom August 2021 aus einer neuen kleinen Serie, die in lockerer Folge Umgedeutete Verkehrsschilder vorstellt:

Foto: marengide, gesehen in Blankenese an Broers Treppe


Kurze Sommer

15 Stunden 15 Minuten Hörvergnügen

Karen Duve hat ihren jüngsten Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer selbst eingelesen und ich habe beim Hören der CDs an ihren Lippen gehangen. Als Münsteranerin kannte ich Annette von Droste-Hülshoff natürlich, unsere berühmte Dichterin. Mit vollem Namen Anna Elisabeth Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica Freiin von Droste zu Hülshoff (1797–1848). Die Judenbuche war Schullektüre und die Burg Hülshoff ein beliebtes Ausflugsziel. Im Roman begegnen wir der jungen Annette, der Rebellin der Familie, bekannt mit den Brüdern Grimm und vielen anderen namhaften Zeitgenossen, inmitten politischer Umbrüche. Karen Duve ist ein ganz besonderes Gesellschaftsporträt gelungen, in dem immer wieder Bezüge zu unserer vergleichsweise rastlosen Zeit aufblitzen.

Der Roman ist 2018 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich. Also, für alle, die lieber selber lesen.

Auf der kürzlich erschienenen Doppel-CD Wir rufen Dich, Galaktika der großartigen Dota Kehr findet sich auch ein Sommer-Song: Sommer für Sommer [Link zu youtube]. Ein Auszug:

Also lieg ich im Gras
So als würde die Welt nichts von mir woll’n
Und der Tag geht vorbei, egal was man tut oder lässt …
Sommer für Sommer wünsch ich mich wieder dorthin zurück
Die Sonne wärmt mich mit zärtlicher Gleichgültigkeit

Dota Kehr

Dota ist mit ihrer Band auf Tour und es gibt für viele Konzerte noch Karten, z. B. für das im Jovel am 1.12.21.

Urlaubserinnerungen Amrum 2021

Mit einer symbolischen Menschenkette von Hamburg bis zum Mittelmeer möchte „Rettungskette für Menschenrechte“ ein Zeichen für mehr Menschlichkeit und gegen das Sterben im Mittelmeer setzen. Acht Tage vor der Bundestagswahl.

Die Aktion findet am 18. September 2021 um 12 Uhr in Deutschland, Österreich und Italien statt.
Der Kampagnenflyer Hamburg zum Herunterladen.

Damit diese Bundestagswahl doch noch eine Klimawahl wird, gehen am 24. September 2021 wieder Zehntausende beim Globalen Klimastreik auf die Straße. In über 350 deutschen Städten [Link zur Karte]. Du auch?

Und apropos Bundestag muss ich noch einen Filmtipp loswerden:

– seit Ende August und hoffentlich noch lange in den Kinos, ist dieser Dokumentarfilm von Torsten Körner absolut sehenswert. Unfassbar, was männliche Kollegen sich diesen couragierten Politikerinnen gegenüber damals alles herausgenommen haben.

Das grüne »Feminat« 1984


Mensch

Homo sapiens? … verstehend, verständig??

Der Mensch heißt Mensch
weil er vergisst
weil er verdrängt

Herbert Grönemeyer

Auf die Frage, wie Veränderung gelingt, sagt Maja Göpel: »Wenn Menschen mit Überzeugungen sich zusammenschließen und ihre Fähigkeiten bestmöglich einsetzen.«

Maja Göpel, Transformationsforscherin, Politökonomin und seit 2020 wissenschaftliche Direktorin der Hamburger Denkfabrik The New Institute wurde am 21. Juni in Stuttgart mit dem Erich-Fromm-Preis 2021 [verlinkt zur Preisverleihung bei youtube] ausgezeichnet – herzlichen Glückwunsch!

Ihr neues Buch Wir können auch anders erscheint am 18.10.2021, rechtzeitig vor der Frankfurter Buchmesse (20.-24.10.). Cooler Titel, oder? Der Film, an den wir uns da vielleicht gleich erinnern, mit Joachim Król u. v. a. tollen Schauspieler*innen, ist tatsächlich schon 28 Jahre alt …

Was man leicht mal vergisst oder verdrängt, ist die Macht der Lobbyisten, wenn es darum geht, notwendige Transformationen zu verhindern, um lieber weiterhin Profit zu schlagen aus klimaschädlichem Wirtschaften. Die beiden Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres haben drei Jahre intensiv recherchiert für ihr Buch Die Klimaschmutzlobby.

Cover Die Klimaschmutzlobby

Susanne Götze, Annika Joeres
Die Klimaschmutzlobby
Wie Politiker und Wirtschaftslenker die Zukunft unseres Planeten verkaufen
Piper, 2. Juni 2020. Das Taschenbuch erscheint am 7. Januar 2022.

Tilo Jung hat am 28.6.2021 mit Annika Goeres ein schönes erhellendes Gespräch [verlinkt zu jungundnaiv-podcast.de] geführt, das leider keine gute Laune macht.
Jedenfalls liefern die beiden Journalistinnen mit ihren Recherchen 1000 Argumente für ein konsequenteres(!) Lobbyregister, das übrigens vor allem die CDU immer noch blockiert.

STILL Jubiläumssendung vom 10.6.2021

Auch das ARD-Politmagazin Panorama steht für gründlichen Faktencheck. Sehr empfehlen kann ich die Jubiläumssendung vom 10.6.2021 mit der großartigen Anja Reschke. Wie alle anderen Panorama-Sendungen seit 1961 soll auch die Jubiläumssendung für immer in der ARD-Mediathek zu sehen sein. Jedenfalls so lange es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt …

Spielszene aus der Panorama-Jubiläumssendung mit „dem Fräulein Reschke“

Der Mensch heißt Mensch
weil er vergisst
weil er verdrängt

Der südafrikanische Künstler William Kentridge macht Kunst, die man nicht so schnell vergisst. Unbedingt empfehlenswert ist die Werkschau in den Hamburger Deichtorhallen, leider nur noch bis zum 1.8.2021 zu erleben. Auf deichtorhallen.de findet sich eine Fülle von tollen Videos mit Gesprächen und Einblicken in den einzigartigen Kentridge-Kosmos.

William Kentridge, Why Should I Hesitate: Putting Drawings to Work


Sommerschatten

»Wir müssen den Mut zu einer echten Transformation haben. Wir leben weltweit auf Kosten jüngerer und künftiger Generationen. Das ist einfach die bedrückende Wahrheit.« So Kanzlerin Merkel anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Nachhaltigkeitsrates am 8. Juni 2021 in Berlin.

Transformation … Change … Wandel …

A Better Place | Playing For Change | Song Around The World

Diese Musikerinnen hatten schon vor vielen Jahren einen Plan und den entsprechenden Spirit, wenn sie singen: »Freedom and Justice is the Melody that let us shine on«
Playing For Change gibt es bereits seit 2002 …

Nichts weniger als Klima-Gerechtigkeit – Climate Justice – wollen Fridays for Future, aber noch fehlt es an den notwendigen Schritten. Am Freitag, 18.6.2021 finden wieder Demos vor Ort statt.

Eine Lösung wäre die Verkehrswende. Schon in den 1980ern hatte ich diese Zeichnung als Aufkleber am Rad:

wiedergefunden auf Fahrradkultur in Augsburg

Endlich habe ich ein Kinderbuch gelesen, das ich jahrzehntelang ignoriert habe, shame on me:
Roald Dahl, Matilda


illustriert von Quentin Blake https://www.quentinblake.com
übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt

Illustration: Sir Quentin Blake

Sommerschatten

Wie angenehm
lebt es sich
für einen Augenblick
mit dem Sommerschatten,
diesem Abdruck
der Seele,
warm
auf dem atmenden Stein

Peter Härtling

752 Seiten, Kiepenheuer & Witsch 2001
Sommerschatten in unserm Garten


Zuversichtlich

»An all die Bücher zu denken, die mir noch zu lesen bleiben, macht mich glücklich.«
Jules Renard (1864–1910)

Es gibt sehr schöne Spruchkarten, denen ich dennoch widersprechen möchte. Mich machen sie eher unglücklich, all die ungelesenen Schätze in unserm Bücherregal. Vielleicht hat jemand einen Rat? Gern an mg(at)textbeet.de. Danke schon mal.

Diese Bücher lese ich in meiner Not grad parallel und finde sie alle auf ihre Art lohnend:

Nicola Kabel, Kleine Freiheiten
271 Seiten, C.H.Beck 2021

Rebecca Solnit, Unziemliches Verhalten. Wie ich Feministin wurde
Übersetzt von Kathrin Razum
270 Seiten, Hoffmann und Campe 2020

Emilia Roig, Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung
397 Seiten, Aufbau 2021
„Dieses Buch wird verändern, wie Sie die Welt wahrnehmen und Sie verstehen lassen, was Gerechtigkeit wirklich bedeutet.“ Teresa Bücker

Climate Justice – eine der wichtigsten Forderungen von Fridays for Future. Die FFF-Aktivist*innen an der Uni Hamburg haben eine beeindruckende Ringvorlesung organisiert: „Our House is on fire“ (verlinkt zu youtube).

Screenshot vom Ende der Veranstaltung am 6.4.2021 mit 1500 Live-Teilnehmenden

In der ersten von vierzehn Vorlesungen erklärt Prof. Dr. Dirk Notz die Grundlagen der Klimakrise. Dirk Notz (*1973) ist seit 2019 Professor für Kryosphäre mit dem Schwerpunkt Meereis an der Uni Hamburg und einer der Leitautoren des 2021 erscheinenden Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC).

Zuversicht strahlt der taz-Chor aus, der anlässlich des ersten digitalen taz-labs, dem Jahreskongress der taz am 24.4.2021, eine Ohrwurm-Version von A Change Is Gonna Come (verlinkt zu youtube) aufgenommen hat. Richtig los geht’s bei min 02:44

Und wer gleich noch einen zweiten Empowerment-Song hören möchte: RESILIENT (verlinkt zu youtube) von Rising Appalachia

Leah und Chloe Smith von Rising Appalachia

I am resilient

I trust the movement

I negate the chaos

Uplift the negativ

I’ll show up at the table, again and again and again

I’ll close my mouth and learn to listen

Im Dezember 2020 haben Rising Appalachia ein tolles 1. Livestream Concert (verlinkt zu youtube) aufgezeichnet.
Hierzulande sind sie noch so unbekannt, dass man sie in der deutschsprachigen Wikipedia vergeblich sucht. Noch 🙂


Ostern – Aufstehen!

Politische Osternacht am 3.4.2021 in der Genezarethkirche in Berlin-Neukölln

Was mir besonders gut gefallen hat an dieser Politischen Osternacht – Rise!, war die Aufmerksamkeit für die 288 politischen Gefangenen (Stand 4.4.2021) in Weißrussland und die Bitte, ihnen Briefe ins Gefängnis zu schicken.
Auf 100xSolidaritaet.de kann man eine inhaftierte Person auswählen und die Briefvorlage herunterladen. Ausdrucken, unterschreiben, eintüten, frankieren, abschicken – ganz einfach.

Die Osternacht wurde in der Neuköllner Genezarethkirche gestreamt, in der seit Anfang des Jahres auch die Pfarrerin Jasmin El-Manhy im Segensbüro arbeitet – vielleicht ein Modell für die Zukunft der christlichen Kirchen? Im Tauchgänge-Podcast-Gespräch der Katholischen Akademie in Berlin vom 23.2.2021 erzählt Jasmin El-Manhy von dieser neuen Aufgabe und von ihrer eigenen Geschichte.

Wen ich bis vorgestern Abend auch nicht kannte, sind Bukahara und ihr Lied Afraid no More (Official Lyric Video bei youtube).

Still aus dem Video Afraid no More

Die 2009 gegründete Band besteht aus vier Multi-Instrumentalisten, die ihren Stil als „Gypsy, Reggae, Folk und Arabic–Balkan Sound“ beschreiben – eine tolle Entdeckung. Schön zum Einstieg [oder bin ich die Einzige, die Bukahara noch nicht kannte?] finde ich diese Rockpalast-Corona-Session (bei youtube, 17 min) beim Zirkus Roncalli aus dem Sommer 2020 mit Songs aus ihrem neuen Album Canaries in a Coal Mine.

Still aus der Rockpalast-Corona-Session

Afraid no More würde ich glatt übersetzen mit

Danke, Christine!


Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer (1901-1988)

Schon häufiger im Textbeet erwähnt habe ich die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, deren Bücher und feministisches Engagement ich großartig finde. Heute möchte ich ihren Vortrag vom Dezember 2020 empfehlen, anlässlich der Verleihung des Africa Freedom Prize der Friedrich Naumann Stiftung für Freiheit.

Die südafrikanische Journalistin Redi Tlhabi und Chimamanda Ngozi Adichie sprechen anschließend über ihren interessanten Vorschlag, den Männern mehr zuzutrauen als gewaltbereites Verhalten und darum die Messlatte für sie einfach etwas höher zu legen: What if we raise the bar for men? (bei youtube, 52:37 min)

Frühe Frauenpower 🙂


Wo fange ich an?

Vielleicht am besten mit einer meiner Lieblingsserien – dem Tatortreiniger. Vor fast 10 Jahren ist die erste Staffel gestartet, bis 2018 liefen 31 Folgen im NDR. In der Hauptrolle: Bjarne Mädel als Schotty. In der allerletzten Folge »Einunddreißig« wird der Tatortreiniger nach Begegnungen mit großartigen Schauspiel-Kolleg*innen tatsächlich zu Grabe getragen. Zurzeit kann man Schotty immerhin in der Folge 2 der 1. Staffel »Spuren« in der NDR-Mediathek erleben, noch bis zum 28.11.2021.

Und wo begegnet mir Bjarne Mädel grade eben wieder? In einem Spot der GRÜNEN!
Super gemacht, wie ich finde: #GeballterFeminismus​: Jetzt. Sofort. Immer.
(bei youtube, 2:52 min)

Dazu gleich einige Buchtipps, zum Teil noch auf meiner Wunsch-Leseliste, doch schon von vertrauenswürdigen Kolleginnen für lesenswert befunden:

Meike Stoverock, Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation
Tropen 2021


Bernardine Evaristo, Mädchen, Frau etc.
Aus dem Englischen von Tanja Handels
Tropen 2021

2019 ist Bernardine Evaristo für Girl, Woman, Other mit dem Booker Prize ausgezeichnet worden, gemeinsam mit Margaret Atwood.

Der Tropen-Verlag hatte am 25.2.2021 zur »digitalen Show« eingeladen, die Jackie Thomae live und super moderiert hat, das Video zum Nachsehen (bei youtube, 1:23:45) lohnt sich als Einstieg in den Roman.

Jackie Thomae am 25.2.2021 (c) Tropen
Bernadine Evaristo am 25.2.2021 (c) Tropen

Olga Tokarczuk, Unrast
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
Am 25. Februar 2021 als Taschenbuch erschienen

Als Olga Tokarczuk 2019 in Stockholm der Literatur-Nobelpreis verliehen wurde, habe ich die polnische Autorin (*1962) nicht weiter beachtet. Bis ich neulich über eine Bemerkung von Eva von Redecker wieder auf sie aufmerksam und doch endlich neugierig geworden bin.

Olga Tokarczuk, Der liebevolle Erzähler.
Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur.
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes
Kampa Verlag 2020

Hannah Arendt (1906–1975) begegnet uns ja erfreulicherweise immer wieder und Rosa Luxemburg (1871–1919) besonders häufig dieser Tage, weil ihr 150 Geburtstag gefeiert wurde. Wie schön, dass die niederländische Philosophin Joke J. Hermsen die beiden einflussreichen Frauen bei Wagenbach in einem SALTO-Band zusammengebracht hat.

Joke J. Hermsen, Rosa und Hannah. Das Blatt wenden
Aus dem Niederländischen von Gerd Busse
Wagenbach 2021

Auf zeit.de wird fast jeder Corona-Tag seit einigen Monaten versüßt mit einem Känguru-Comic von Marc-Uwe Kling und dem kongenialen Bernd Kissel.
Über die ersten Comics können sich nur noch Z+-Abonnent*innen amüsieren. Ich empfehle, erst mal ordentlich nach unten zu scrollen, um dann in der chronologischen Reihenfolge zu lesen.

Bild aus Folge 68 „Der Prozess“ © Marc-Uwe Kling + Bernd Kissel

»Es ist schön zu leben, weil Leben Anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.«
Cesare Pavese (1908–1950)


Die Hoffnung …

mittelhochdeutsch hoffen, niederl. hopen, engl. to hope, vielleicht verwandt mit hüpfen und dann ursprünglich wohl (vor Erwartung) aufgeregt umherhüpfen.
Quelle: Duden

Still aus dem Video ZAZ, »Je veux« von 2018

Vielleicht sollten wir häufiger von unseren Sesseln, Sofas und Bürostühlen aufstehen, Musik anmachen (zum Beispiel Je Veux von ZAZ) und rumhüpfen. Nur eine Idee.

Blick aus unserem Küchenfenster im August 2020

»Die Hoffnung kann lesen« ist ein wunderbarer Text von Fulbert Steffensky (*1933) überschrieben, im Anderen Advent von 2018. Ein Zitat:

»Die Hoffnung … vermutet in den kleinen Vorzeichen das ganze Gelingen. Sie stellt nicht nur fest, was ist. Sie ist eine wundervolle untreue Buchhalterin, die die Bilanzen des Lebens fälscht und einen guten Ausgang des Lebens behauptet, wo dieser noch nicht abzusehen ist …«

Fulbert Steffensky, in: Der Andere Advent 2018

Foto: Julia Volk

Hoffnung strahlt auch das Inaugural Poem The Hill We Climb von Amanda Gorman (*1998) aus. Amanda Gordams grandiosen Auftritt am 20.1.2021 bei der Amtseinführung von Joe Biden kann man sich (zum Beispiel) über den Guardian-News-Kanal bei youtube (immer wieder) ansehen [5:42].

Amanda Gorman gibt am 27.1.21 Antworten, die das Internet wissen muss.

Wer mehr über Amanda Gorman erfahren möchte, kann (zum Beispiel) das Video anschauen, in dem sie alle Fragen beantwortet, die »The Internet Needs to Know« [5:22] oder auch ihre Website besuchen.
Was mir gleich aufgefallen ist: Die junge Dichterin hat ihre Bücher im Regal so wie ich nach Farben sortiert!

in Vorbereitung: eine Kinder-Hymne

Ihr erstes Bilderbuch »Change Sings. A Children’s Anthem« soll im September 2021 erscheinen. Wegen des schönen Covers erwähne ich es schon mal.
»The Hill We Climb« erscheint auf Deutsch am 17.3.2021 bei Hoffmann und Campe.

Foto: freestocks.org

Auf mehr Insekten hofft die Journalistin Christiane Habermalz (*1968). Wir könnten die Winterpause zum Lesen nutzen, damit wir im Frühling wissen, was wir beitragen können.

Christiane Habermalz, Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam
288 Seiten, erschienen am 22.4.2020
Diese Bekenntnisse einer Guerillagärtnerin hat Inka Hagen so hübsch illustriert, dass ich mich schon auf den Sommer freue. Na sowieso.

Im Hintergrund höre ich grad übrigens Life Goes On, das vor einem Jahr erschienene Album von Carla Bley (*1936), das ich nicht nur wegen des zuversichtlichen Titels großartig finde. 1988 habe ich Carla Bley und Steve Swallow in St. Johannis Harvestehude erlebt – was für ein tolles Konzert!
Bestellen kann man Life Goes On z. B. bei jpc. Auch dieser Hinweis ist wie alle anderen Hinweise uneigennützig.

Carla Bley hat ihr eigenes Label WATT bei ECM-Records

Immer wenn ich einen Hoffnungsvorrat angesammelt habe, verkrafte ich einen von Sascha Lobos Realitätsschocks, gelesen von ihm selbst. Sascha Lobo (* 1975), lebt als Publizist in Berlin und im Internet, so steht es jedenfalls auf der Verlagsseite.
Sascha Lobo, Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart
400 Seiten, erschienen am 12.9.2019

https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Realitaetsschock/Sascha-Lobo/Random-House-Audio/e566735.rhd

Zur Erholung nach einem Schock kann ich diesen veganen Kuchen empfehlen, den ich heute zum ersten Mal gebacken habe.

Veganer-Schoko-Streusel-Kuchen

  • 200 g Alsan-Bio-Margarine
    200 g Rohrzucker
    1 Pck. Vanillezucker
    350 g Mehl
    40 g Kakao
  • 100 g gemahlene Mandeln
  • 300 g Johannisbeeren (tiefgefroren)
  • 400 g vegane Joghurt-Alternative
    100 g Rohrzucker
    1 Pck. Vanillepuddingpulver
  • Die ersten fünf Zutaten zu einem streuseligen Teig kneten. Mit gut der Hälfte davon eine gefettete oder mit Backpapier ausgelegte Springform auskleiden und anschließend den Boden mit den Mandeln bestreuen. Die Beeren darauf verteilen.
  • Die weiteren drei Zutaten verrühren und auf die Beeren geben, mit dem restlichen Teig bestreuseln.
    Im (nicht vorgeheizten) Backofen auf der 2. Schiebeleiste von unten bei 160 °C (Umluft) 45 bis 55 Minuten backen.
    (c) Maren