textbeet

Kompost für den Alltag


Naja, naja

Während des G20-Gipfels vor drei Wochen war Hamburg im Ausnahmezustand. Ich bin froh, dass es keine Toten gab. Die Bilder von den mutwilligen Zerstörungen durch radikale Autonome und andere Krawallmacher, Videos von Wasserwerfern im Einsatz und von martialischen Polizeiaufmärschen überschatten leider die Bilder von den friedlich Engagierten bei den Demonstrationen Hamburg zeigt Haltung und Grenzenlose Solidarität statt G20.

Darum hier fürs Nichtvergessen zwei Fotos vom 2. und 8. Juli – gewaltfreie Proteste für berechtigte Anliegen wie Meinungs- und Pressefreiheit, Menschenrechte, fairer Welthandel, Klimaschutz, religiöse Toleranz …

Auf der Alster am 2.7.17. Foto: Gela Linne

Grenzenlose Solidarität am 8.7.17. Foto: Gela Linne

Das Verb demonstrieren wurde übrigens im 16. Jh. aus lat. demonstrare „hinweisen, deutlich machen“ entlehnt. Zugrunde liegt lat. monstrum „Mahnzeichen“, das auch für Ungeheuerliches steht.

Beim Schlagermove vorletztes Wochenende waren es angeblich 400.000 ungeheuer Begeisterte …
Wahrscheinlich haben sie nicht nach Naja, naja von Soulsänger Stefan Gwildis getanzt. Wem aber wie mir der andauernde Regen grad echt auf die Nerven geht, denen empfehle ich das Gute-Laune-Lied  – „denn in uns glüht ein Vulkan“. Als Made-in-Germany-Flickr-Video [2:50 min]. „Auch in Karlsruhe, Osnabrück und selbst in Bonn tanzt man in Straßen und Alleen …“ Münster wird nicht ausdrücklich genannt, ist aber bestimmt mitgemeint.

Vielleicht weil in Münster bald ein Ehemaligen-Treffen der Regensberger_innen stattfindet, anlässlich der Schließung von Europas ältester Buchhandlung vor 20 Jahren, ist mir etwas nostalgisch zu Mute.
In einem Artikel im münster-wiki ist über die Regensbergsche zu lesen, dass Lambert Raesfeld die Buchhandlung 1591 gründete, die erst 1832 nach dem damaligen Besitzer Ferdinand Regensberg umbenannt wurde und bis kurz vor ihrer Schließung 1997 im Familienbesitz blieb. Es sei „vorwiegend die weibliche Linie“ gewesen, „die den Bestand des Traditionsunternehmens sicherte.“


Die beiden Frösche in unserem kleinen Gartenteich erinnern mich an dieses Gedicht von Augustin Wibbelt (1862-1947) in Münsterländer Platt, das wir als Grundschulkinder noch auswendig gelernt haben.

Dat Pöggsken

Pöggsken sitt in’n Sunnenschien,
O, wat is dat Pöggsken fien
Met de gröne Bücks!
Pöggsken denkt an nicks.
Kümp de witte Gausemann,
Hät so raude Stiewweln an,
Mäck en graut Gesnater,
Hu, wat fix
Springt dat Pöggsken met de Bücks,
Met de schöne gröne Bücks,
Met de Bücks in’t Water!

Auf der Seite muenster.org ist eine Originalaufnahme vom Pöggsken mit Augustin Wibbelt zu hören.

Apropos Münster möchte ich nicht versäumen, auf die Ausstellung Skulptur Projekte 2017 hinzuweisen, zu erleben noch bis zum 1. Oktober. Die Skulpturen-Ausstellung findet seit 1977 alle zehn Jahre in Münster statt. Das vielleicht beliebteste Objekt 2017 – ein Unterwassersteg:

„On water“ von Ayşe Erkmen. Foto: Birgit Giering

Der Link Wissenswertes über die Skulptur Projekte 2017 führt zu einer interessanten Fotostrecke in den Westfälischen Nachrichten, die behaupten, dass die Skulptur-Projekte 1977 entstanden seien, „weil die Münsteraner mit zeitgenössischer Kunst nichts anzufangen wussten.“ – Naja, naja. – „Klaus Bußmann und Kasper König luden deshalb Künstler ein, am Ort Kunst zu realisieren.“

Keine neue Beet-Realisation ohne Buchempfehlungen. Für den nächsten LiteraturBrunch der Hamburger BücherFrauen im Februar 2018 sind wir schon wieder eifrig dabei, die Belletristik-Neuerscheinungen 2017 deutschsprachiger Autorinnen zu prüfen. Das für mich bislang beste Buch ist Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster von Susann Pásztor, bei Kiepenheuer und Witsch. Der noch unerfahrene Sterbebegleiter Fred ist mit seiner Aufgabe, die Fotografin Karla in ihren letzten Lebensmonaten zu begleiten, leicht überfordert. Doch er bekommt Unterstützung, ganz unerwartet, unter anderem durch seinen 13-jährigen Sohn Phil. Überzeugende Figuren und Dialoge, kein Wort zu viel.

        

Susann Pásztors zweiten Roman Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts (von 2013) habe ich gleich anschließend gelesen und bin auch von diesem Buch, das mit einem Schweigeseminar beginnt, sehr angetan. Nun freue ich mich noch auf ihr Debüt von 2010: Ein fabelhafter Lügner.

Zum guten Schluss eine neue Rubrik – das Sommerrätsel. Na, welcher Ort auf welcher Insel ist hier zu sehen?

Einsendeschluss ist der 1.9.2017. Es winkt ein Buchpreis und der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Allen, die im Sommerurlaub unterwegs sind, wünsche ich

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zusammen …

zählt für mich zu den schönsten deutschen Adverbien.
Im Duden 1 [Die deutsche Rechtschreibung] finden sich zwischen zusammenarbeiten und zusammenzucken sage und schreibe 101 Verben, darunter so bildhafte wie sich zusammenläppern und zusammentrommeln. Hundertundeins! Wenn ich mich nicht verzählt habe; ich bin ja kein Computer.

Blick auf die Seite 1208 des DUDEN 1

Regula Venske, seit gut zwei Wochen Präsidentin des deutschen PEN, sagte im Deutschlandfunk Kultur in der Sendung Fazit vom 30.4.2017 über ihre Motivation: »Ich glaube, wenn man sich nicht engagiert, dann kann man im Moment, wenn man die Nachrichten liest, recht depressiv und pessimistisch werden, und da tut es gut, sich mit anderen zusammenzutun und sich gemeinsam für das einzusetzen, was uns wichtig ist.«
National wie international setzt sich der PEN [Poets, Essayists, Novelists] ein für den Schutz und die Freiheit von Kultur, den ungehinderten Gedankenaustausch und die freie Meinungsäußerung.

Sophie Hunger stellt sich in ihrem Song NÜT (Dem Burghölzli zum Geburtstag) vor, was die Freiheitsstatue singt, wenn sie singt. Offiziell heißt die Freiheitsstatue übrigens Liberty Enlightening the World – und das seit 1886.
Ein Teil des Textes (auf Schwizerdütsch) findet sich unter dem Titel Z’Lied vor Freiheitsstatue bei songtexte.com. Der Refrain:

Lueg, mir isch schwindlig
Aber schwindlig bini nid
Lueg, I han es Riesse
Riesse chani nüt

Eine Übersetzung des Songs habe ich leider nicht gefunden. Dafür gibt es in dem Film Sophie Hunger – The Rules of Fire eine tolle Live-Version von NÜT zu sehen [ab Minute 43:30].
   
Vor einem Jahr hat Sophie Hungers Label Two Gentlemen diesen Film, ein Konzert-Porträt, wie soll man sagen – jedenfalls finde ich das Video ein bisschen speziell und ganz besonders beeindruckend. »Sängerin Sophie Hunger füllt Konzerthallen auf der ganzen Welt, gewinnt Preise, begeistert (fast) alle. Ist es ihre Stimme? Sind es ihre Texte? Ist es ihr Charisma? Ein filmischer Annäherungsversuch.« [Zitat zum Film auf youtube]

Kein textbeet-Beitrag sollte ohne eine Buchempfehlung bleiben. Heute rate ich zu  Alois Prinz, Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt. Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt bzw. Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt.
   
Meine Freundin Regina und ich haben Alois Prinz vor ein paar Wochen in der Buchhandlung Christiansen erlebt, das war ein spannender Abend mit dem Autor, der in weiteren Büchern u. a. die Lebensgeschichten von Ulrike Meinhof, Franz Kafka und Milena Jesenská erzählt.

Blick in die Buchhandlung Christiansen in Ottensen

Der leidenschaftliche Biograph Prinz wurde übrigens im März mit dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur 2017 ausgezeichnet. Seine Bücher erscheinen bei Beltz und Gelberg und teilweise (als Ausgaben für Erwachsene, wenn man das so sagen möchte) im Insel-Verlag.

Zum Abschluss die erste Folge einer neuen kleinen Serie, die in lockerer Folge Tipps fürs Bad vorstellt: Wer kein Fan von Seifenspendern ist und schon lange genug hat von Seifenresten in Seifenschalen: Ein kleiner Schwamm als Unterlage ist perfekt – Seifenrutschen passé.

   

Kann ich nur empfehlen [neulich gab’s noch drei Stück bei Budni für weniger als zwei Euro].


Augenzeug_innen

Gestern bin ich mit einer jungen Frau ins Gespräch gekommen. S. ist in Deutschland geboren, ihre Herkunftsfamilie stammt aus der Türkei. Irgendwann erzählt sie, dass sie kurdische Yesidin sei. Ihre Heimatstadt Mardin, eine uralte Stadt in der Südtürkei nahe der syrischen Grenze, sei in den letzten Jahren weitgehend zerstört worden. Es lebten aber noch Menschen dort, die beginnen würden, ihre Stadt wieder aufzubauen, obwohl sie keine Hoffnung auf Frieden mehr hätten.

Mardin (ein Ausschnitt) vor der Zerstörung

Zusammen mit ihrer Mutter hat S. vor Kurzem ein grenznahes Flüchtlingslager besucht, weil sie sich selbst ein Bild machen wollte. Die Lage dort sei kaum vorstellbar entsetzlich. Da es so gut wie nichts gebe, auch kein ausreichendes Trinkwasser, würden die Säuglinge von ihren älteren Geschwistern mit Zuckerstückchen gefüttert …
Das ist doch unerträglich. Wie können wir uns das noch länger mit ansehen? Wie können wir diese Situation länger verdrängen oder dulden? Das ist eine solche Schande für Europa!


Der Ostermarsch in Hamburg am Montag, 17. April, beginnt mit einer Andacht in St. Georg um 11.30 Uhr, die Auftaktkundgebung startet um 12 Uhr. Ich würde mich sehr freuen, viele von Euch (mit ihren Verwandten und Bekannten) dort zu treffen. Das Flugblatt zum Ostermarsch. Nähere Infos beim Hamburger Forum. Eine Übersicht über die bundesweit stattfindenden Ostermärsche hat das Netzwerk Friedenskooperative zusammengestellt.

Zum Aspekt, welche Rolle die Medien spielen in unserer Wahrnehmung der Ereignisse: Navid Kermani, Friedenspreisträger und Augenzeuge, berichtet in der Sternstunde Philosophie von seiner Reportage-Reise durch Tschetschenien und beklagt, dass die Redaktionen (Print, Hörfunk, TV) sich solche Berichterstattungen wegen des immensen Organisationsaufwand kaum noch leisten würden. Das beeindruckende, kluge Gespräch mit Barbara Bleisch vom 5.2.2017 unter dem Titel Was uns tröstet ist hier nachzusehen.

Was mich tröstet, sind Musik und Literatur [unter anderem].

Letztes Jahr habe ich Sophie Hunger mit meiner Freundin Nicola zusammen im Berliner Berghain erlebt. Das war großartig. Ich liebe ihre Doppel-CD The Rules Of Fire. Mehr Infos bei JPC und dem Label Two Gentlemen.
    
Tröstlich finde ich die Musik, die Joel Frederiksen mit seinem Ensemble Phoenix Munich aufgenommen hat: Requiem for a Pink Moon – An Elizabethan Tribute to Nick Drake, 2013 ausgezeichnet mit einem Echo Klassik.

Apropos Elizabethan: Grad heute Morgen habe ich wieder einen bemerkenswerten SWR2-Wissen-Podcast gehört: Elisabeth I von England – Eine Frau mit dem Herzen eines Königs. Mehr über die ebenfalls sehr interessante Autorin des Beitrags Imogen Rhia Herrad.

Auch Christa Wolf, deren Bücher ich immer wieder neu entdecke, schreibt als Augenzeugin. Posthum von ihrem Mann Gerhard Wolf herausgegeben: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert 2001-2011 – der Nachfolgeband zu ihrem Tagebuch-Projekt Ein Tag im Jahr. 1960-2000.

Christa Wolf schrieb am 27. September 2007: »Jeden Tag führt die Zeitung uns vor Augen, daß wir in einer wahnsinnigen Welt leben, die mit großer Beschleunigung auf eine Selbstzerstörung zutreibt. Ich wundere mich wirklich, daß so wenige Menschen das bemerken und daß wir anderen, die es bemerken, uns daran gewöhnt haben.«
    
Eine wunderbare Entdeckung für mich war zuletzt die amerikanische Dichterin Emily Dickinson  (1830–1886). Nur zehn(!) Gedichte wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht.

Hope is the thing with feathers
that perches in the soul
and sings the tunes without the words
and never stops at all.

In unserer nur zu lobenden Stadtbücherei fand ich das zweisprachige Hörbuch Emily Dickinson, Gedichte, in der Übersetzung von Gunhild Kübler, gelesen von Julika Jenkins, erschienen 2007 bei Kein und Aber, lieferbar noch bei JPC.

   
Emily Dickinson, Gedichte
Aus dem Englischen von Gunhild Kübler
560 Seiten, 2011 erschienen als Fischer Taschenbuch
Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte
Zweisprachig. Übersetzt und herausgegeben von Gunhild Kübler
1408 Seiten, 2015 bei Hanser erschienen

Der Beitrag Die geheime Lyrik der Emily Dickinson [im Deutschlandfunk-Archiv] bietet einen spannenden Einblick in Leben und Werk der fast vergessenen Dichterin. Sämtliche Gedichte [das sind 1789(!)] war Buch der Woche im April 2015.

Zum Schluss noch Neuigkeiten aus unseren Garten: Der Päckchenbote hat uns vorgestern eine Lieferung Regenwurmkokons von SUPERWURM auf die Terrasse gestellt. So ist das bei uns in der Kleinstadtsiedlung. Je nach Witterung sollen sie in einigen Monaten schlüpfen, die 1200 Superwürmer. Und gegen freie Kost und Logis in unserm Kompost und in den neuen Hochbeeten werden sie feinen Humus liefern. So ist jedenfalls der Plan.


Munition

Am vorletzten Wochenende habe ich in Frankfurt an einer Aktionskonferenz von pax christi teilgenommen und bin dort vielen sehr engagierten Menschen um die 60 begegnet. Auch nach Jahrzehnten friedensbewegter Arbeit und listiger Aktionen gegen die übermächtig wirkende Rüstungsindustrie sind sie noch immer mit Lust am Widerstand dabei. Sehr beeindruckend. Der Bericht von der Aktionskonferenz „Stoppt den Waffenhandel“ auf der Website von Ohne Rüstung leben.
   
Ebenfalls mitgewirkt hat die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, die in diesem Jahr ihr 125-jähriges Jubiläum begehen, denn schon 1892 gründete Bertha von Suttner mit weiteren Mitstreitern die Deutsche Friedensgesellschaft.

Die Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel! fordert einen Stopp deutscher Rüstungsexporte an menschenrechtsverletzende und kriegführende Staaten, genau so, wie es unser Grundgesetz vorschreibt.
»Blendet man aus, dass Waffen Menschen töten, mag man den Erfolg der deutschen Rüstungsindustrie begrüßen. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen – laut einer Emnid-Umfrage von 2016 sind es 83 Prozent – lehnt die Waffenexporte jedoch ab.« Quelle: Planet Wissen

Diese Aktion von 2015 wird 2017 wieder aufgenommen.

Lesenswert zum Thema Rüstungsexportkontrollen finde ich auch den Artikel in der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016: »Boom mit Bomben.  Der Rüstungskonzern Rheinmetall umgeht mit Tochterfirmen im Ausland deutsche Exportkontrollen und verdient prächtig. Auch am Bürgerkrieg im Jemen.«

Was ich vor dieser Aktionskonferenz noch für total absurd gehalten hätte: Ich werde mir eine Aktie von Rheinmetall kaufen. Und mein Stimmrecht an die Kritischen Aktionäre übertragen. Die Rheinmetall-Hauptversammlung 2017 findet am 9. Mai in Berlin statt. Gleichzeitig eine Demonstration vorm Maritim-Hotel unter dem Motto »RHEINMETALL ENTRÜSTEN. Wer Waffen sät, erntet Flüchtlinge!«
Für alle, die sich noch weiter informieren möchten, empfehle ich den Text von Otfried Nassauer „EXPLOSIVE AUSFUHREN. Munitionsexporte in deutscher Verantwortung“, hier als PDF.
Ich hör’ gleich auf, aber dieser Beitrag »Wie wir mit smarten Waffen richtig handeln können« gibt ebenfalls einen interessanten Einblick ins Thema. Veröffentlicht auf perspective daily, der Plattform für Konstruktiven Journalismus. Daraus:

Quelle: International Institute for Strategic Studies

Wer genug gelesen hat und lieber mal wieder etwas überwiegend Heiteres hören will:

Marc-Uwe Kling ist Kleinkünstler, selbst Pazifist, und er lebt mit einem Känguru zusammen, das beim Vietcong gewesen sein will.
Die Känguru-Chroniken berichten von seinen ersten Erlebnissen mit diesem schrägen Zeitgenossen. Bekannt geworden ist Marc-Uwe Kling zuletzt auch durch seine falsch zugeordneten Zitate.
Ein Beispiel: »Was darf die Satire? Alles!« Recep Erdoğan

Ebenfalls hörenswert:  Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie.
Wolf Biermann erzählt ganz persönlich von deutsch-deutscher Geschichte. Bei der Lesung von Burghart Klaußner übertönen zum Glück das Sachliche und das Ironische die Selbstverliebtheit des Autors. Einen meiner liebsten Texte schrieb Wolf Biermann 1968 für seinen Freund Peter Huchel (1903-1981): Ermutigung. Daraus die vierte Strophe:

Du, lass dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Darum der Plan für Ostern: runter vom Sofa, raus ausm Strandkorb. Denn Mitte April können wir wieder gemeinsam auf die Straße gehen. Wann, wenn nicht jetzt? Wenn tatsächlich 83 % der Deutschen gegen Rüstungsexporte sind, sollten doch große Friedensdemonstrationen zu organisieren sein … Die Ostermarsch-Termine 2017 auf der Website der Friedenskooperative.


… und Tee trinken

Im Netz finden sich diverse Erklärungen, woher die Empfehlung „Abwarten und Tee trinken“ stammen könnte. Die charmanteste ist, finde ich, dass es im 19. Jahrhundert in der so genannten besseren Gesellschaft Mode war, zu Literarischen Teeabenden einzuladen. Man diskutierte teetrinkenderweise mit den Gästen über vorgelesene Texte. Was genau man abwartete, bleibt unklar.
teegesellschaft
In diesen Tagen wünschte ich mir, von der Politik und von den Medien etwas mehr besonnenes Abwarten. Auch, dass „Nachrichten“ noch besser geprüft würden, bevor sie sich postfaktisch gerüchtehalber und uneinholbar verbreiten.
Doch das Zögern hat einen schlechten Ruf, zu Unrecht, wie in dem Feature Über das Zaudern vom 8.4.2016 auf SWR 2 nachzuhören ist.

Und welchen Tee sollte man trinken beim Sich-Zeit-Lassen? Am liebsten sollte er natürlich schadstoffarm sein, günstig und fair gehandelt. Zum Beispiel der von der Teekampagne vertriebene Darjeeling, angeblich der „Champagner“ unter den Tees. Angeboten in 500g- und 1kg-Packungen und ausgesprochen lecker.

Zum Tee passt Gebäck, zum Beispiel die Schoko-Mandel-Cranberrie-Kugeln, die ich grad besonders gern backe.
Und dazu passt außerdem doch noch:
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Obwohl dieser Spruch wohl schon seit Jahrzehnten an der Berliner Yorckbrücke prangt, habe ich erst neulich davon gehört – Dota Kehr zitiert ihn in ihrem Lied Utopie. Die Welt ist was Gemachtes [auf 3sat bei youtube].

Und immer wieder zum Tee nur zu empfehlen: ein gutes Buch. Seit ich vor einigen Jahren Mit Blick aufs Meer (im Original Olive Kitteridge, 2009 ausgezeichnet mit dem Pulitzer Prize for Fiction) von Elizabeth Strout gelesen habe, lese ich die neuen Bücher der US-amerikanischen Autorin, zuletzt My Name is Lucy Barton, shortlistet für den Man Booker Prize, auf Deutsch Die Unvollkommenheit der Liebe.

In den USA erscheinen Elizabeth Strouts Romane bei Penguin Random House, dem derzeit größten Publikumsverlag der Welt, in der Übersetzung von Sabine Roth im Luchterhand Verlag bzw. als Taschenbuch bei btb, ebenfalls Random House, also Bertelsmann.
cover_strout_blick   cover_strout_leben   cover_strout_lucy
Elizabeth Strout, Olive Kitteridge (2009)
Mit Blick aufs Meer
Olive Kitteridge ist die ehemalige Mathelehrerin von Crosby und zentrale Figur im Universum der kleinen Stadt in Maine.

Elizabeth Strout, The Burgess Boys (2013)
Das Leben, natürlich
Jim und Bob Burgess sollen sich um ihren 19-jährigen Neffen Zachary kümmern, der einen Schweinekopf vor die Moschee ihres kleinen Heimatortes gelegt hat.

Elizabeth Strout, My Name is Lucy Barton (2016)
Die Unvollkommenheit der Liebe
erzählt uns auf anrührende und schlichte Weise, wie aus Lucy Barton, nach einer harten Kindheit auf dem Land, eine New Yorker Schriftstellerin wird.

BTW: Herzlichen Glückwunsch an Graham Nash, der am 2. Februar 75 Jahre alt geworden ist. 1969 hat er meinen aktuellen Lieblingssong „Our House“ für seine Freundin Joni Mitchell geschrieben. 1970 ist „Our House“ auf dem Album Déjà Vu erschienen, und in dieser, wie ich finde, schönsten Live-Version bei youtube zu sehen.

joni_graham

Joni Mitchell und Graham Nash

I’ll light the fire, while you place the flowers
In the vase that you bought today.

Life used to be so hard,
Now everything is easy ‚cause of you.


alles zu viel

Von wegen „alles gut“ – alles zu viel! Zu viel Auswahl, zu viel aufm Zettel, zu viel Vorwahlkampfgerede, zu viel Angstmacherei, zu viel Finanzspekulation, zu viel Waffenexport, zu viel Lügerei, zu viel Gülle, zu viel Geld bei zu Wenigen, zu viel Gejammer. Dies aktuell meine persönlichen Top Ten.
Jedenfalls nicht: „alles gut“.

Deutliche Worte fanden die Ärzte schon 2003 in Deine Schuld: »Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt.«

„Alles zu viel“ meint übrigens nicht die guten Bücher, von denen es wohl kaum zu viele geben kann. Heute empfehle ich drei Romane, die ich noch nicht gelesen habe und auf die ich mich schon freue, den Empfehlungen von Freundinnen vertrauend, die jeweils sehr angetan waren.

Mercè Rodoreda, Der Garten über dem Meer
Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt

Marion Brasch, Ab jetzt ist Ruhe
Roman meiner fabelhaften Familie

Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama

cover_rodereda_garten  cover_brasch_ruhe  cover_gundar_loewen

Und noch eine Empfehlung von mir:
Aslı Erdoğan, Die Stadt mit der roten Pelerine
Aus dem Türkischen von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch
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Dieses sehr beeindruckende Buch, das ich gerade zu Ende gelesen habe, erzählt von der jungen Akademikerin Özgür in Rio de Janeiro, die ihre teils krassen Erlebnisse zu einem Roman verarbeitet. »Aslı Erdoğan ist eine außergewöhnlich feinfühlige und scharfsichtige Autorin, ihre Romane sind vollendete Werke.« Orhan Pamuk
Die Autorin saß von August bis Ende Dezember 2016 in Istanbul in Untersuchungshaft. Angeklagt ist sie u. a. wegen „Zerstörung der Einheit und der Integrität des Staates“. Gegen Kaution frei, darf sie die Türkei nicht verlassen. Der nächste Prozesstermin ist für den 14. März 2017 angesetzt.
Aspekte (ZDF) hat am 20.1.2017 ein Interview mit ihr gesendet, hier nachzusehen [7 min].

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich eine begeisterte Podcast-Hörerin bin? Abonniert habe ich das akustische Sachbuchprogramm von SWR2 Wissen. Ich bin Fiction-Fan, keine Sachbuchleserin, doch diese halbstündigen Features finde ich fast immer spannend und erhellend. Die Themen: Vorurteile, Exoplaneten, Tiefdrucktherapien, Finanzmärkte, Ostseedorsche, wiederbelebte Dörfer etc.

Ein Rat von Papst Johannes XXIII.  (1881-1963) zum Schluss

Nimm dir nicht zu viel vor.
Es genügt die friedliche, ruhige Suche nach dem Guten an jedem Tag,
zu jeder Stunde, und ohne Übertreibung und ohne Ungeduld.


Ankommen

»Bei uns geht man davon aus, dass die Zeit vergeht. 95 % der Erdbevölkerung geht nicht davon aus, dass die Zeit vergeht, sondern die Dinge wiederholen sich zyklusartig. Das heißt, wenn ich etwas jetzt verpasse, kommt es wieder.«
Mehrnousch Zaeri-Esfahani
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In dem total interessanten Gespräch auf Deutschlandradio Kultur erzählt Zaeri-Esfahani, die 1985 als Zehnjährige mit ihren Eltern und Geschwistern aus Iran nach Deutschland geflohen ist, u. a. von ihrer Arbeit in der Flüchtlingsbetreuung.
Im Peter Hammer Verlag ist 33 Bogen und ein Teehaus erschienen, in dem Mehrnousch Zaeri-Esfahani ihre Kindheit in Isfahan und ihr Ankommen in Heidelberg beschreibt. Das Jugendbuch, das sie für alle, nicht nur für Jugendliche, geschrieben hat, wurde bereits vielfach ausgezeichnet. Illustriert hat es ihr Bruder Mehrdad Zaeri-Esfahani.
cover_zaeri_33bogen    cover_rothschild_improbability
Meine zweite Empfehlung ist The Improbability of Love von Hannah Rothschild, auf der Shortlist zum Baileys Women’s Prize for Fiction 2016, bei der Deutschen Verlagsanstalt unter dem Titel Die Launenhaftigkeit der Liebe erschienen. Schauplatz ist London, genauer gesagt die dortige Kunst- und Kunstmarktszene, wo ein wieder aufgetauchtes Gemälde für Aufregungen sorgt. Sehr spannend, ein ganz bisschen romantisch und auch die Perspektive des Gemäldes – moi – kommt nicht zu kurz.

Apropos Lesen fand ich die Jahrestagung der BücherFrauen zum Thema »Lesekultur 2030« neulich in Berlin ausgesprochen anregend. In ihrem Impulsvortrag plädierte die Verlegerin Britta Jürgs überzeugend für Biodiversität auch in der Bücherwelt. »Bibliodiversität steht für eine Literatur, die nicht kurzfristige Trends bedient, sondern neue Denkansätze und Sichtweisen hervorbringt.«
Der ganze Vortrag ist hier nachzulesen.

Was es nicht noch alles gibt. Und was man alles noch nicht kennt. Zum Beispiel kannte ich die Kennedy Center Honors nicht. Die Amerikaner beherrschen nicht nur die Kunst der großen Inszenierung, sondern auch die der großen Wertschätzung. Alljährlich werden Künstler_innen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, bereits seit 1978, so auch vorgestern. Besonders bewegend finde ich diesen Auftritt von Sting zur Verleihung an Bruce Springsteen 2009 und den Auftritt von Aretha Franklin zu Ehren von Carole King 2015. Man kann neben den Ausgezeichneten in der Loge übrigens die Obamas beobachten und fragt sich: Wie wird das mit den Trumps sein?
sting_singt_springsteens_rising_2014   aretha_franklin_2015
Nun schwärme ich nicht gerade für Heinz Strunk, bin aber quasi ein Fan von extra 3. Heinz Strunk widmet sich in seinem Beitrag der Frage, was Populismus eigentlich bedeutet, und kommt u. a. zu dieser Erkenntnis: »Wer das Wort Problem untersucht, stellt fest, dass pro ja eigentlich für heißt. Probleme sind also für uns gemacht und nicht gegen uns, sonst hießen sie ja Antibleme.«
heinz_strunk_x3-de
Wer in diesen unruhigen Zeiten dem Populismus etwas entgegensetzen möchte, findet überall Menschen, die nicht zynisch werden, die sich für unsere Freiheit engagieren, die Mut machen. Eine Anlaufstelle im Internet ist zum Beispiel AUFSTEHEN GEGEN RASSISMUS.
Und es gibt Künstler_innen wie Pipilotti Rist, die dem Grauenvollen Kreativität und Schönheit entgegensetzen.
rist-install
»Ich bin ein großer Fan davon, die Freude, die Leichtigkeit zu beschwören. Denn das Gegenteil davon stellt sich automatisch ein.«
Pipilotti Rist (Schweizer Videokünstlerin, *1962)