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Kompost für den Alltag


… und Tee trinken

Im Netz finden sich diverse Erklärungen, woher die Empfehlung „Abwarten und Tee trinken“ stammen könnte. Die charmanteste ist, finde ich, dass es im 19. Jahrhundert in der so genannten besseren Gesellschaft Mode war, zu Literarischen Teeabenden einzuladen. Man diskutierte teetrinkenderweise mit den Gästen über vorgelesene Texte. Was genau man abwartete, bleibt unklar.
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In diesen Tagen wünschte ich mir, von der Politik und von den Medien etwas mehr besonnenes Abwarten. Auch, dass „Nachrichten“ noch besser geprüft würden, bevor sie sich postfaktisch gerüchtehalber und uneinholbar verbreiten.
Doch das Zögern hat einen schlechten Ruf, zu Unrecht, wie in dem Feature Über das Zaudern vom 8.4.2016 auf SWR 2 nachzuhören ist.

Und welchen Tee sollte man trinken beim Sich-Zeit-Lassen? Am liebsten sollte er natürlich schadstoffarm sein, günstig und fair gehandelt. Zum Beispiel der von der Teekampagne vertriebene Darjeeling, angeblich der „Champagner“ unter den Tees. Angeboten in 500g- und 1kg-Packungen und ausgesprochen lecker.

Zum Tee passt Gebäck, zum Beispiel die Schoko-Mandel-Cranberrie-Kugeln, die ich grad besonders gern backe.
Und dazu passt außerdem doch noch:
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Obwohl dieser Spruch wohl schon seit Jahrzehnten an der Berliner Yorckbrücke prangt, habe ich erst neulich davon gehört – Dota Kehr zitiert ihn in ihrem Lied Utopie. Die Welt ist was Gemachtes [auf 3sat bei youtube].

Und immer wieder zum Tee nur zu empfehlen: ein gutes Buch. Seit ich vor einigen Jahren Mit Blick aufs Meer (im Original Olive Kitteridge, 2009 ausgezeichnet mit dem Pulitzer Prize for Fiction) von Elizabeth Strout gelesen habe, lese ich die neuen Bücher der US-amerikanischen Autorin, zuletzt My Name is Lucy Barton, shortlistet für den Man Booker Prize, auf Deutsch Die Unvollkommenheit der Liebe.

In den USA erscheinen Elizabeth Strouts Romane bei Penguin Random House, dem derzeit größten Publikumsverlag der Welt, in der Übersetzung von Sabine Roth im Luchterhand Verlag bzw. als Taschenbuch bei btb, ebenfalls Random House, also Bertelsmann.
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Elizabeth Strout, Olive Kitteridge (2009)
Mit Blick aufs Meer
Olive Kitteridge ist die ehemalige Mathelehrerin von Crosby und zentrale Figur im Universum der kleinen Stadt in Maine.

Elizabeth Strout, The Burgess Boys (2013)
Das Leben, natürlich
Jim und Bob Burgess sollen sich um ihren 19-jährigen Neffen Zachary kümmern, der einen Schweinekopf vor die Moschee ihres kleinen Heimatortes gelegt hat.

Elizabeth Strout, My Name is Lucy Barton (2016)
Die Unvollkommenheit der Liebe
erzählt uns auf anrührende und schlichte Weise, wie aus Lucy Barton, nach einer harten Kindheit auf dem Land, eine New Yorker Schriftstellerin wird.

BTW: Herzlichen Glückwunsch an Graham Nash, der am 2. Februar 75 Jahre alt geworden ist. 1969 hat er meinen aktuellen Lieblingssong „Our House“ für seine Freundin Joni Mitchell geschrieben. 1970 ist „Our House“ auf dem Album Déjà Vu erschienen, und in dieser, wie ich finde, schönsten Live-Version bei youtube zu sehen.

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Joni Mitchell und Graham Nash

I’ll light the fire, while you place the flowers
In the vase that you bought today.

Life used to be so hard,
Now everything is easy ‚cause of you.


alles zu viel

Von wegen „alles gut“ – alles zu viel! Zu viel Auswahl, zu viel aufm Zettel, zu viel Vorwahlkampfgerede, zu viel Angstmacherei, zu viel Finanzspekulation, zu viel Waffenexport, zu viel Lügerei, zu viel Gülle, zu viel Geld bei zu Wenigen, zu viel Gejammer. Dies aktuell meine persönlichen Top Ten.
Jedenfalls nicht: „alles gut“.

Deutliche Worte fanden die Ärzte schon 2003 in Deine Schuld: »Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt.«

„Alles zu viel“ meint übrigens nicht die guten Bücher, von denen es wohl kaum zu viele geben kann. Heute empfehle ich drei Romane, die ich noch nicht gelesen habe und auf die ich mich schon freue, den Empfehlungen von Freundinnen vertrauend, die jeweils sehr angetan waren.

Mercè Rodoreda, Der Garten über dem Meer
Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt

Marion Brasch, Ab jetzt ist Ruhe
Roman meiner fabelhaften Familie

Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama

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Und noch eine Empfehlung von mir:
Aslı Erdoğan, Die Stadt mit der roten Pelerine
Aus dem Türkischen von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch
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Dieses sehr beeindruckende Buch, das ich gerade zu Ende gelesen habe, erzählt von der jungen Akademikerin Özgür in Rio de Janeiro, die ihre teils krassen Erlebnisse zu einem Roman verarbeitet. »Aslı Erdoğan ist eine außergewöhnlich feinfühlige und scharfsichtige Autorin, ihre Romane sind vollendete Werke.« Orhan Pamuk
Die Autorin saß von August bis Ende Dezember 2016 in Istanbul in Untersuchungshaft. Angeklagt ist sie u. a. wegen „Zerstörung der Einheit und der Integrität des Staates“. Gegen Kaution frei, darf sie die Türkei nicht verlassen. Der nächste Prozesstermin ist für den 14. März 2017 angesetzt.
Aspekte (ZDF) hat am 20.1.2017 ein Interview mit ihr gesendet, hier nachzusehen [7 min].

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich eine begeisterte Podcast-Hörerin bin? Abonniert habe ich das akustische Sachbuchprogramm von SWR2 Wissen. Ich bin Fiction-Fan, keine Sachbuchleserin, doch diese halbstündigen Features finde ich fast immer spannend und erhellend. Die Themen: Vorurteile, Exoplaneten, Tiefdrucktherapien, Finanzmärkte, Ostseedorsche, wiederbelebte Dörfer etc.

Ein Rat von Papst Johannes XXIII.  (1881-1963) zum Schluss

Nimm dir nicht zu viel vor.
Es genügt die friedliche, ruhige Suche nach dem Guten an jedem Tag,
zu jeder Stunde, und ohne Übertreibung und ohne Ungeduld.


Ankommen

»Bei uns geht man davon aus, dass die Zeit vergeht. 95 % der Erdbevölkerung geht nicht davon aus, dass die Zeit vergeht, sondern die Dinge wiederholen sich zyklusartig. Das heißt, wenn ich etwas jetzt verpasse, kommt es wieder.«
Mehrnousch Zaeri-Esfahani
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In dem total interessanten Gespräch auf Deutschlandradio Kultur erzählt Zaeri-Esfahani, die 1985 als Zehnjährige mit ihren Eltern und Geschwistern aus Iran nach Deutschland geflohen ist, u. a. von ihrer Arbeit in der Flüchtlingsbetreuung.
Im Peter Hammer Verlag ist 33 Bogen und ein Teehaus erschienen, in dem Mehrnousch Zaeri-Esfahani ihre Kindheit in Isfahan und ihr Ankommen in Heidelberg beschreibt. Das Jugendbuch, das sie für alle, nicht nur für Jugendliche, geschrieben hat, wurde bereits vielfach ausgezeichnet. Illustriert hat es ihr Bruder Mehrdad Zaeri-Esfahani.
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Meine zweite Empfehlung ist The Improbability of Love von Hannah Rothschild, auf der Shortlist zum Baileys Women’s Prize for Fiction 2016, bei der Deutschen Verlagsanstalt unter dem Titel Die Launenhaftigkeit der Liebe erschienen. Schauplatz ist London, genauer gesagt die dortige Kunst- und Kunstmarktszene, wo ein wieder aufgetauchtes Gemälde für Aufregungen sorgt. Sehr spannend, ein ganz bisschen romantisch und auch die Perspektive des Gemäldes – moi – kommt nicht zu kurz.

Apropos Lesen fand ich die Jahrestagung der BücherFrauen zum Thema »Lesekultur 2030« neulich in Berlin ausgesprochen anregend. In ihrem Impulsvortrag plädierte die Verlegerin Britta Jürgs überzeugend für Biodiversität auch in der Bücherwelt. »Bibliodiversität steht für eine Literatur, die nicht kurzfristige Trends bedient, sondern neue Denkansätze und Sichtweisen hervorbringt.«
Der ganze Vortrag ist hier nachzulesen.

Was es nicht noch alles gibt. Und was man alles noch nicht kennt. Zum Beispiel kannte ich die Kennedy Center Honors nicht. Die Amerikaner beherrschen nicht nur die Kunst der großen Inszenierung, sondern auch die der großen Wertschätzung. Alljährlich werden Künstler_innen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, bereits seit 1978, so auch vorgestern. Besonders bewegend finde ich diesen Auftritt von Sting zur Verleihung an Bruce Springsteen 2009 und den Auftritt von Aretha Franklin zu Ehren von Carole King 2015. Man kann neben den Ausgezeichneten in der Loge übrigens die Obamas beobachten und fragt sich: Wie wird das mit den Trumps sein?
sting_singt_springsteens_rising_2014   aretha_franklin_2015
Nun schwärme ich nicht gerade für Heinz Strunk, bin aber quasi ein Fan von extra 3. Heinz Strunk widmet sich in seinem Beitrag der Frage, was Populismus eigentlich bedeutet, und kommt u. a. zu dieser Erkenntnis: »Wer das Wort Problem untersucht, stellt fest, dass pro ja eigentlich für heißt. Probleme sind also für uns gemacht und nicht gegen uns, sonst hießen sie ja Antibleme.«
heinz_strunk_x3-de
Wer in diesen unruhigen Zeiten dem Populismus etwas entgegensetzen möchte, findet überall Menschen, die nicht zynisch werden, die sich für unsere Freiheit engagieren, die Mut machen. Eine Anlaufstelle im Internet ist zum Beispiel AUFSTEHEN GEGEN RASSISMUS.
Und es gibt Künstler_innen wie Pipilotti Rist, die dem Grauenvollen Kreativität und Schönheit entgegensetzen.
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»Ich bin ein großer Fan davon, die Freude, die Leichtigkeit zu beschwören. Denn das Gegenteil davon stellt sich automatisch ein.«
Pipilotti Rist (Schweizer Videokünstlerin, *1962)


etwas lachenden Mut

Vor drei Wochen wurde der diesjährige Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wie schon erwähnt an Carolin Emcke verliehen. In ihrer Dankesrede [als Skript] spricht sie in sehr persönlichen, klaren Worten über Angehörigkeit und Zugehörigkeit, über Verrohung, Diffamierungen, über Toleranz:

»Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.«

Bei youtube ist die Aufzeichnung ihrer Rede nachzusehen. Carolin Emcke schließt mit den Worten:

»Wir können immer wieder anfangen. Was es dazu braucht?
Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, damit es häufiger geschieht, dass wir alle sagen: Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus.«

Der National-Geographic-Film Before the Flood mit Leonardo di Caprio ist ein Appell, dem Klimaschutz entschiedener zu begegnen. Noch bestehe Hoffnung. Der Dokumentarfilm ist auf youtube und anderen Plattformen frei zugänglich.

before_the_flood_greenland1    Grönland schmilzt dramatisch
Grönland schmilzt dramatisch

Dass noch Hoffnung besteht, könnte auch die Botschaft der UN-Klimakonferenz sein, die in diesen Tagen in Marrakesch stattfindet.
Doch wir müssen anfangen, unsere Lebensweisen entscheidend zu ändern.
»We have to take action«, sagt Barrack Obama in Before the Flood [ab 1:12]. Bei der Weltklimakonferenz 2015 in Paris sind von 195 Staaten konkrete Klimaziele beschlossen worden. Nun wird in Marrakesch die Finanzierung von »Anpassungsstrategien« verhandelt. Es geht ums Geld.

Zeit Online zitiert die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks: »Manche scheinen immer noch zu glauben, Klimaschutz sei allein das Vergnügen der Umweltministerin.«
Mit »manche« sind wohl vor allem die beiden CSU-Minister für Verkehr und Landwirtschaft gemeint.
»Die Landwirtschaft in Deutschland trägt maßgeblich zur Emission klimaschädlicher Gase bei«, so das Umweltbundesamt im April 2016.  Ein Machtwort der Kanzlerin blieb bislang leider aus.

Wer noch mehr Gründe braucht, weniger Fleisch zu essen:

cover_foer_tiere   Tiere denken von Richard David Precht   cover_duve_essen

Jonathan Safran Foer, Tiere essen
Richard David Precht, Tiere denken: Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen
Karen Duve, Anständig essen. Ein Selbstversuch

Bei diesem Kürbissalat kann man schon mal vergessen, dass kein Fleisch auf dem Tisch steht.
Das Rezept als PDF.

kuerbissalatzutaten    kuerbissalat

Zum Schluss noch eine Prise Optimismus von Heinz Erhardt

Im Herbst bei kaltem Wetter
fallen vom Baum die Blätter –
Donnerwetter!
Im Frühjahr dann
sind sie wieder dran –
sieh mal an.


beschränkt

»Ach, die Welt ist so geräumig, und der Kopf ist so beschränkt!«
Wilhelm Busch

beschränken – mittelhochdeutsch beschrenken »umklammern, versperren«, althochdeutsch biscrenken »zu Fall bringen«; vom neuhochdeutschen Sprachgefühl … steht das 2. Partizip beschränkt seit Anfang des 19. Jhs. für geistig eng, unfähig«. DUDEN 7, Das Herkunftswörterbuch

Um nicht irre zu werden in dieser »geräumigen Welt«, die über diverse Kanäle zu uns ins Wohnzimmer drängt, ist sicher ein guter Rat: Nimm Dir zum Beispiel 10 Minuten täglich Zeit für eine Achtsamkeitsübung.

Jon Kabat-Zinn, quasi der Erfinder des Mindfulness-Based Stress Reduction-Programms, empfiehlt eine würdevolle Sitzhaltung und, sich beim Atmen zu beobachten. So einfach. Sat – Nam. Einatmen SAT [behutsam] – Ausatmen NAM [geduldig].

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Still aus dem Trailer zur Sendung Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens

Wem das Atmen zu einfach ist: Auf youtube finden sich jede Menge Achtsamkeitsübungen, außerdem erhellende Gespräche mit Jon Kabat-Zinn. Letztlich geht es auch ihm darum, dass die Welt durch unser geändertes Verhalten eine bessere wird. In einem Interview sagt er: »Die Frage ist: In welche Richtung entwickelt sich das System? Richtung Habgier oder Richtung Weisheit?«

Zurück in die Region: Vor zwei Wochen war ich in der Hamburger Fabrik  und habe Suzanne Vega erlebt, die ich schon vor 30 Jahren rauf- und runtergehört habe. Sehr cooles Konzert. Arte hat ihren Auftritt in Berlin aufgezeichnet, eine Stunde davon ist in der Mediathek nachzusehen bis zum 5.11.2016.

Ihr neues Album »Lover, Beloved: Songs From An Evening With Carson McCullers« ist vor 5 Tagen erschienen. We of Me [auf vevo] habe ich seitdem schon ein paar Mal im Radio gehört. Sie sei schon immer fasziniert gewesen von der amerikanischen Schriftstellerin McCullers (1917-1967), sagt Suzanne Vega und nennt sie eine Seelenverwandte. Die Ähnlichkeit ist doch verblüffend, oder? Im Frühjahr 2017 hat das Stück mit ihr als Carson McCullers in New York Premiere.
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Die Romane von Carson McCullers (Die Ballade vom traurigen Café, Frankie u. a.) sind in deutscher Übersetzung bei Diogenes erschienen.

Wer sich weniger für die USA als für Süditalien begeistern kann, denen empfehle ich Meine geniale Freundin oder auch My Brilliant Friend.
Für alle, die der Hype um Elena Ferrante und ihre Enttarnung nicht interessiert und die einfach nur eine sehr gut geschriebene Geschichte über das Neapel der 50er Jahre lesen möchten. Angeblich ist die englische Übersetzung aus dem Italienischen gelungener als die deutsche. Who knows?

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Mit Paula Fürstenberg wäre noch eine junge deutsche Schriftstellerin zu entdecken, deren Debüt Familie der geflügelten Tiger im August erschienen ist. »In einer Familie gibt es keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten« ist der Roman überschrieben. Johannas Vater Jens ist kurz vor dem Ende der DDR verschwunden, da war sie noch ganz klein. Erst mit Ende Zwanzig erfährt Johanna von anderen Lesarten dieser Flucht, die sich von der ihrer Mutter doch stark unterscheiden.

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Saure Äpfel

Carolin Emcke, die im Oktober wie schon erwähnt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, hat am 13. August in Bochum die Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2016 gehalten, unter dem Titel »Vom Übersetzen«.
Nachzulesen ist diese wie ich finde in ihrer Deutlichkeit herausragende und überhaupt eindrucksvolle Rede auf der Website der Ruhrtriennale.
Carolin_Emcke_Festspielrede_2016
Carolin Emcke stellt Fragen wie: »Seit wann wurde ein ›guter Mensch‹ zu etwas, das diffamiert und bespottet werden kann? Seit wann muss man sich für selbstverständliche Freundlichkeit anderen gegenüber, für Differenzierung zwischen Individuen und Kollektiven oder auch nur selbstkritische Nachdenklichkeit entschuldigen? Seit wann?«
Am Ende ihrer Rede erzählt sie eine Geschichte, denn: »Es braucht Erzählungen davon, wie die Freiheit schmeckt, wie die Gleichheit sich anfühlt, wie die Brüderlichkeit klingt.«
Auch auf youtube gibt es das Video von der Rede, zunächst die Einführung von Festspiel-Intendant Johan Simons, ab Minute 8 ist Carolin Emcke zu sehen.

Apropos Buchmesse: Letzte Woche hat die Jury für den Deutschen Buchpreis, der am 17. Oktober in Frankfurt zum 12. Mal verliehen wird, die Longlist der nominierten Belletristik-Neuerscheinungen 2016 bekannt gegeben – 20 Romane von 14 Autoren und 6 Autorinnen. Die Website bietet eine übersichtliche Übersicht, sogar mit Hörproben.

Unter den Romanen, die es nicht auf diese Longlist geschafft haben, uns bei der Vorbereitung zum nächsten LiteraturBrunch der Hamburger BücherFrauen aber positiv aufgefallen ist, sind diese drei Debüts:
Cover_Bazyar_Nachts   Cover_Khayate_Woanders   Cover_Winkler_Blauschmuck
Jeweils sehr eindrückliche Entwicklungsgeschichten vor dem Hintergrund „Orient – Okzident“:

Shida Bazyar, Nachts ist es leise in Teheran (Kiepenheuer & Witsch)
Das Leben einer Familie von 1979 bis heute, zwei Generationen in Iran und in Deutschland, aus unterschiedlichen Perspektiven herausragend und überzeugend erzählt.

Rasha Khayat, Weil wir längst woanders sind (Dumont)
Basil besucht seine Schwester Layla in Saudi-Arabien, die dorthin zurückgekehrt ist, dort heiraten und bleiben wird, und er fragt sich: Warum?

Katharina Winkler, Blauschmuck (Suhrkamp)
Die Autorin erzählt von der jungen Kurdin Filiz, nach einer wahren Liebes- und Leidensgeschichte, krass und dabei sehr poetisch.

Wer Anfang des Jahres den Dokumentarfilm Hello I am David! von Cosima Lange im Kino verpasst hat: Gestern ist die DVD erschienen.
David_Helfgott
David Helfgott, Jahrgang 1947, war ein Wunderkind am Klavier und lebte als junger Mann nach einem Nervenzusammenbruch elf Jahre lang in einer psychiatrischen Klinik. Den US-amerikanischen Regisseur Scott Hicks inspirierte David Helfgotts Lebensgeschichte zu dem Oscar-prämierten Film SHINE – Weg ins Licht (1996). Dieser Film – in den Hauptrollen Geoffrey Rush und Armin Müller-Stahl, ebenfalls unbedingt empfehlenswert – scheint im Moment nur als Blu-ray lieferbar zu sein.
Für Hello I am David! hat die Regisseurin Cosima Lange den australischen Ausnahmepianisten 2015 auf seiner Konzertreise durch Europa begleitet und mit Menschen gesprochen, die ihm nahe stehen. Mehr Informationen über diesen großartigen, inspirierenden Film bei good!movies.

»I play in the spirit of the joy of giving, caring, sharing and love. Music is my passion and fills my life.«  David Helfgott

Eine meiner Leidenschaften neben dem Bücher-Lesen ist Backen. Und weil es grad so herrlich saure Äpfel gibt, hier exklusiv das Rezept für einen meiner Lieblingskuchen: Mohn-Quark-Apfel-Torte (als PDF). Unser Apfelbaum (Foto von 2015) hat in diesem Jahr leider nur zwei Äpfel getragen …
Unser_Apfelbaum_0915
Dafür gab es mehr als 5 Kilo Brombeeren – was für eine Ernte (leider ohne Foto).
Und ganz zum Schluss noch ein Blick in unsern kleinen Gartenteich: Zwei Teichfrösche haben ihren Lieblingsplatz an der Sonne gefunden, in Lennarts Water-Starlet-Wasser-Springbrunnen.

Teichfroesche_II_2016  Teichfroesche_2016


Kein guter Ratgeber

Wir hören in diesen Wochen viel über Angst. Und erfahren, wie viel wahrscheinlicher es ist, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen als bei einem Terroranschlag. Hierzulande jedenfalls. »Meine Angst kriegt Ihr nicht!«, denke ich manchmal zitierend, auch in Anbetracht der teils hysterisierenden Berichterstattung.

Junge Engagierte haben in Münster eine Online-Plattform für »Kontruktiven Journalismus« entwickelt. Seit dem 16.3.2016 bin ich Mitglied, #9.815. Eine Crowdfunding-Aktion hat bis Ostern 2016 die erforderlichen 12.000 Unterstützer_innen für die Umsetzung des Projekts gefunden: Perspective Daily. Zum Probelesen einen Artikel zum Thema: Nur wenn wir Angst zulassen, können wir mutig sein.

Mutig finde ich Anna Magdalena Bössen, von der ich letzte Woche auf Deutschlandradio Kultur (genau – mein Lieblingssender) zum ersten Mal gehört habe. Die studierte Rezitatorin ist 2015 mit dem Fahrrad durch Deutschland gefahren und hat, gegen Kost und Logi, Gedichte rezitiert. Im Gespräch mit Katrin Heise vom 28.7.2016 erzählt sie nicht nur von ihren Erfahrungen auf dieser Reise.

Anna Magdalena Bössen brennt, wie sie sagt, für die Frage: Wie wollen wir leben? Sie suche Möglichkeiten, Menschen miteinander zu verbinden. »Diese Welt, die so im Umbruch ist, die braucht eine Gemeinschaft, zumindest ein gemeinschaftliches ›Wir wollen das lösen.‹«

Zu Zeiten König Davids gab es Gefahren, die sicher lebensbedrohlicher waren als das, was uns heute Angst macht. Von seinem Gottvertrauen schreibt David im Psalm 23. Der Herr ist mein Hirte. Ein Auszug:

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal,
fürchte ich kein Unglück.
Dein Stecken und Stab trösten mich.

Er erquicket meine Seele_Psalm23

Ganz besonders mag ich die Version dieses Psalms von Bobby McFerrin: Bobby McFerrin – The 23rd Psalm, hier gesungen vom Vokalensemble Cantus. Ein Auszug:

She restores my soul,
She rights my wrongs,
She leads me in a path of good things,
And fills my heart with songs.

Zurück zu den Büchern. Seit 12 Jahren schon führe ich ein »Gelesen-Buch«. Ich vergebe zwei bis drei Sternchen, je nachdem, wie sehr mir das Buch gefallen hat.
Gelesen-Buch_2016
Das hilft dem Gedächtnis auf die Sprünge. Die Bücher, denen ich weniger als zwei Sternchen geben würde, lese ich natürlich nicht zu Ende. Zu kostbar die Lese- und Lebenszeit.
Beim Durchblättern des Gelesen-Buchs auf der Suche nach einem Roman, den ich Euch noch besonders ans Herz legen möchte, habe ich diese drei Titel gefunden, die ich unter »sehr gute Unterhaltung« einsortieren würde:
Cover_Hartlieb_Buchhandlung Cover_Simonson_MrsAlis Cover_Ruge_Zeiten
Petra Hartlieb, Meine wundervolle Buchhandlung
Einblicke in den Alltag einer leidenschaftlichen Buchhändlerin. Habe ich schon mal empfohlen, nicht ohne Grund. Inzwischen liegt die Taschenbuch-Ausgabe vor.

Helen Simonson, Mrs. Alis unpassende Leidenschaft
Wunderbar, dass der »Major«, Ernest Pettigrew, nicht alle seine Probleme allein bei einer Tasse Tee lösen kann.

Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts
Eine herausragende Familiengeschichte, 2011 ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis.

LESEN HEISST: SICH WÄRMEN AN FREMDEN FEUERN.
Gotthold Ephraim Lessing