textbeet

Kompost für den Alltag


nix dafür

Ich bin leider schuld
Ich hatte mir gewünscht, dass die Mücken sterben und die Wespen auch
Ich bin leider schuld
Ich hatte allgemein einen hohen Verbrauch
Ich bin leider schuld
Ich hatte mir gewünscht, dass es wärmer wird, warm genug zum Baden
Ich bin leider schuld
Ich hatte nicht gedacht an den ganzen Schaden

Aus: Dota, Ich bin leider schuld,
von der CD Wir rufen Dich, Galaktika (2021)

Der ganze Text ist bei genius.com nachzulesen und der ganze Song zu hören hier bei youtube.

Gegen Ende singt ein Kinderchor: „Schuld bist du nicht allein“. Aber irgendwie mitschuldig eben schon. Gleichzeitig gibt es viel Fatales, für das ich z. B. nicht verantwortlich bin. Da kann ich echt nix dafür. Zum Beispiel, dass immer noch kein generelles Tempolimit gilt auf unseren Autobahnen. Daran scheint mir eher unser Finanzminister schuld zu sein. Wollen wir eine Demo organisieren? Bitte melden!
Eine Petition bei change.org Tempolimit 130 km/h – sofort! zum Gleich-Unterschreiben gibt es schon.

Die Ich-Erzählerin in Die Woche von Heike Geißler [ganz zu Recht auf der Shortlist zum Leipziger Buchpreis 2022] wäre bei der Demo wahrscheinlich sofort dabei. Die Woche ist ein großartiger Empowerment-Roman, krass, poetisch, phantastisch, aktuell. Was wollen wir mehr?
Heike Geißler, Die Woche
316 Seiten
Suhrkamp, erschienen am 7.3.2022

Hier noch ein Buchtipp aus der Reihe »Lieblingsbücher, die ich noch nicht im Textbeet erwähnt habe …«

Tanja Langer hat ihre unkonventionelle Freundschaft mit dem Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen, der 1989 von der RAF ermordet wurde, in einem fesselnden Roman verdichtet.

Tanja Langer, Der Tag ist hell, ich schreibe dir
408 Seiten
Langen-Müller, erschienen 2012

Unsere Rosen, (c) marengide
Orwells Rosen, (c) Rowohlt Verlag
Rebecca Solnit, (c) Trent Davis Bailey

Als Fan von Rebecca Solnit empfehle ich Orwells Rosen, das noch auf meiner Wunschliste steht. Ich vertraue da ganz Margaret Atwood, die schreibt: »Ich liebe dieses Buch, und viele andere werden das auch tun. Ein berauschender Streifzug durch Orwells Leben und seine Zeit …«

Rebecca Solnit, Orwells Rosen
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
320 Seiten
Rowohlt, erschienen am 14.6.2022

Kletterrose vor der Nachbar-Garage

Zum weiterhin wichtigen Thema Geschlechtergerechte Sprache [Gendern] zitiere ich gern noch die mährisch-österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916), die lange vor der Gender-Debatte festgestellt hat:
»Wenn eine Frau sagt ›Jeder, meint sie: jedermann.
Wenn ein Mann sagt Jeder, meint er: jeder Mann.«

Uns allen, jeder und jedem, wünsche ich wunderbare Sommertage!

(c) Thomas Stephan on Unsplash, entdeckt auf hamburg-tourism.de


… keine gute Ratgeberin

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.

Aus: Rezept von Mascha Kaléko

Unser Rosenbäumchen blüht Jahr für Jahr doller

Ja, die Angst … Sie ist einfach keine gute Ratgeberin.

Die Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie Maren Urner hat am 29.1.2022 über »positives Denken in der Krise« [verlinkt zur WDR-Mediathek] mit Kornelia Bittmann gesprochen [35:31 Min]. Sie erzählt anschaulich vom Negativitäts-Bias unseres „Steinzeithirns“, also von unserer Vorliebe für das Negative, und dass diese Einstellung (dieser Bias) vor 1 Millionen Jahre durchaus sinnvoll war – als unsere Vorfahr:innen noch in Höhlen lebten. Doch heutzutage eher problematisch ist, denn wir vergessen darüber unsere Selbstwirksamkeit.
Empfehlen kann ich nicht nur dieses Gespräch und ihr Buch Raus aus der ewigen Dauerkrise, sondern auch ihren Rat, nicht gleich als erstes morgens die Nachrichten zu hören. Mir bekommt dieser „Verzicht“ gut. Auch Zeitungspapier ist geduldig.

erschienen am 3.5.2021

Manchmal argumentiere ich gegen Stiftungen als Steuersparmodell, gebe aber zu, dass zum Beispiel die Heinrich-Böll-Stiftung tolle Projekte finanziert, wie z. B. den Salon des guten Lebens. Der erste virtuelle #Salon mit Kübra Gümüşay und ihrem Thema Streit und Sein – Zukunft [verlinkt zum Salon des guten Lebens] vom 8.9.2021 widmete sich unter anderem der Frage: »Was für Grundlagen braucht es, um zugewandt, konstruktiv, erfolgreich über eine gerechtere Zukunft zu sprechen?«
Kübra Gümüşay und ihre Gäste Asal Dardan, Mithu Sanyal und Emilia Roig haben die wertschätzende Kommunikation im digitalen Raum vorgemacht:

(c) Heinrich-Böll-Stiftung
die vier jüngsten Bücher der Autorinnen

Kübra Gümüşay, Sprache und Sein
Asal Dardan, Betrachtungen einer Barbarin
Mithu M. Sanyal, Identitti
Emilia Roig, Why we matter
[verlinkt auf die Verlagsseiten]

Und noch eine Entdeckung: Alisa Amador, die Gewinnerin des 2022 Tiny Desk Contest

Alisa Amador (c) NPR

Für mich entdeckt habe ich sie letzte Woche bei ihrem NPR-Tiny-Disk-Concert vom 31.5.2022, ehrlich gesagt auf youtube, aber es gibt auch das werbefreie(!) Original-Video ihres schönen, nur zu kurzen 20-minütigen Auftritts auf NPR (National Public Radio).

Alisa Amador und ihre Band (c) NPR

Nach so viel Frauenpower mache ich jetzt noch (ganz uneigennützig!) Werbung für zwei meiner Lieblingskünstler:

erschienen am 22.3.2022 (c) Carlsen Verlag, Hamburg

Die Känguru-Comics 1: Also ICH könnte das besser
von Marc-Uwe Kling und Bernd Kissel
ZEIT online veröffentlicht fast jeden Tag einen neuen Känguru-Comic.
In der Sommerpause bietet sich für alle Känguru-Süchtigen das Buch an.

Auf mehrfachen Wunsch zu guter Letzt mal wieder ein Rezept:

Veganer Bananenkuchen

140 g Margarine
80 g brauner Zucker
1 Pck. Vanillezucker
2-3 reife Bananen
5 EL Kokosmilch
250 g Mehl
2 TL Natron
5 EL Rosinen
etwas Margarine für die Backform

Die Margarine mit dem Zucker schaumig schlagen. Die kleingeschnittenen Bananen und die Kokosmilch dazugeben und weitermixen. Mehl und Natron unterrühren. Zuletzt die Rosinen unterheben. Den Teig in die gefettete Spring- oder Kranzform füllen, bei 180°C (ohne vorzuheizen) etwa 35 Min. (Stäbchentest) backen. Der schmeckt nicht nur Veganer:innen.


Entkommen

»Hoffnung ist eben nicht Optimismus. Es ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Sondern Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.«
Václav Havel (1936–2011), Dramatiker, Menschenrechtler, Staatspräsident

Was könnte uns Hoffnung machen in diesen verstörenden Zeiten? Wie können wir der Realität ins Auge sehen, ohne lähmende Angst, ohne naiven Optimismus? Wie können wir ins Tun kommen statt nur noch zurück zu wollen vor diese „Zeitenwende“? Wie geht das mit Mut statt Eskapismus?
[Exkurs: Eskapismus kann vom spätlateinischen cappa hergeleitet werden: „die Ordensmütze wegwerfen“. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wird es wie das englische escapism verstanden und steht damit für einen Hang zur Flucht aus der Wirklichkeit.]
Zugegeben lenke auch ich mich gern ab. Zuletzt mit diesem Hörbuch:

Edgar Selge erzählt in seinem großartigen Erinnerungsroman Hast Du uns endlich gefunden auch von seiner frühen Leidenschaft fürs Kino: »Dunkel soll es werden, der Alltag um mich herum verschwinden und auf der knisternden Leinwand soll eine Geschichte entstehen, die mich unterhält und wärmt.«

Hm, welcher Kinofilm hat mich zuletzt gewärmt? Parallele Mütter? Da fand ich jedenfalls Penelope Cruz ganz toll. Wunderschön von Karoline Herfurth? Hat mich auf jeden Fall sehr gut unterhalten.

Kinostart: 3.2.2022

Wenn wir ein gutes Buch lesen, geht das „Kopfkino“ los. Darum beginnt heute die neue kleine Serie: »Bücher, die ich vor Längerem mit Gewinn und Genuss gelesen, aber noch nicht im Textbeet erwähnt, habe«.

Susanne Kippenberger, Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern
Im Hardcover 2014 bei Hanser erschienen, seit 2016 auch als Fischer-Taschenbuch lieferbar.
Jessica Mitford (1917–1996) und ihre sechs Geschwister mussten nach dem Willen ihres Vaters Baron Redesdale nicht zur Schule gehen und entwickelten sich vielleicht auch deshalb zu den unterschiedlichsten durchaus exzentrischen Persönlichkeiten, von denen Susanne Kippenberger auf zum Glück über 600 Seiten hinreißend zu erzählen weiß.

Und dann gibt es ja noch diese wunderbare Erfindung der Podcasts, quasi der Urenkel des Rundfunks.
Fast jede Woche entdecke ich einen neuen Gesprächspodcast für mich, am letzten Wochenende war es (übers tazlab): Freiheit de Luxe von Jagoda Marinić.

Ich empfehle sehr: Ukraine Spezial – Warum es um unsere Freiheit geht vom 28.4.2022.
Jagoda Marinić befragt Katja Petrowskaja, Juri Andruchowytch und Timothy Snyder und jedes dieser Gespräche vermittelt einen differenzierten Blick auf den Krieg und seine unabsehbaren Folgen.

»Und nur, dass ich irgendwo recht habe, das bringt noch niemandem was.«
Luisa Neubauer bei Jung und Naiv [verlinkt zum Podcast) am 19.4.2022

Könnte doch ein Teil der Lösung sein.




Aufgewacht

So what are we doing here? What has been done?
What are you gonna do about it when the world comes undone?
My voice feels tiny and I’m sure so does yours
But put us all together we make a mighty roar
Aus: RESILIENT von Rising Apalachia

Geht auf die Straße!
So wie die 250.000 Kölner Karnevalist:innen und andere Zivilist:innen, die Rosenmontag gegen Putins Angriffskrieg in der Ukraine demonstriert haben.

#StandWithUkraine

Kennst du das Land wo die Kanonen blühn?
Das Gedicht, gelesen von Erich Kästner, aus dem Lyrikband Herz auf Taille (1928)

Quelle: youtube

Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen!
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen
Aus: Erich Kästner, Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühen?

Am 19. März finden bundesweit Antirassismus-Demonstrationen [zu den Veranstaltungen] statt. Am Internationalen Tag gegen Rassismus wird an das Massaker von Sharpeville/Südafrika vom 21. März 1960 erinnert.

Zum nächsten globalen Klimastreik am 25. März rufen nicht nur Fridays For Future auf.

Wie viele Krisen können wir gleichzeitig im Bewusstsein haben bzw. angemessen auf sie reagieren?
Im Vergleich zu Krieg und Klimakrise wirkt die Corona-Lage fast harmlos.

Heute beginnt mit dem Aschermittwoch die Fastenzeit und ich werde versuchen, täglich eine Atem-Meditation zu machen. Diese Calm – Ease | Guided Meditation by Thich Nhat Hanh [verlinkt zu youtube] habe ich neulich entdeckt, nachdem ich in dem schönen Blog der Literaturschneiderei meiner BücherFrauen-Kollegin Sandra M. Schneider gelesen hatte, dass der viatnamesische Mönch Thich Nhat Hanh im Januar mit 95 Jahren verstorben ist.
Immer mal ganz zur Ruhe zu kommen in diesen verstörenden Zeiten, das kann nur gut tun.
»Breathing in, Breathing out … enjoy!« (Thich Nhat Hanh)

Thích Nhất Hạnh (1926–2022)

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Ich glaube, dass Gott aus allem,
auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Aus dem Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer (1906–1945)


Sichtbar

»Wenn sich die Anti-AKW-Bewegung nur für gewinnbare Ziele eingesetzt hätte, hätte sie nie große Erfolge erzielt.« Jochen Stay (1965–2022)

Fridays For Future lädt ein zum nächsten große Klimastreik am 25.3.2022:
»Bald schon laufen die ersten hundert Tage der neuen Ampelkoalition ab, doch die großen Versprechen im Klimaschutz sind noch offen. Deshalb streiken wir am 25.3. wieder gemeinsam, global und laut für echte Klimagerechtigkeit.«

Neulich erst habe ich den Song Ihr Lasst Uns Keine Wahl [Link zu youtube] von Bruneau X Mondmann entdeckt, und stimme etwas holprig mit ein: »Was bringt dir der Profit, wenn der Planet bald defekt ist?«

Bruneau X Mondmann, Quelle: youtube

Kommen wir zur nächsten Kunst.

mein Buch des Jahres 2021, inzwischen als Taschenbuch

Im letzten Kapitel ihrer beeindruckenden Zeitreise schreibt Rebecca Solnit von einer Demonstration, bei der sie in der ersten Reihe mitlaufen durfte, weil sie ein Plakat der Künstlerin Stephanie Syjuco dabei gehabt habe. Ein Bild vom Plakat habe ich vergeblich gesucht, dafür diese Installation The Visible Invisible von Stephanie Syjuco – für mich eine Entdeckung.

Stephanie Syjuco, 2018

Weithin unsichtbar waren bis letzte Woche über 100 Menschen, die sich als Mitarbeitende in der Katholischen Kirche für die Dokumentation Wie Gott uns schuf! geoutet haben. Seit der Erstausstrahlung am 24.1.22 hat dieser hervorragend gemachte Film hohe Wellen geschlagen. Das findet hoffentlich ein entsprechendes wirkmächtiges Echo bei den Entscheidern in der Amtskirche.

Quelle: ARD-Mediathek

Die österreichische Autorin Eva Menasse hat sich in ihrem jüngsten Roman einem anderen großen Verschweigen gewidmet, dem kollektiven Verdrängen eines Verbrechens in der (fiktiven) Gemeinde Dunkelblum.

das Hörbuch bei roofmusic

Eva Menasse hat ihren grandiosen Roman selbst eingelesen; ich wüsste nicht, wer’s besser gekonnt hätte, und empfehle die 900 Minuten Hörbuch uneingeschränkt. Für mich täglich ein Anreiz für meine Rückengymnastik, denn nur dabei darf ich’s hören. Zur Orientierung im Roman gibt’s auf der Verlagswebsite ein Figurenverzeichnis.

Eva Menasse, Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch, 19.08.2021

Ausstellungsbesuch im Februar 2022



Vorbilder


Auf die Frage, ob ich pessimistisch oder optimistisch sei, antworte ich, dass mein Erkennen pessimistisch und mein Wollen und Handeln optimistisch ist.
Albert Schweitzer (1875—1965)

Von Caroline Criado Perez und ihrem Buch Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert hatte ich schon mal kurz geschrieben.

Aus dem Englischen von Stephanie Singh
Aus: Invisible Women The Newsletter

Der Data Gender Gap beschäftigt seit Jahren auch die deutsche Journalistin Rebekka Endler. In ihrem Buch Das Patriarchat der Dinge erklärt sie unterhaltsam, „Warum die Welt den Frauen nicht passt“.

336 Seiten, erschienen am 12.04.2021

Kennengelernt habe ich Rebekka Endler und ihr Buch vor einigen Wochen im Gespräch mit Barbara Rohm, der Mitbegründerin des feministischen Thinktanks Power To Tranform! beim Power Morning, den man hier bei youtube nachsehen kann.

Eine Roman-Empfehlung von Rebekka Endler – im stromern-Podcast: Drei Kameradinnen von Shida Bazyar, im April 2021 erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
Da kann ich mich nur anschließen.

Sheida Bazyars völlig zu Recht etwas vorlauter, zynischer-ironischer Ton, ihre Erzählhaltung, ihre Art, uns Leser:innen anzusprechen – ich fühlte mich mit meinen Vorurteilen oft ertappt.

Apropos Patriarchat: Maren Kroymann singt am Ende ihrer großartigen Sendung KROYMANN vom 9.12.2021 genau zum Thema, so lustig wie entlarvend.

Als Fan von Maren Kroymann outet sich Carolin Kebekus, deren neuestes Buch Es kann nur eine geben ich jedem und jeder ans Herz lege, vor allem als Hörbuch. Wobei einige Stellen ganz schön krass sind. Wie im echten Leben eben.

Ungekürzt = 8 Std. 32 Min. Hörvergnügen

Wer für den Moment genug Bücher auf der Lesewunschliste hat und diesen Film noch nicht kennt: Ich bin dein Mensch, noch bis zum 22.6.22 in der ARD-Mediathek zu sehen.

Dan Stevens und Maren Eggert

„Alma trifft auf Tom, eine hochentwickelte Maschine in Menschengestalt, einzig dafür geschaffen, sie glücklich zu machen …“ – Letterbox Filmproduktion über Ich bin dein Mensch. Nicht nur wegen Maren Eggert absolut sehenswert!

Das Drehbuch von Maria Schrader und Jan Schomburg beruht übrigens auf Motiven der gleichnamigen Kurzgeschichte von Emma Braslavsky, die ich neulich in einem sehr interessanten Gespräch mit Sasha Marianna Salzmann gesehen habe, im Rahmen der Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt [was es nicht alles gibt …], unter dem Titel: Der Android ist eine Frau [verlinkt zu youtube]

Emma Braslavskys jüngster Roman Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten, der 2019 bei Suhrkamp erschienen ist, erzählt ebenfalls von einer nahen Zukunft und dem Zusammenleben mit Humanoiden. Was macht uns eigentich einzigartig als Menschen?

Sasha Marianna Salzmann hat im letzten Herbst einen neuen Roman bei Suhrkamp veröffentlicht, den ich immerhin schon angefangen habe zu lesen: Im Menschen muss alles herrlich sein.

Tolles Cover, oder?

Nach so viel Frauenpower möchte ich nun aber doch noch von den beiden Männern schwärmen, die mir oft den Tag retten, wie man so sagt: Marc-Uwe Kling und Bernd Kissel. Inzwischen gibt es über 300 Folgen ihrer Känguru-Comics, fast täglich auf ZEIT online – guckt sie Euch an!

Aus Folge 307 vom 21. Dezember 2021: Das Kommentier


Wünsche

»Ich möchte Ihnen nur noch dazu meine unerschöpfliche innere Heiterkeit geben, damit ich um Sie ruhig bin, dass Sie in einem sternbestickten Mantel durchs Leben gehen, der Sie vor allem Kleinen, Trivialen und Beängstigendem schützt.«
Rosa Luxemburg, Brief aus dem Gefängnis an ihre Freundin Sophie (Sonja) Borissowna Liebknecht , Weihnachten 1917

Frohe Weihnachten Euch und Ihnen allen!


Am Limit

Rio Reiser (1950–1996) hat sich vor 35 Jahren vorgestellt, wie’s wär, König von Deutschland zu sein. Inzwischen sind wir weiter und ich stelle mir vor, wie’s wär, Kaiserin von Europa zu sein.

(c)Lienhard Schulz Tempolimit im Naturpark Nuthe-Nieplitz

Meine ersten Verfügungen als Kaiserin von Europa wären: tagsüber Tempo 100 auf allen Autobahnen, so wie in den Niederlanden, und Tempo 130 von 19 bis 6 Uhr. Luxussteuer auf Hochprozentiges, SUVs, Yachten usw. Außerdem mehr Bürger*innenversammlungen, Grundeinkommen, Subventionen nur noch für ökologisch-nachhaltige Landwirtschaft etc. Ich bin sicher, uns fallen noch eine Menge anderer Maßnahmen ein, die nicht zwingend im Koalitionsvertrag stehen.

Demo in Berlin am 19.11.2021 (Quelle: FFF)

Fridays for Future z. B. fordert von der neuen Bundesregierung in den ersten 100 Tagen:

  1. Die Verabschiedung eines 1,5°C-konformen CO2-Budgets, verbindlich als Grundlage eines Reduktionspfades, unabhängig kontrolliert mittels eines Mechanismus zur Prüfung aller Gesetze und Infrastrukturprojekte auf Kompatibilität mit dem CO2-Budget
    Mehr zu den Forderungen

Leider beschäftigt uns gleichzeitig noch immer die weiter eskalierende Corona-Lage 😡😡😡
Wer sich um Ungeimpfte im eigenen Umfeld Sorgen macht, denen empfehle ich: Sascha Lobo, Warum soll ich mich impfen lassen? – seit dem 17.11.21 online auf spiegel.de, ausdrücklich zum Weiterleiten.

Verhärtete Fronten gibt es bekanntermaßen auch beim Thema Gendern. Tscha. Bereits in der Gründungsakte der Goethe-Universität Frankfurt von 1914 ist übrigens von „Studierenden“ die Rede, worauf neulich Frau Prof. Dr. Helma Lutz bei einer Podiumsdiskussion aufmerksam machte.
Gern genommen wird als Argument für das generische Maskulinum, man dürfe das Gerundivum „studierend“ nicht benutzen, denn man könne ja unmöglich gleichzeitig studieren und Pizza essen.
Ob es 1914 in Frankfurt schon Pizza-Lokale gab?

Die Podiumsdiskussion GENDER(n) – Wahn oder Sinn? [verlinkt zu youtube] fand am 19.10.2021 in der Reihe „Die Stunde der Wahrheit“ auf Einladung der hessischen Wissenschaftsministerin statt.
Auch Prof. Harald Lesch hat sich in seiner ZDF-Sendung Leschs Kosmos im Oktober dem Thema Gleichberechtigung gewidmet und bezieht sich dabei auf einige Studien: Gendern – Wahn oder Wissenschaft?

Quelle: ZDF_Mediathek

Inzwischen sei wissenschaftlich belegt, dass eine männlich geprägte Sprache zu einem männlich geprägten Blick auf die Gesellschaft beiträgt. Gendern könne dagegen wirken. Harald Lesch sagt: „Der veränderte Sprachgebrauch führt zu einer erweiterten Gedankenlandschaft.“ Klingt doch gut.
Nachzusehen ist das Video in der ZDF-Mediathek bis zum 6.10.2026. Bis dahin ist es hoffentlich selbstverständlich, Frauen sprachlich nicht nur mitzumeinen, sondern auch mitzunennen.

Frauen im Literaturbetrieb sichtbarer zu machen, gehört zu den Anliegen der Literaturwissenschaftlerin Dr. Nicole Seifert. Ihr Buch FRAUEN LITERATUR: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt und ihren Blog NachtundTag habe ich grad für mich entdeckt.
Nicole Seifert, FRAUEN LITERATUR: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt
Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, erschienen am 9.9.2021

Meine jüngste Buch-Entdeckung, im Podcast Das Lesen der Anderen empfohlen von der Berliner Schriftstellerin Kirsten Fuchs:

Avant-Verlag 2019

In I’m every woman erzählt Liv Strömquist den Mythos vom männlichen Genie neu, aus weiblicher Perspektive, z. B. aus der Sicht von Jackson Pollocks Frauen, den Künstlerinnen Lee Krasner und Ruth Kligman.
Liv Strömquist, geboren 1978 im schwedischen Lund, gilt als eine der einflussreichsten feministischen Comiczeichnerinnen. Die junge Buchhändlerin, bei der ich den Comic telefonisch bestellt habe, wusste gleich, wen ich meine …

Wenn eine Frau sagt »Jeder«, meint sie: jedermann.
Wenn ein Mann sagt »Jeder«, meint er: jeder Mann.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)


Aufbrüche

»Weitermachen ist sinnlos, aber aufhören ist noch sinnloser. Also machen wir weiter!«

Sr. Ruth Pfau (1929–2017)

Gemeinsam mit lokalen Initiativen wie Alle Dörfer Bleiben ruft Fridays For Future zu einer Demonstration am 31.10.2021 um 12 Uhr in Lützerath auf.

Quelle: openstreetmap

Die Demonstration richtet sich gegen die geplante Ausweitung des Braunkohle-Tagebaus Garzweiler, wodurch sechs Dörfer umgesiedelt werden müssten.
„Im Rheinland entscheidet sich gerade, ob Deutschland seine Versprechen zu 1,5-Grad einhalten kann … Wir fordern von der nächsten Bundesregierung den Erhalt von Lützerath und allen Dörfern am Tagebau sowie einen Kohleausstieg bis spätestens 2030“, sagt Christina Schliesky, Sprecherin von Fridays for Future.

Panorama-Aufnahme (Ausschnitt) des Tagebaus Garzweiler 2005
© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Passend dazu aus der Reihe Für mich neue Wörter: Solastalgie
Solastalgie bezeichnet ein belastendes Gefühl des Verlustes, das entsteht, wenn jemand die Veränderung oder Zerstörung der eigenen Heimat bzw. des eigenen Lebensraums direkt miterlebt. Solastalgie ist eine Kombination aus dem lateinischen Begriff sōlācium (Trost) und der griechischen Wurzel -algia (Schmerz, Leiden, Krankheit). Quelle: Wikipedia

Tsitsi Dangarembga, Friedenspreisträgerin 2021

Am vergangenen Sonntag wurde der aus Simbabwe stammenden Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga in der Frankfurter Paulskirche der Friedenpreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Auf der Friedenspreis-Website lassen sich alle Reden nachhören und -lesen. Besonders bewegend fand ich die Rede der Preisträgerin.

Die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Karin Schmidt-Friderichs hatte in ihrer Rede so begeistert von Tsitsi Dangarembgas Tambudzai-Trilogie, insbesondere den Romanen Aufbrechen und Überleben erzählt, dass ich dachte, vor allem Aufbrechen muss ich unbedingt lesen.

Aus dem Englischen von Ilija Trojanow
Orlanda Verlag, 280 Seiten, erschienen am 15.12.2019
Aus dem Englischen von Anette Grube
Orlanda Verlag, 376 Seiten, erschienen am 30.8.2021
Hanser Verlag, 128 Seiten, erschienen am 17.8.2020

Außerdem auf meiner Leseliste: Frausein von Mely Kiyak, die in diesem Jahr als erste Autorin mit dem BücherFrauen-Literaturpreis ausgezeichnet wird.

Mely Kiyak ©Jacqueline Illemann

Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung ist mit der Statuette Christine verbunden, benannt nach der Schriftstellerin und Philosophin Christine de Pizan (um 1365 bis um 1430).
Barbara Fischer stellt Christine de Pizan [Link zum BücherFrauen-Blog] in ihrem sehr lesenswerten Beitrag vor.

Von Torsten Körners Dokumentarfilm DIE UNBEUGSAMEN hatte ich ja schon im September geschwärmt. Ich habe ihn grad zum zweiten Mal gesehen, wiederum mit einer Mischung aus Entsetzen und Vergnügen, nachdem ich In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten gelesen habe – großartig wie der Film und mit noch mehr Einblicken in diese Welt der Bonner Republik, die immer weiter nachwirkt.

KiWi-Taschenbuch, 368 Seiten, erschienen am 19.8.2021


Wann Alina Bronsky wohl eine Fortsetzung von Barbara stirbt nicht schreibt? Denn das Einzige, was mir an ihrem jüngsten Roman nicht gefallen hat, ist das etwas abrupte Ende der tragikomischen Erzählung von Walter Schmidt und seinen Strategien für seine neue Lebensphase …

Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, erschienen am 9.9.2021

Zum Abschluss ein Foto vom August 2021 aus einer neuen kleinen Serie, die in lockerer Folge Umgedeutete Verkehrsschilder vorstellt:

Foto: marengide, gesehen in Blankenese an Broers Treppe


Kurze Sommer

15 Stunden 15 Minuten Hörvergnügen

Karen Duve hat ihren jüngsten Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer selbst eingelesen und ich habe beim Hören der CDs an ihren Lippen gehangen. Als Münsteranerin kannte ich Annette von Droste-Hülshoff natürlich, unsere berühmte Dichterin. Mit vollem Namen Anna Elisabeth Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica Freiin von Droste zu Hülshoff (1797–1848). Die Judenbuche war Schullektüre und die Burg Hülshoff ein beliebtes Ausflugsziel. Im Roman begegnen wir der jungen Annette, der Rebellin der Familie, bekannt mit den Brüdern Grimm und vielen anderen namhaften Zeitgenossen, inmitten politischer Umbrüche. Karen Duve ist ein ganz besonderes Gesellschaftsporträt gelungen, in dem immer wieder Bezüge zu unserer vergleichsweise rastlosen Zeit aufblitzen.

Der Roman ist 2018 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich. Also, für alle, die lieber selber lesen.

Auf der kürzlich erschienenen Doppel-CD Wir rufen Dich, Galaktika der großartigen Dota Kehr findet sich auch ein Sommer-Song: Sommer für Sommer [Link zu youtube]. Ein Auszug:

Also lieg ich im Gras
So als würde die Welt nichts von mir woll’n
Und der Tag geht vorbei, egal was man tut oder lässt …
Sommer für Sommer wünsch ich mich wieder dorthin zurück
Die Sonne wärmt mich mit zärtlicher Gleichgültigkeit

Dota Kehr

Dota ist mit ihrer Band auf Tour und es gibt für viele Konzerte noch Karten, z. B. für das im Jovel am 1.12.21.

Urlaubserinnerungen Amrum 2021

Mit einer symbolischen Menschenkette von Hamburg bis zum Mittelmeer möchte „Rettungskette für Menschenrechte“ ein Zeichen für mehr Menschlichkeit und gegen das Sterben im Mittelmeer setzen. Acht Tage vor der Bundestagswahl.

Die Aktion findet am 18. September 2021 um 12 Uhr in Deutschland, Österreich und Italien statt.
Der Kampagnenflyer Hamburg zum Herunterladen.

Damit diese Bundestagswahl doch noch eine Klimawahl wird, gehen am 24. September 2021 wieder Zehntausende beim Globalen Klimastreik auf die Straße. In über 350 deutschen Städten [Link zur Karte]. Du auch?

Und apropos Bundestag muss ich noch einen Filmtipp loswerden:

– seit Ende August und hoffentlich noch lange in den Kinos, ist dieser Dokumentarfilm von Torsten Körner absolut sehenswert. Unfassbar, was männliche Kollegen sich diesen couragierten Politikerinnen gegenüber damals alles herausgenommen haben.

Das grüne »Feminat« 1984