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Kompost für den Alltag


ausweichen

ich weiß
daß ich oft oder meistens
ausweichen will

Ich weiß auch
daß das verständlich ist
denn ich will leben

Aber ich weiß nicht mehr
ob man leben bleibt
wenn man ausweicht

Erich Fried  (1921–1988)

Dieses Gedicht fand ich vorgestern im „wandeln“, dem Fastenwegweiser 2016 von Andere Zeiten.
Beim Lesen fühle ich mich ertappt. Ausweichen gehört auch zu meinen Strategien. Und ich denke grad: Genau, was ist das für ein Leben, wenn wir so oft weggucken, verdrängen, abtauchen? Klimakatastrophe, Finanzkrise, Kriegswirren … Wir möchten es doch bitte einfach nur weiterhin so komfortabel haben hier in diesem schönen Deutschland. In einem Land, auf das wir gewiss keinen Exklusiv-Anspruch haben. Schlicht Glück, hier geboren zu sein. Inklusive dem Glück, dass wir in diesen Breitengraden voraussichtlich kaum vom Klimawandel betroffen sein werden.  Nicht direkt jedenfalls.

Die kenianische Umweltaktivistin Wangari Maathai (1940–2011) erhielt 2004 für ihr Engagement den Friedensnobelpreis.
Sie sagte: »Those of us who witness the degraded state of the environment and the suffering that comes with it cannot afford to be complacent. We continue to be restless. If we really carry the burden, we are driven to action. We cannot tire or give up. We owe it to the present and future generations of all species to rise up and walk!«
Mehr unter nobelwomensinitiative.org

»Rise up and walk« für den Frieden – eine nächste Gelegenheit dazu ist der Ostermarsch in zwei Wochen. »Rüstungsexporte stoppen«, »Fluchtursachen bekämpfen.« … In Hamburg geht die Demonstration am Ostermontag um 12 Uhr von der Erlöserkirche am Berliner Tor zum Carl-von-Ossietzky-Platz/Lange Reihe, wo ab 14 Uhr ein Friedensfest gefeiert wird. »Rise up and walk« – besser als ausweichen und den Kopf in den Sand stecken.

Dabei fällt mir wieder das Gespräch mit Inge Jens letzte Woche auf Deutschlandradio Kultur ein. Die Publizistin Inge Jens (89) ist eine beeindruckende Frau, die so couragiert und klar redet, dass ich nur empfehlen kann, diese Begegnung am 10.3. mit Katrin Heise „Im Gespräch“ nachzuhören. Apropos friedenspolitisches Engagement: Inge Jens hat mit ihrem Mann Walter an Sitzblockaden in Mutlangen gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen teilgenommen und dafür hohe Geldstrafen gezahlt. Womit ich wieder beim diesjährigen Ostermarsch wäre – weniger kostspielig, soweit ich weiß.

Zum Schluss noch die obligate Buchempfehlung. Diesmal keine Neuerscheinung, sondern mein sozusagen Lieblingsbuch: Lily Brett, Chuzpe (Aussprache: ch wie in lachen, u betont und kurz). Der Originaltitel: You Gotta Have Balls. Denn Edek, Vater der Romanheldin Ruth Rothwax, plant gemeinsam mit seinen polnischen Freundinnen ein Klopse-Restaurant zu eröffnen.

Cover_Brett_Chuzpe       Cover_Brett_Balls1                   Cover_Brett_Uncomfortably       Cover_Brett_Balls2

Inzwischen lautet der Titel der englischen Ausgabe bei Harper Collins allerdings – warum eigentlich? – Uncomfortably close. Während die englische Ausgabe bei Pan Macmillan Australia weiterhin s. o.
»Dieses Buch ist ein wahres Vergnügen, eine schräge, herzerfrischend lustige jüdische Komödie, auf die sich Brett so glänzend versteht.« Manly Daily, Sydney

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