textbeet

Kompost für den Alltag


Ladies first

Zum Beispiel diese Geste: Man lässt mir den Vortritt. Bei meinen Recherchen, woher diese Tradition eigentlich kommt, bin ich auf eine interessante Erklärung gestoßen: Im Mittelalter mussten die adligen Herren wegen allgemeinen Machtgerangels ständig um ihr Leben fürchten. Bevor ein adliger Herr also eine Schwelle übertrat, ging er auf Nummer sicher und ließ einer Frau den Vortritt – Ladies first. Wenn diese Lady nun einem Attentat zum Opfer fiel, war immerhin ein Männerleben gerettet.

Ladies First (2017) der pakistanischen Filmemacherin Sharmeen Obaid-Chinoy

Wie sieht es mit Ladies first in der deutschen Sprache aus?
Wer mit der Sesamstraße großgeworden ist, kennt die Reihenfolge:

Quelle: NDR (Screenshot)

der, die, das
wer wie was
wieso weshalb warum …

Mein Vorschlag: Wir sortieren das mal neu. Ladies first! Laut Duden ist die deutsche Sprache mehrheitlich weiblich. Das heißt, wenn man alle Hauptworte im Rechtschreibduden durchzählt, kommt man auf etwa 46 % die-Wörter, 12 % mehr als Substantive mit männlichem Artikel.

Quelle: Rechtschreibduden online

Warum eigentlich nicht?

Wer nicht fragt, bleibt dumm.

Und noch eine Leseempfehlung, die es damals bei Erscheinen des Romans nicht ins Textbeet geschafft hat:
Julie Otsuka, Wovon wir träumten

Aus dem Englischen von Katja Scholtz
Mare Verlag 2012

Zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg reiste eine Gruppe japanischer junger Frauen nach San Francisco, um dort ihre Ehemänner kennenzulernen, und ohne ein Wort Englisch zu sprechen. Der Roman beginnt so: »Auf dem Schiff waren die meisten von uns Jungfrauen. Wir hatten langes schwarzes Haar und flache, breite Füße, und wir waren nicht sehr groß. Einige von uns hatten als junge Mädchen nichts als Reisbrei gegessen und hatten leicht krumme Beine, und einige von uns waren erst vierzehn Jahre alt …«

Der Originaltitel. Auch so ein schönes Cover, nicht?

Bald ist es wieder soweit:


geirrt

Als ich 2016 im Textbeet schrieb: »Schlicht Glück, hier geboren zu sein. Inklusive dem Glück, dass wir in diesen Breitengraden voraussichtlich kaum vom Klimawandel betroffen sein werden. Nicht direkt jedenfalls«, da habe ich mich leider geirrt.

Captcha beim Buchen von Bahnfahrkarten

»Hydrologen warnen: Deutschland trocknet aus«, vermeldete National Geographic bereits im März 2022. »Der Wasserrückgang in Deutschland beträgt etwa 2,5 Gigatonnen oder Kubikkilometer im Jahr. Damit gehört es zu den Regionen mit dem höchsten Wasserverlust weltweit«, so die Tagesschau im März.

Jan Böhmermann im ZDF-Magazin Royale vom 2.9.22

Jan Böhmermann versorgt uns im ZDF-Magazin Royal regelmäßig mit erstaunlichen Fakten, die er so smart präsentiert, dass ich nicht abschalte, obwohl ich von diesen ganzen Enthüllungen schlechte Laune bekomme.

Da klingt die Ansage der Transformationsforscherin Maja Göpel wie ein hoffnungsvolles Versprechen: Wir können auch anders.

Cover [leider nur mit Spiegel-Bapperl]

Auf der Frankfurter Buchmesse wird Maja Göpel mit taz-Chefreporter Peter Unfried über ihr neues Buch sprechen: taz Talks meets Buchmesse Frankfurt [verlinkt zu youtube], geplant für den 21.10.2022.
Maja Göpel, Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von morgen
368 Seiten
Ullstein, erschienen am 1.9.2022

Solidarischer Herbst – Demos in sechs deutschen Städten am 22.10.22

Unsere Welt von morgen wird nur solidarisch funktionieren. Dafür ruft ein Bündnis rund um den Paritätischen Wohlfahrtsverband zu Demonstrationen am 22.10. auf, in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Hannover, Frankfurt am Main und Stuttgart. Sehr hörenswert hierzu ist das Jung-und-Naiv-Gespräch mit dem Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Ulrich Schneider vom 7. Oktober 2022.

Allen, die grad lieber einen Blick zurück werfen möchten, empfehle ich Finding Vivian Maier von John Maloof, der in seinem Dokumentarfilm die Geschichte einer geheimnisvollen Unbekannten erzählt, die nicht zuletzt wegen seiner Hartnäckigkeit zu einer der berühmtesten Straßenfotografinnen des 20. Jahrhunderts wurde.

Filmplakat (USA, 2013)

Mit ihrer Rolleiflex hat Vivian Maier im Laufe ihres Lebens mehr als 100.000 Aufnahmen gemacht, die sie jedoch streng unter Verschluss hielt. Noch bis zum 31.12.2022 kann man Finding Vivian Maier (USA, 2013) in der arte Mediathek anschauen [verlinkt zu arte.tv].

Schon länger nicht mehr erwähnt habe ich hier die großartige Chimamanda Ngozi Adichie.
Die in Nigeria geborene Schriftstellerin hielt vor einem guten Jahr, am 22. September 2021, die Festrede [20 min, verlinkt zu youtube] anlässlich der Eröffnung des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im Humboldt Forum.

Chimamanda Ngozi Adichie am 22.9.2021 in Berlin

In ihrer Rede findet sie sehr deutliche Worte zum Kolonialen Erbe und den Verbrechen in den deutschen Kolonien Anfang des 20. Jahrhunderts. Es lohnt sich, ihr zuzuhören.



Darf ich vorstellen?

September – Zeit für eine neue kleine Serie: »Darf ich vorstellen?«
Heute: Mein Teddy

Wie schaffen wir es, uns genauso wenig wie unsere Kuscheltiere aus der Ruhe bringen zu lassen?
Ein früher schon erwähnter Vorschlag:

»Ich rate, lieber mehr zu können, als man macht, als mehr zu machen, als man kann.« Bertolt Brecht »… bis man so viel macht, wie man kann.« Aus: Der Andere Advent 2019

Als Ergänzung zu seinen Meditationsanleitungen möchte ich Euch gern noch die Erinnerungen von Thich Nhat Hanh ans Herz legen: Thich Nhat Hanh, At Home In The World. Learning from a monk’s remarkable life [Rider Books, 2016]

Thich Nhat Hanh, Mein Leben ist meine Lehre: Autobiographische Geschichten und Weisheiten eines Mönchs
Aus dem Englischen von Ursula Richard [O.W.Barth, 2017]

Katerina Polodjans Zukunftsmusik spielt weit weit im Osten und erzählt von den Bewohner*innen einer „Kommunalka“. Beengte Verhältnisse, in denen die Hauptfiguren Janka, Großmutter Warwara, Mutter Nicola und und die Enkelin Kroschka (3), leben. Drumherum bewegen sich Freunde, Liebhaber, Verehrer, an einem einzigen besonderen Tag – eine der unterhaltsamsten Lektüren in diesem Sommer! 

Schließlich noch die vorerst letzte Empfehlung aus der Reihe »Lieblingsbücher, die ich noch nicht im Textbeet erwähnt habe …«:

A. S. Byatt, Possession. A Romance
Interessante Informationen zum Roman finden sich bei Wikipedia

Das Cover der deutschen Ausgabe ist nicht so schön.
Das erspare ich uns.

Antonia S. Byatt, Besessen
Aus dem Englischen von Melanie Walz
Insel, Broschur, 631 Seiten

Schöne Ablenkung im Herbst 🙂

Doch vorher geht’s auf die Straße.
Denn am 23. September findet der nächste Globale Klimastreik statt.


Velwechserungen

lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

Ernst Jandl (1925–2000)

Ernst Jandl wäre am 1. August d. J. 97 Jahre alt geworden. Zu seinem 65. Geburtstag hatte die taz ihm 1990 mit einer Titelseite gehuldigt, an die ich mich, schon damals ein Jandl-Fan, gut erinnere. Im taz-Text waren wie in lichtung die Buchstaben l und r vertauscht. Leider kann ich keine Abbildung finden. Eine Überschrift hieß (laut Wikipedia): „Eins beim Lasen, entzweit bei Plomirre“.

Womit wir wieder beim Thema Verkehr wären, genauer gesagt bei Bundesverkehrsministern aus kleinen Koalitionsparteien. 1990 war das Friedrich Zimmermann (CSU), heute setzt sich Volker Wissmann (FDP) gegen Tempo 130 und für den Autobahnausbau ein.

StVO-Zeichen 393:
Informationstafel an Grenzübergangsstellen

Der BUND hat jüngst ein schönes Erklärvideo zum Bundesverkehrswegeplan in Hinblick auf die vereinbarten Klimaschutzziele veröffentlicht [Dauer: gut 5 min].

Quelle: BUND

„Freie Bürger fordern freie Fahrt“, so behauptete es Franz Stadler (ADAC-Präsident 1972–1989) in einer Kampagne von 1973 gegen den Feldversuch Tempo 100 auf deutschen Autobahnen. Damals regierte die SPD gemeinsam mit der FDP. Wegen der Ölpreiskrise gab es ein Fahrverbot am 25.11.1973 und an den folgenden drei Sonntagen. Das 50jährige Jubiläum könnten wir 2023 eigentlich mit ähnlichen Aktionen feiern, nicht?

Wer wissen möchte, was ich grad so richtig lustig finde, schaue sich diesen Rap von FIL [= Philip Tägert] an, der am 7.8.2022 in Till Reiners Happy Hour aufgetreten ist. Zum 3sat-Video [ab min 42:00]

FIL am 7.8.2022 Quelle: 3sat-Mediathek

Zitat: „Du hast mir meine Reime gestohlen, aber ich werde sie mir wieder beschaffen!“

Noch leichter zu verwechseln: Asterix und Asterisk.

Band 38 (2019). Quelle: Ehapa-Verlag


Somit sei in diesem August-Textbeet nach sieben Männern wenigstens noch eine junge Rebellin erwähnt: Die Tochter des Vercingetorix – ADRENALINE, Titelheldin von Asterix-Band 38.

Asterisk dagegen meint den Gender*stern. Erst neulich habe ich diese Bezeichnung gelesen und zwar in einer Empfehlung der Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik [was es nicht alles gibt …]. Die dazugehörige Studie gibt dem Asterisk am Ende den Vorzug vorm Gender-Doppelpunkt als Mittel der gendersensiblen Schriftsprache.

Und nun will ich endlich mal wieder auf unsere Initiative Schenefeld im Wandel hinweisen, denn wir haben ein neues Logo, das wir der Schenefelder Illustratorin Alena Klemp verdanken.

Logo: Alena Klemp

Wie andere Transition-Initiativen versuchen auch wir „eine bessere Welt in kleinen Schritten“. In unserer Stadt tut sich da einiges.


nix dafür

Ich bin leider schuld
Ich hatte mir gewünscht, dass die Mücken sterben und die Wespen auch
Ich bin leider schuld
Ich hatte allgemein einen hohen Verbrauch
Ich bin leider schuld
Ich hatte mir gewünscht, dass es wärmer wird, warm genug zum Baden
Ich bin leider schuld
Ich hatte nicht gedacht an den ganzen Schaden

Aus: Dota, Ich bin leider schuld,
von der CD Wir rufen Dich, Galaktika (2021)

Der ganze Text ist bei genius.com nachzulesen und der ganze Song zu hören hier bei youtube.

Gegen Ende singt ein Kinderchor: „Schuld bist du nicht allein“. Aber irgendwie mitschuldig eben schon. Gleichzeitig gibt es viel Fatales, für das ich z. B. nicht verantwortlich bin. Da kann ich echt nix dafür. Zum Beispiel, dass immer noch kein generelles Tempolimit gilt auf unseren Autobahnen. Daran scheint mir eher unser Finanzminister schuld zu sein. Wollen wir eine Demo organisieren? Bitte melden!
Eine Petition bei change.org Tempolimit 130 km/h – sofort! zum Gleich-Unterschreiben gibt es schon.

Die Ich-Erzählerin in Die Woche von Heike Geißler [ganz zu Recht auf der Shortlist zum Leipziger Buchpreis 2022] wäre bei der Demo wahrscheinlich sofort dabei. Die Woche ist ein großartiger Empowerment-Roman, krass, poetisch, phantastisch, aktuell. Was wollen wir mehr?
Heike Geißler, Die Woche
316 Seiten
Suhrkamp, erschienen am 7.3.2022

Hier noch ein Buchtipp aus der Reihe »Lieblingsbücher, die ich noch nicht im Textbeet erwähnt habe …«

Tanja Langer hat ihre unkonventionelle Freundschaft mit dem Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen, der 1989 von der RAF ermordet wurde, in einem fesselnden Roman verdichtet.

Tanja Langer, Der Tag ist hell, ich schreibe dir
408 Seiten
Langen-Müller, erschienen 2012

Unsere Rosen, (c) marengide
Orwells Rosen, (c) Rowohlt Verlag
Rebecca Solnit, (c) Trent Davis Bailey

Als Fan von Rebecca Solnit empfehle ich Orwells Rosen, das noch auf meiner Wunschliste steht. Ich vertraue da ganz Margaret Atwood, die schreibt: »Ich liebe dieses Buch, und viele andere werden das auch tun. Ein berauschender Streifzug durch Orwells Leben und seine Zeit …«

Rebecca Solnit, Orwells Rosen
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
320 Seiten
Rowohlt, erschienen am 14.6.2022

Kletterrose vor der Nachbar-Garage

Zum weiterhin wichtigen Thema Geschlechtergerechte Sprache [Gendern] zitiere ich gern noch die mährisch-österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916), die lange vor der Gender-Debatte festgestellt hat:
»Wenn eine Frau sagt ›Jeder, meint sie: jedermann.
Wenn ein Mann sagt Jeder, meint er: jeder Mann.«

Uns allen, jeder und jedem, wünsche ich wunderbare Sommertage!

(c) Thomas Stephan on Unsplash, entdeckt auf hamburg-tourism.de


… keine gute Ratgeberin

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.

Aus: Rezept von Mascha Kaléko

Unser Rosenbäumchen blüht Jahr für Jahr doller

Ja, die Angst … Sie ist einfach keine gute Ratgeberin.

Die Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie Maren Urner hat am 29.1.2022 über »positives Denken in der Krise« [verlinkt zur WDR-Mediathek] mit Kornelia Bittmann gesprochen [35:31 Min]. Sie erzählt anschaulich vom Negativitäts-Bias unseres „Steinzeithirns“, also von unserer Vorliebe für das Negative, und dass diese Einstellung (dieser Bias) vor 1 Millionen Jahre durchaus sinnvoll war – als unsere Vorfahr:innen noch in Höhlen lebten. Doch heutzutage eher problematisch ist, denn wir vergessen darüber unsere Selbstwirksamkeit.
Empfehlen kann ich nicht nur dieses Gespräch und ihr Buch Raus aus der ewigen Dauerkrise, sondern auch ihren Rat, nicht gleich als erstes morgens die Nachrichten zu hören. Mir bekommt dieser „Verzicht“ gut. Auch Zeitungspapier ist geduldig.

erschienen am 3.5.2021

Manchmal argumentiere ich gegen Stiftungen als Steuersparmodell, gebe aber zu, dass zum Beispiel die Heinrich-Böll-Stiftung tolle Projekte finanziert, wie z. B. den Salon des guten Lebens. Der erste virtuelle #Salon mit Kübra Gümüşay und ihrem Thema Streit und Sein – Zukunft [verlinkt zum Salon des guten Lebens] vom 8.9.2021 widmete sich unter anderem der Frage: »Was für Grundlagen braucht es, um zugewandt, konstruktiv, erfolgreich über eine gerechtere Zukunft zu sprechen?«
Kübra Gümüşay und ihre Gäste Asal Dardan, Mithu Sanyal und Emilia Roig haben die wertschätzende Kommunikation im digitalen Raum vorgemacht:

(c) Heinrich-Böll-Stiftung
die vier jüngsten Bücher der Autorinnen

Kübra Gümüşay, Sprache und Sein
Asal Dardan, Betrachtungen einer Barbarin
Mithu M. Sanyal, Identitti
Emilia Roig, Why we matter
[verlinkt auf die Verlagsseiten]

Und noch eine Entdeckung: Alisa Amador, die Gewinnerin des 2022 Tiny Desk Contest

Alisa Amador (c) NPR

Für mich entdeckt habe ich sie letzte Woche bei ihrem NPR-Tiny-Disk-Concert vom 31.5.2022, ehrlich gesagt auf youtube, aber es gibt auch das werbefreie(!) Original-Video ihres schönen, nur zu kurzen 20-minütigen Auftritts auf NPR (National Public Radio).

Alisa Amador und ihre Band (c) NPR

Nach so viel Frauenpower mache ich jetzt noch (ganz uneigennützig!) Werbung für zwei meiner Lieblingskünstler:

erschienen am 22.3.2022 (c) Carlsen Verlag, Hamburg

Die Känguru-Comics 1: Also ICH könnte das besser
von Marc-Uwe Kling und Bernd Kissel
ZEIT online veröffentlicht fast jeden Tag einen neuen Känguru-Comic.
In der Sommerpause bietet sich für alle Känguru-Süchtigen das Buch an.

Auf mehrfachen Wunsch zu guter Letzt mal wieder ein Rezept:

Veganer Bananenkuchen

140 g Margarine
80 g brauner Zucker
1 Pck. Vanillezucker
2-3 reife Bananen
5 EL Kokosmilch
250 g Mehl
2 TL Natron
5 EL Rosinen
etwas Margarine für die Backform

Die Margarine mit dem Zucker schaumig schlagen. Die kleingeschnittenen Bananen und die Kokosmilch dazugeben und weitermixen. Mehl und Natron unterrühren. Zuletzt die Rosinen unterheben. Den Teig in die gefettete Spring- oder Kranzform füllen, bei 180°C (ohne vorzuheizen) etwa 35 Min. (Stäbchentest) backen. Der schmeckt nicht nur Veganer:innen.


Entkommen

»Hoffnung ist eben nicht Optimismus. Es ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Sondern Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.«
Václav Havel (1936–2011), Dramatiker, Menschenrechtler, Staatspräsident

Was könnte uns Hoffnung machen in diesen verstörenden Zeiten? Wie können wir der Realität ins Auge sehen, ohne lähmende Angst, ohne naiven Optimismus? Wie können wir ins Tun kommen statt nur noch zurück zu wollen vor diese „Zeitenwende“? Wie geht das mit Mut statt Eskapismus?
[Exkurs: Eskapismus kann vom spätlateinischen cappa hergeleitet werden: „die Ordensmütze wegwerfen“. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wird es wie das englische escapism verstanden und steht damit für einen Hang zur Flucht aus der Wirklichkeit.]
Zugegeben lenke auch ich mich gern ab. Zuletzt mit diesem Hörbuch:

Edgar Selge erzählt in seinem großartigen Erinnerungsroman Hast Du uns endlich gefunden auch von seiner frühen Leidenschaft fürs Kino: »Dunkel soll es werden, der Alltag um mich herum verschwinden und auf der knisternden Leinwand soll eine Geschichte entstehen, die mich unterhält und wärmt.«

Hm, welcher Kinofilm hat mich zuletzt gewärmt? Parallele Mütter? Da fand ich jedenfalls Penelope Cruz ganz toll. Wunderschön von Karoline Herfurth? Hat mich auf jeden Fall sehr gut unterhalten.

Kinostart: 3.2.2022

Wenn wir ein gutes Buch lesen, geht das „Kopfkino“ los. Darum beginnt heute die neue kleine Serie: »Bücher, die ich vor Längerem mit Gewinn und Genuss gelesen, aber noch nicht im Textbeet erwähnt, habe«.

Susanne Kippenberger, Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern
Im Hardcover 2014 bei Hanser erschienen, seit 2016 auch als Fischer-Taschenbuch lieferbar.
Jessica Mitford (1917–1996) und ihre sechs Geschwister mussten nach dem Willen ihres Vaters Baron Redesdale nicht zur Schule gehen und entwickelten sich vielleicht auch deshalb zu den unterschiedlichsten durchaus exzentrischen Persönlichkeiten, von denen Susanne Kippenberger auf zum Glück über 600 Seiten hinreißend zu erzählen weiß.

Und dann gibt es ja noch diese wunderbare Erfindung der Podcasts, quasi der Urenkel des Rundfunks.
Fast jede Woche entdecke ich einen neuen Gesprächspodcast für mich, am letzten Wochenende war es (übers tazlab): Freiheit de Luxe von Jagoda Marinić.

Ich empfehle sehr: Ukraine Spezial – Warum es um unsere Freiheit geht vom 28.4.2022.
Jagoda Marinić befragt Katja Petrowskaja, Juri Andruchowytch und Timothy Snyder und jedes dieser Gespräche vermittelt einen differenzierten Blick auf den Krieg und seine unabsehbaren Folgen.

»Und nur, dass ich irgendwo recht habe, das bringt noch niemandem was.«
Luisa Neubauer bei Jung und Naiv [verlinkt zum Podcast) am 19.4.2022

Könnte doch ein Teil der Lösung sein.




Aufgewacht

So what are we doing here? What has been done?
What are you gonna do about it when the world comes undone?
My voice feels tiny and I’m sure so does yours
But put us all together we make a mighty roar
Aus: RESILIENT von Rising Apalachia

Geht auf die Straße!
So wie die 250.000 Kölner Karnevalist:innen und andere Zivilist:innen, die Rosenmontag gegen Putins Angriffskrieg in der Ukraine demonstriert haben.

#StandWithUkraine

Kennst du das Land wo die Kanonen blühn?
Das Gedicht, gelesen von Erich Kästner, aus dem Lyrikband Herz auf Taille (1928)

Quelle: youtube

Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen!
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen
Aus: Erich Kästner, Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühen?

Am 19. März finden bundesweit Antirassismus-Demonstrationen [zu den Veranstaltungen] statt. Am Internationalen Tag gegen Rassismus wird an das Massaker von Sharpeville/Südafrika vom 21. März 1960 erinnert.

Zum nächsten globalen Klimastreik am 25. März rufen nicht nur Fridays For Future auf.

Wie viele Krisen können wir gleichzeitig im Bewusstsein haben bzw. angemessen auf sie reagieren?
Im Vergleich zu Krieg und Klimakrise wirkt die Corona-Lage fast harmlos.

Heute beginnt mit dem Aschermittwoch die Fastenzeit und ich werde versuchen, täglich eine Atem-Meditation zu machen. Diese Calm – Ease | Guided Meditation by Thich Nhat Hanh [verlinkt zu youtube] habe ich neulich entdeckt, nachdem ich in dem schönen Blog der Literaturschneiderei meiner BücherFrauen-Kollegin Sandra M. Schneider gelesen hatte, dass der viatnamesische Mönch Thich Nhat Hanh im Januar mit 95 Jahren verstorben ist.
Immer mal ganz zur Ruhe zu kommen in diesen verstörenden Zeiten, das kann nur gut tun.
»Breathing in, Breathing out … enjoy!« (Thich Nhat Hanh)

Thích Nhất Hạnh (1926–2022)

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Ich glaube, dass Gott aus allem,
auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Aus dem Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer (1906–1945)


Sichtbar

»Wenn sich die Anti-AKW-Bewegung nur für gewinnbare Ziele eingesetzt hätte, hätte sie nie große Erfolge erzielt.« Jochen Stay (1965–2022)

Fridays For Future lädt ein zum nächsten große Klimastreik am 25.3.2022:
»Bald schon laufen die ersten hundert Tage der neuen Ampelkoalition ab, doch die großen Versprechen im Klimaschutz sind noch offen. Deshalb streiken wir am 25.3. wieder gemeinsam, global und laut für echte Klimagerechtigkeit.«

Neulich erst habe ich den Song Ihr Lasst Uns Keine Wahl [Link zu youtube] von Bruneau X Mondmann entdeckt, und stimme etwas holprig mit ein: »Was bringt dir der Profit, wenn der Planet bald defekt ist?«

Bruneau X Mondmann, Quelle: youtube

Kommen wir zur nächsten Kunst.

mein Buch des Jahres 2021, inzwischen als Taschenbuch

Im letzten Kapitel ihrer beeindruckenden Zeitreise schreibt Rebecca Solnit von einer Demonstration, bei der sie in der ersten Reihe mitlaufen durfte, weil sie ein Plakat der Künstlerin Stephanie Syjuco dabei gehabt habe. Ein Bild vom Plakat habe ich vergeblich gesucht, dafür diese Installation The Visible Invisible von Stephanie Syjuco – für mich eine Entdeckung.

Stephanie Syjuco, 2018

Weithin unsichtbar waren bis letzte Woche über 100 Menschen, die sich als Mitarbeitende in der Katholischen Kirche für die Dokumentation Wie Gott uns schuf! geoutet haben. Seit der Erstausstrahlung am 24.1.22 hat dieser hervorragend gemachte Film hohe Wellen geschlagen. Das findet hoffentlich ein entsprechendes wirkmächtiges Echo bei den Entscheidern in der Amtskirche.

Quelle: ARD-Mediathek

Die österreichische Autorin Eva Menasse hat sich in ihrem jüngsten Roman einem anderen großen Verschweigen gewidmet, dem kollektiven Verdrängen eines Verbrechens in der (fiktiven) Gemeinde Dunkelblum.

das Hörbuch bei roofmusic

Eva Menasse hat ihren grandiosen Roman selbst eingelesen; ich wüsste nicht, wer’s besser gekonnt hätte, und empfehle die 900 Minuten Hörbuch uneingeschränkt. Für mich täglich ein Anreiz für meine Rückengymnastik, denn nur dabei darf ich’s hören. Zur Orientierung im Roman gibt’s auf der Verlagswebsite ein Figurenverzeichnis.

Eva Menasse, Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch, 19.08.2021

Ausstellungsbesuch im Februar 2022



Vorbilder


Auf die Frage, ob ich pessimistisch oder optimistisch sei, antworte ich, dass mein Erkennen pessimistisch und mein Wollen und Handeln optimistisch ist.
Albert Schweitzer (1875—1965)

Von Caroline Criado Perez und ihrem Buch Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert hatte ich schon mal kurz geschrieben.

Aus dem Englischen von Stephanie Singh
Aus: Invisible Women The Newsletter

Der Data Gender Gap beschäftigt seit Jahren auch die deutsche Journalistin Rebekka Endler. In ihrem Buch Das Patriarchat der Dinge erklärt sie unterhaltsam, „Warum die Welt den Frauen nicht passt“.

336 Seiten, erschienen am 12.04.2021

Kennengelernt habe ich Rebekka Endler und ihr Buch vor einigen Wochen im Gespräch mit Barbara Rohm, der Mitbegründerin des feministischen Thinktanks Power To Tranform! beim Power Morning, den man hier bei youtube nachsehen kann.

Eine Roman-Empfehlung von Rebekka Endler – im stromern-Podcast: Drei Kameradinnen von Shida Bazyar, im April 2021 erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
Da kann ich mich nur anschließen.

Sheida Bazyars völlig zu Recht etwas vorlauter, zynischer-ironischer Ton, ihre Erzählhaltung, ihre Art, uns Leser:innen anzusprechen – ich fühlte mich mit meinen Vorurteilen oft ertappt.

Apropos Patriarchat: Maren Kroymann singt am Ende ihrer großartigen Sendung KROYMANN vom 9.12.2021 genau zum Thema, so lustig wie entlarvend.

Als Fan von Maren Kroymann outet sich Carolin Kebekus, deren neuestes Buch Es kann nur eine geben ich jedem und jeder ans Herz lege, vor allem als Hörbuch. Wobei einige Stellen ganz schön krass sind. Wie im echten Leben eben.

Ungekürzt = 8 Std. 32 Min. Hörvergnügen

Wer für den Moment genug Bücher auf der Lesewunschliste hat und diesen Film noch nicht kennt: Ich bin dein Mensch, noch bis zum 22.6.22 in der ARD-Mediathek zu sehen.

Dan Stevens und Maren Eggert

„Alma trifft auf Tom, eine hochentwickelte Maschine in Menschengestalt, einzig dafür geschaffen, sie glücklich zu machen …“ – Letterbox Filmproduktion über Ich bin dein Mensch. Nicht nur wegen Maren Eggert absolut sehenswert!

Das Drehbuch von Maria Schrader und Jan Schomburg beruht übrigens auf Motiven der gleichnamigen Kurzgeschichte von Emma Braslavsky, die ich neulich in einem sehr interessanten Gespräch mit Sasha Marianna Salzmann gesehen habe, im Rahmen der Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt [was es nicht alles gibt …], unter dem Titel: Der Android ist eine Frau [verlinkt zu youtube]

Emma Braslavskys jüngster Roman Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten, der 2019 bei Suhrkamp erschienen ist, erzählt ebenfalls von einer nahen Zukunft und dem Zusammenleben mit Humanoiden. Was macht uns eigentich einzigartig als Menschen?

Sasha Marianna Salzmann hat im letzten Herbst einen neuen Roman bei Suhrkamp veröffentlicht, den ich immerhin schon angefangen habe zu lesen: Im Menschen muss alles herrlich sein.

Tolles Cover, oder?

Nach so viel Frauenpower möchte ich nun aber doch noch von den beiden Männern schwärmen, die mir oft den Tag retten, wie man so sagt: Marc-Uwe Kling und Bernd Kissel. Inzwischen gibt es über 300 Folgen ihrer Känguru-Comics, fast täglich auf ZEIT online – guckt sie Euch an!

Aus Folge 307 vom 21. Dezember 2021: Das Kommentier