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Kompost für den Alltag


Das leisten wir uns

Zur Einstimmung schlage ich vor, Die Anstalt von gestern Abend in der ZDF-Mediathek nachzusehen. 51 Minuten politisch-satirisches Bildungsfernsehen [verfügbar bis zum 16.4.2020]. Mit Max Uthoff als Sir Isaac Newton und Claus von Wagner als Andreas Scheuer, CSU-Verkehrsminister (Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur) – genial.

Still_DIe Anstalt_9.4.2019

Quelle: ZDF-Mediathek

Fridays-For-Future hat vorgestern auf ihrer Pressekonferenz im Berliner Naturkundemuseum erstmals Forderungen bekannt gegeben. Die SprecherInnen fordern von der Bundesregierung die Einhaltung der Ziele des Pariser Abkommens und damit des 1,5°C-Ziels und eine 100% erneuerbare Energieversorgung für Deutschland bis 2035. Weitere Informationen finden sich hier und z. B. im Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 9.4.2019.

FFF-PK_8.4.2019

Pressekonferenz im Berliner Naturkundemuseum. Quelle: dpa

Ganz sicher kann jede und jeder von uns noch mehr gegen den Klimawandel tun. Wir können (noch) mehr Rad statt Auto fahren, auf Flugreisen verzichten etc. pp. Aber letztlich ist es die Politik, die Gesetze erlassen muss, damit das Pariser Klimaschutzabkommen eingehalten werden kann. Durch den Ausstieg aus der Kohle, die Besteuerung von Flugbenzin (klar: europaweit), ein Tempolimit auch auf deutschen Autobahnen etc. pp. Und wir alle können den Druck auf die Politik erhöhen. Zum Beispiel am Freitag, dem 24. Mai 2019, wenn der nächste GLOBALE KLIMASTREIK der Fridays-For-Future-Bewegung stattfindet.

Das war an mir vorbeigegangen: Schon Ende November 2018 wurde in einigen Medien über ein schwedisches Phänomen berichtet, das inzwischen auch in anderen Ländern auftaucht: FLYGSKAM – die Flugscham. Unter #jagstannarpåmarken [»Ich bleib auf dem Boden«] tauschen sich SchwedInnen über die Alternative, Bahn zu fahren, aus.
Mehr dazu unter bedeutungonline.de und unter #zugstattflug

Derweil wollen wir den Frühling genießen, Kekse fürs Osternest backen und schöne Bücher lesen.
Bei uns im Regal stehen drei Bände aus den Anfangsjahren der Anderen Bibliothek aus dem Hause Greno, der 1985 mit dem Verlegen der bibliophilen Ausgaben begonnen hat; als Herausgeber zeichnete bis 2007 Hans Magnus Enzensberger. Dabei stammt grob geschätzt(!) bis heute nur jeder 10. Band der Anderen Bibliothek aus der Feder einer Frau. Sei’s drum.
Alle drei Titel sind übrigens nur noch antiquarisch, z. B. über booklooker zu bekommen.

Andreas Thalmayr (= Hans Magnus Enzensberger (*1929)
Das Wasserzeichen der Poesie oder die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen
Die Andere Bibliothek Band 9. Nördlingen: F. Greno 1985

Josef Škvorecký (1924–2012)
Feiglinge. (Übers.: Karl-Heinz Jähn)
Die Andere Bibliothek Band 16. Nördlingen: F. Greno 1986

Raymond Federman (1928–2009)
Alles oder Nichts (Übers.: Peter Torberg)
Die Andere Bibliothek Band 22. Nördlingen: F. Greno 1986

Tatsächlich liebäugele ich mit Band 413, der im Mai erscheint.
Bettine von Arnims Letzte Liebe. Das unbekannte Briefbuch

Cover_Arnim_LIebe

Schließlich mal wieder ein Keksrezept – wenig Aufwand, viel Genuss!

Mandelsplittergebäck

1 Ei mit 80 g Rohrzucker verrühren, 200 g Mandelsplitter und 150 g Sonnenblumenkerne untermischen, mit einem Teelöffel Häufchen aufs Backpapier setzen (zwei Bleche), bei 170 Grad Umluft im Ofen etwa 10 Minuten backen, nur leicht anbräunen und gut abkühlen lassen.

Mandelsplittergebaeck


Tut es jetzt!

Als Beginn der internationalen Umweltpolitik gilt die erste Konferenz der Vereinten Nationen über die Umwelt des Menschen  oder auch Weltumweltkonferenz, kurz UNCHE (United Nations Conference on the Human Environment), die vom 5. bis 16. Juni 1972 in Stockholm stattfand. 1972 – vor 47 Jahren!

Severn Suzuki, 1992 in Rio

Zwanzig Jahre später hat 12-jährige Severn Suzuki auf der UN-Klimakonferenz in Rio de Janeiro eine eindringliche Rede gehalten über die Grenzen des Wachstums und der Ressourcenausbeutung des Planeten Erde, im Namen der ECO (Environmental Children’s Organization). Severn Suzuki wurde bekannt als „das Mädchen, das die Welt für 5 Minuten zum Schweigen brachte“ und engagiert sich heute noch als Umweltaktivistin. Severn Suzukis Rede mit deutschem Untertitel nachzusehen bei youtube.


Hinweisen möchte ich auf den Kulturzeit-Beitrag vom 15.3.2019 Mädchen als Mahner, in dem außer Severn Cullis-Suzuki [min 02:44 bis 04:08] und Greta Thunberg auch die US-Amerikanerin Emma González vorgestellt wird, die sich für schärfere Waffengesetze einsetzt.

Im September 2012, also 20 Jahre nach Rio, demonstrierten mehr als 80.000 Menschen in Belgien. Kinder und Erwachsene forderten, jetzt fürs Klima zu handeln, und sangen auf die Melodie des Protestliedes »Bella Ciao«:

We need to wake up
We need to wise up
We need to open our eyes
And do it now now now
We need to build a better future
And we need to start right now

Das Video dazu bei youtube
Text und Noten zu »Do it now« zum Download hier
Quelle: http://climateknoxville.org

Wer mehr über die FAKTEN zum Klimawandel erfahren möchte, denen empfehle ich das Buch
Kleine Gase – Große Wirkung. Der Klimawandel

Die beiden Studenten David Nelles und Christian Serrer erklären wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel so, dass auch Laien (wie ich) sie nachvollziehen können. Auf der Website klimawandel-buch.de gibt es eine 36-seitige Leseprobe.
Und für 5 Euro ist Kleine Gase … über jede Buchhandlung zu bestellen.

Ehrlich gesagt deprimiert es mich, dass wir trotz dieser teils seit Jahrzehnten bekannten Fakten alle Warnungen ignoriert haben, dass wir unseren Planeten weiter ausbeuten, dass alle Proteste bislang nicht durchschlagend etwas bewirkt haben.

Am Strand von Barcelona (2010) Foto: Simon James / wikimedia

Also, lasst uns die positiven Geschichten erzählen, um nicht fatalistisch oder zynisch zu werden.
Zum Beispiel die von den Demonstrationen am 15. März 2019 auf der ganzen Welt.
Mehr unter fridaysforfuture.org oder fridayforfuture.de

       

Nun noch meine vier Hörbuch-Empfehlungen des Monats:
[Ein Klick auf die Titel führt zu weiteren Informationen auf den Verlagsseiten.]

Mechtild Borrmann, Grenzgänger
Gelesen von Vera Teltz

Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen
Gelesen von Bibiana Beglau, Thomas M. Meinhardt und Markus Fennert
 

Alex Capus, Königskinder
Gelesen von Ulrich Noethen

Alex Capus, Das Leben ist gut
Gelesen vom Autor

 

Und schlussendlich noch ein Gedicht. Denn morgen steht er im Kalender – der Frühlingsanfang.

Herz, mein Herz, sei nicht beklommen,
Und ertrage dein Geschick,
Neuer Frühling gibt zurück,
Was der Winter dir genommen.

Und wie viel ist dir geblieben!
Und wie schön ist noch die Welt!
Und, mein Herz, was dir gefällt,
Alles, alles darfst du lieben!

Heinrich Heine (1797–1856), aus dem Buch der Lieder


Leuchten

Jedes Jahr versuche ich, den Advent zu entschleunigen. Gar nicht so leicht, wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt und die Zeit gefühlt knapper wird.

Backen zum Beispiel kann kreativ entschleunigen. Auch Weihnachtslieder-Singen erfüllt die Stunden. Videos-Gucken dagegen kommt mir weniger produktiv vor. Kann trotzdem lustig sein.

Kroymann im Himmel. Quelle: ARD.de

Zum Beispiel, wenn man sich die erste Viertelstunde KROYMANN von und mit der Kabarettistin Maren Kroymann gönnt, die am 6.12. in der ARD lief, und hier [Link zur ARD-Mediathek] nachzusehen ist (jederzeit bis zum 6.12.2019).

Der Advent leuchtet. Inzwischen vorwiegend mit LEDs. Zum Beispiel beim „Weißen Zauber“ am Jungfernstieg.

Foto: hamburg-tourism.de

Über den Leitartikel »Ausgewachsen. Und nun?« in dem Rundbrief initiativ November 2018 der Ökumenischen Initiative Eine Welt bin ich auf die Begriffe Degrowth und Post-Wachstum [Begriffserklärung auf der Website des Zukunftsinstituts] gestoßen, unter Wirtschaftswissenschaftlern schon länger bekannt, nur ich hatte wieder keine Ahnung. Aufmerksam macht der Artikel ebenfalls auf diese faszinierende Glühbirne von Livermore, die seit sage und schreibe 117 Jahren leuchtet.

Quelle: centennialbulb.org

»Wir sind mehr« – ein so simpler wie wahrer Satz auf vielen Demonstrationen in diesem Jahr. Wenn ich mir was wünschen dürfte für 2019, dann zum Beispiel, dass 2019 noch mehr Menschen friedlich auf die Straße gehen. Bei Demonstrationen mitlaufen, um zu zeigen: Wir sind mehr, mehr als die Rassisten, die von der eben 70 gewordenen Erklärung der Menschenrechte nichts zu halten scheinen.

Eleanor Roosevelt. Quelle: wikipedia.org

Dabei bietet die international anerkannte Erklärung der Menschenrechte von 1948 die Grundlage eines friedlichen Miteinanders.

Doch auch die rechten Rassisten fühlen sich »im Recht«. Wir könnten versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Eine Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten, bietet das Seminar STAMMTISCHKÄMPFER*INNEN der Initiative Aufstehen gegen Rassismus. Ich kann mir vorstellen, im nächsten Jahr ein Stammtischkämpfer*innen-Seminar in Hamburg zu organisieren, mal sehen. Interessierte können sich gern vorab bei mir melden: mg(at)textbeet.de

Für den Kalender 2019 sei schon mal notiert: Samstag, 16. März 2019. Anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus werden weltweit Demonstrationen gegen Rassimus stattfinden.

Nun aber. Für alle, die ihre Zeit gern mit anspruchsvollerer Lektüre verbringen und über die Feiertage dazu mehr Muße haben als sonst, empfehle ich diese beiden Romane. Sie erzählen die Familiengeschichten über drei Generationen.

   

Ursula Krechel, Geisterbahn
650 Seiten, gebunden, Jung und Jung
»Wuchtig, grausam, soghaft erzählt Ursula Krechel … von einer Sinti-Familie, die unter dem Terror der Nazis zerbricht. Mit Achtung und Feingefühl fühlt sie sich in die chronischen Leiden ein, die der Terror in den Figuren zurücklässt.« Ingeborg Harms, DIE ZEIT

Inger-Maria Mahlke, Archipel
432 Seiten, gebunden, Rowohlt
»Mahlke will nicht allein von den Erlebnissen ihrer Protagonisten in Kriegen … und Familientragödien erzählen … Sie will mit der Verkehrung von Ursache und Wirkung vielmehr das Verhältnis von Zeit und Dasein an sich auf den Kopf stellen. Das ist radikal und manchmal unbequem zu lesen und hat doch größten Reiz.« Sandra Kegel, FAZ

 

Was für ein verheißungsvoller Name – Lebkuchen – besonders im Winter.

Rezept für sechs Bleche

• 250 g Butter oder Alsan Bio-Margarine
• abgeriebene Schale von 1 Orange und 1 Zitrone
• 200 g Rohrohrzucker
• 200 g dunkler Sirup
• 750 g Mehl (1/3 Vollkorn)
• 125 g gemahlene Mandeln
• 1 geh. TL Backpulver
• 1 Tütchen Lebkuchen-Gewürz
(und je nach Geschmack noch mehr Zimt, Kardamom, Nelken, Anis …)
• ggf. Sonnenblumenöl, falls der Teig zu bröckelig ist
• Mehl zum Ausrollen

Portionsweise ausrollen, Formen ausstechen, auf Backpapier im Ofen bei 200 Grad etwa 10 min. backen. Dünn mit Zitronenguss bestreichen und ggf. verzieren. Verschenken. Oder selbst genießen.


Das nervt doch!

• Laubpuster
• Kleinkinder mit Smartphones
• stinkende Motorroller
• die Allgegenwart von Google*
• Riesenadventskalender (mit Chipstütchen!)
• Halloween-Artikel

Dies ist meine aktuelle ganz private Hitliste, zusammengestellt vorhin beim Einkaufengehen, beliebig ergänzbar. Vorschläge gern an mg(at)textbeet.de

Was gar nicht nervt, ist ja gute Literatur. Drei weitere Titel aus unserer „Longlist“ für den nächsten BücherFrauen-LiteraturBrunch, die ich alle gern empfehle. [Ein Klick auf die Buchtitel führt zu weiteren Informationen auf den Verlagsseiten.]

Franziska Hauser, Die Gewitterschwimmerin
Hardcover, 431 Seiten, Eichborn

Lilian Loke, Auster und Klinge
Hardcover, 313 Seiten, C.H.Beck

Claudia Tieschky, Engele
Hardcover, 208 Seiten, Rowohlt Berlin

        

Noch eine Art Gegenentwurf zum Genervtsein:

Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!

Mascha Kaléko (1907–1975), aus dem Gedicht „Sozusagen grundlos vergnügt“
aus
In meinen Träumen läutet es Sturm
Hardcover, 192 Seiten, dtv, erscheint am 26. Oktober 2018

Sämtliche Briefe und Werke von Mascha Kaléko erscheinen ebenfalls im Deutschen Taschenbuch Verlag.

Diese Geschichte hat viele AutorInnen des Rowohlt-Verlages (milde gesagt) genervt und für den Branchen-Aufreger vor der Buchmesse gesorgt: Holtzbrinck kündigte von jetzt auf gleich seine Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz. Hintergründe dazu im Börsenblatt online unter dem Titel Die missratene Trennung vom 12. September 2018.

Meine ganz persönliche Verschwörungstheorie zur Causa Laugwitz ist, dass man bei Holtzbrinck genervt war von dieser Neuerscheinung unter ihrer Verlegerschaft:

    

Margarete Stokowski
Die letzten Tage des Patriarchats
Hardcover, 320 Seiten
»Stokowskis Texte machen Mut, sie helfen, wütend zu bleiben, Haltung zu zeigen und doch den Humor nicht zu verlieren. Und sie zeigen, dass es noch einiges zu tun gibt auf dem Weg zu einer gleichberechtigen Gesellschaft.« rowohlt.de

Grad heute wurde übrigens zur Causa Laugwitz von Rowohlt vermeldet, dass man sich einvernehmlich geeinigt habe. Die „Kontaktsperre“ war wohl ein Missverständnis. Und von den Ullstein Buchverlagen kam heute die Pressemeldung, dass Barbara Laugwitz dort ab März 2019 Verlagsdirektorin (CPO) werde. Glückwunsch!

* Apropos Google empfehle ich fürs Suchen im Netz startpage.com. Auch wenn startpagen nicht ganz so gemütlich-hyggelig klingt wie googeln. Doch dafür gibt es auf startpage.com [Zitat] „aktuelle Google-Suchergebnisse mit Privatsphäreschutz“. Einfach mal ausprobieren!


Glocken erinnern

Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht lautete am 2. Juni 2018 eine beeindruckende Veranstaltung im Berliner Dom mit Texten des deutschen Widerstands 1938 bis 1945. Vorgetragen von Martina Gedeck, Matthias Brandt und Studierenden der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin. Der Mitschnitt ist nachzuhören hier bei Bayern 2.

Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.
Dietrich Bonhoeffer (1906–1945)

»Friede sei ihr erst Geläute! – ringing the bells« heißt die Initiative zu einem europaweiten Glockenläuten am 21.9. im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres 2018 am Weltfriedenstag.
Der 21. September wurde 1981 von den Vereinten Nationen zum Weltfriedenstag erklärt, einem »Tag des Waffenstillstands und der Gewaltlosigkeit«.

Glockenturm, © wernau.de

Erstmalig europaweit sollen am 21.9.2018 um 18 Uhr für eine Viertelstunde alle kirchlichen und weltlichen Glocken läuten, als gemeinsames Zeichen des Friedens.

Dazu, auch interessant: Wozu brauchen wir heute noch Kirchenglocken? im Tagesspiegel vom 20.6.2018.

St. Petersglocke im Kölner Dom

Die mit einem Durchmesser von 3,22 Metern größte Glocke Deutschlands, gegossen 1923, wiegt 24 Tonnen und klingt mit einem tiefen C: die St.Petersglocke im Kölner Dom, auch »Dicker Pitter« genannt.

Vom Glockenstuhl im Dom ist es nicht weit bis zum Südquerhausfenster von 2007. Allein dieses von dem Künstler Gerhard Richter entworfene Fenster lohnt jeden Besuch im Dom, finde ich. Die 11.263 Quadrate in 72 verschiedenen Farbtönen aus mundgeblasenem Echt-Antikglas stammen aus der Glasmanufaktur Derix.

© Gerhard Richter, Köln / Dombauarchiv Köln

© derix.com

Wem das Dem-Glockenläuten-Lauschen oder das Betrachten von Kirchenfenstern nicht aktionistisch genug ist, wer es trotzdem gern bunt hat und Flagge gegen den grassierenden Rassismus zeigen will – welcome united auf dem Hamburger Rathausmarkt am 29. September 2018 um 12.00 Uhr.

»Wenn wir uns bewegen, bewegt sich die Welt!«
Aus dem Aufruf von We’ll come / Welcome united

Ebenfalls eine Initiative im Sinne des gesellschaftlichen Friedens ist der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der seit 1950 in der Frankfurter Paulskirche vergeben wird – in diesem Jahr am 14. Oktober an Aleida und Jan Assmann, von denen ich ehrlich gesagt bislang nicht gehört hatte.
Soeben im Wiener Picus Verlag erschienen:
Alida Assmann, Menschenrechte und Menschenpflichten: Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft

Die Buchtipps im September stehen unter dem Motto »tolle bunte Cover«:


Meg Wolitzer, Die Interessanten
TB, 608 Seiten, Dumont
Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence

»Meg Wolitzer spielt in diesem Roman nicht Lebenserfahrung gegen jugendliche Illusion aus, sondern nimmt sich die Mühe, Identität als vielschichtig und kompliziert, als widersprüchlich und unvermeidlich schmerzbeladen darzustellen. … So bleibt der Leserin nur helle Begeisterung für selten glaubwürdig erzählte Figuren und ihre Wege durchs Leben«, schrieb Bernadette Conrad unter der Überschrift Faszinierendes Gruppenporträt 2015 in der NZZ.


Rafik Schami, Erzähler der Nacht
TB, 288 Seiten, BELTZ & Gelberg

Rafik Schami (geb. 1946) wuchs in Damaskus auf und lebt seit 1971 in Deutschland. Der promovierte Chemiker ist ein begnadeter Geschichten-Erzähler, wurde vielfach ausgezeichnet und zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern. Erzähler der Nacht ist das mir liebste Buch von ihm.

Rafik Schami gründete 2012 zusammen mit dem Verleger Hans Schiler den Verein Schams, der seitdem Kinder und Jugendliche in den Anrainerstaaten Syriens unterstützt.

 

 

 


Kopf im Sand

Einem mir gut bekannten jungen Mann fiel zum Ausdruck »Den Kopf in den Sand stecken« das grad grassierende Prokrastination ein. In diesem Wort steckt alles drin: Krasses Ignorieren von Aufgaben, die eigentlich dringend erledigt sein wollen, und dieses gewisse »Ich kann auch nichts dafür«, da es sich offenbar um eine Art Fluch handelt.

Zeichnung von Adolf Oberländer (1877)

Auf neueswort.de findet sich: »Die Prokrastination stammt vom lateinischen procrastinatio (Vertagung) ab … ein kontraproduktives und unnötiges Aufschieben …«
Das Kopf-in-den-Sand-Stecken bietet also kaum Vorteile. Und doch vertagen wir ständig die Auseinandersetzung mit Problemen. Wir verdrängen, fühlen uns nicht angesprochen [Waaaas? Es gibt einen Zusammenhang zwischen Flugverkehr und Klimawandel? Echt jetzt?], würden zu gern so bequem und relativ entspannt weiterleben und auf gar keinen Fall persönliche Nachteile in Kauf nehmen wollen. Außerdem: Was kann ich allein schon ausrichten?

Als mir neulich diese adretten Plakate auffielen

 

Jennifer Aniston wirbt für Smart Water (c) Coca-Cola

hatte ich gleich Nestlé im Verdacht. Aber es steckt doch Coca-Cola dahinter. Der US-amerikanische Konzern hofft wohl, dass auch europäischen GroßstädterInnen gefallen könnte, worauf man in Hollywood nicht mehr verzichten möchte: WASSER  in Plastikflaschen. Selbstverständlich kein gewöhnliches, sondern quasi kluges Wasser. 

Wir hier im »echten Norden« sind heilfroh, dass wir uns keine Sorgen ums Trinkwasser machen müssen, trotz der ungewöhnlichen Dürre dieses Sommers. Das aus der Nordheide schmeckt übrigens ausgezeichnet.

In diesem Zusammenhang berichtete die Landeszeitung aus Lüneburg im letzten Jahr unter der Überschrift Wem gehört das Trinkwasser?, dass Coca-Cola Deutschland am Standort Lüneburg »ViO« abfülle und »in den vergangenen Jahren keine Gewerbesteuer gezahlt« habe. Coca-Cola verwies dazu auf »Verluste durch außerordentliche Kosten«.

Wasserspielplatz im Bürgerpark Bielefeld, (c) aquado.de

Die ideale Verbindung von Sand und Wasser – eine „Matschanlage« oder auch das Wattenmeer der Nordsee, seit 2009 UNESCO-Weltnaturerbe. Es gibt Prognosen, was aus dem Wattenmeer wird bei weiterem Meeresspiegelanstieg. Dazu gibt es die Strategie Wattenmeer 2100  – Wie ist das Watt trotz Klimawandel und Meeresspiegelanstieg zu retten? Mehr dazu auf der Website der Schutzstation Wattenmeer.

Karte: Schutzstation Wattenmeer

Zum Schluss noch kurz den Kopf aus dem Sand gesteckt und einen Blick geworfen auf die Vorbereitungen zu unserem nächsten BücherFrauen-LiteraturBrunch im Februar 2019, für den wir grad die Neuerscheinungen deutschsprachiger Autorinnen 2018 sichten. Zwei meiner Favoritinnen [ein Klick auf die Titel führt zu weiteren Informationen]:

       
Milena Michiko Flašar, Herr Katō spielt Familie
Verlag Klaus Wagenbach, 176 Seiten, geb., 20,– Euro

Wlada Kolosowa, Fliegende Hunde
Ullstein Buchverlage, 224 Seiten, geb., 20,– Euro

Fliegende Hunde erinnert mich an Alina Bronskys Scherbenpark von 2008, das ich damals ebenfalls sehr beeindruckend fand.
Alina Bronsky, Scherbenpark
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, TB, 9,99 Euro

    

Und eines der Bücher vom LiteraturBrunch 2018 ist soeben als Penguin-Taschenbuch erschienen und sei hiermit noch einmal ausdrücklich empfohlen:
Annette Mingels, Was alles war
Penguin Verlag, 288 Seiten, TB, 10,– Euro

PS: In dieser Woche wurde die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018 bekannt gegeben. Diesmal überwiegen die Romane von Autorinnen (12 von 20 nominierten Neuerscheinungen). Wir sind gespannt auf die Shortlist, die am 11.9.2018 präsentiert wird.

Nachtrag vom 12.9.2018: Auch auf der Shortlist überwiegen die Titel von Autorinnen. Wer den Deutschen Buchpreis 2018 erhält, wird am Montag, dem 8. Oktober um 18.55 Uhr bekannt gegeben.


Ansichtssache

In meinem Postkartenkarton finden sich tatsächlich noch ein paar Ansichtskarten wie diese, die ich vor einigen Sommern nicht rechtzeitig verschickt habe:

Postkarten zeigen in der Regel besonders hübsche Ansichten am Urlaubsort, die den Neid der Adressat_innen wecken könnten.
Weniger harmlose Ansichten dagegen sind solche, die auf Falschmeldungen oder Fehleinschätzungen beruhen.
Wie harmlos sind Menschen, die sich in der Flat Earth Society versammelt haben? Die davon überzeugt sind: Die Erde ist eine Scheibe.
Nein. Die Erde ist rund, die Welt ist bunt und außerdem bevölkert von Rechthabern und Besserwisserinnen [engl.: know-alls and smartypants].

Mit seinem Buch FACTFULNESS versucht der Schwede Hans Rosling (1948–2017), Professor für Internationale Gesundheit, zumindest mit einigen Irrtümern in unserem Denken aufzuräumen – sehr anschaulich und eindrücklich. Seine positive Sicht auf die Welt ist nicht naiv optimistisch, sondern gründet sich auf Fakten, auf Zahlen der Weltbank und der Vereinten Nationen z. B.

  
Hans Rosling with Ola Rosling and Anna Rosling Rönnlund
Factfulness. Ten Reasons We’re Wrong About the World – and Why Things Are Better Than You Think

Hans Rosling mit Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling
Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist

Anna Rosling Rönnlund, Hans und Ole Rosling

Ich kann einen Blick auf die Website der 2004 von Hans Rosling gegründeten Gapminder-Stiftung nur empfehlen. Und zum Einstieg vielleicht Roslings TED-Vortrag in Katar über den Zusammenhang zwischen Religionen und Geburtenraten: Religions and babies. Das NDR-Kulturjournal hat dazu am 30.4.2018 diesen Beitrag Hans Rosling: „Factfulness“ gesendet. Wer das ZDF und Aspekte bevorzugt, schaue: Der Optimist Hans Rosling „Die Welt ist gar nicht so schlecht“.

Schon 1967 sangen die Beatles [bei youtube], dass alles immer besser werde, in Getting Better auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band:
.

»I’ve got to admit it’s getting better (Better)
A little better all the time (It can’t get more worse)
I have to admit it’s getting better (Better)«

Wahrscheinlich nicht nur, um den Beatles zu widersprechen, schrieb Joni Mitchell zwei Jahre später den wesentlich kritischeren Song Big Yellow Taxi [bei youtube], 1970 erschienen auf Joni Mitchells drittem Album Ladies of the Canyon:

»Don’t it always seem to go
That you don’t know what you’ve got till it’s gone?
They paved paradise
Put up a parking lot«

Joni Mitchell 2007

Joni Mitchell wurde 2007 in die Canadian Songwriters Hall of Fame aufgenommen. Bei dieser Gelegenheit sang das Publikum „Big Yellow Taxi“ mit, auch schön – Audience sing-along at the 2007 CSHF Induction Ceremony [bei youtube]. Eine kurze Rückschau auf ihr Leben als Musikerin zeigt dieser Rock and Roll Hall of Fame Induction Film von 1997 [bei youtube] .

Einer, dem die Bewahrung der Schöpfung sicher so am Herzen liegt wie Joni Mitchell und der die Herausforderungen der heutigen Zeit viel deutlicher anspricht als die meisten Politiker_innen und das durchaus zuversichtlich, ist Papst Franziskus. Am 14. Juni 2018 kommt der neue Film von Wim Wenders in die Kinos, auf den ich schon sehr gespannt bin – das Porträt „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“.

Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes (Universal)

Dieser 5-minütige Beitrag zum Film auf Arte ist noch bis zum 1.9.2018 online.
Papst Franziskus, nun immerhin schon fünf Jahre im Amt, sagt: „Lasst uns nach vorne blicken und gemeinsam vorangehen.“  Zum Trailer auf kino-zeit.de.

Keine zwei Meinungen bzw. Ansichten gibt es jedenfalls zu diesem Johannisbeer-Quark-Kuchen: mein Sommerkuchen mit roten Johannisbeeren ausm Garten [das Rezept als PDF Marens_Johannisbeer-Quark-Kuchen].

200 g weiche Butter mit
100 g Zucker,
2 Eiern,
je 200 g Mehl und Vollkornmehl sowie
1 Pk. Vanillezucker
zu einem geschmeidigen Teig verkneten.
Auf einem gebutterten Backblech ausbreiten.

750 g Magerquark,
250 g Zucker,
5 Eigelb und
1 Pk. Vanillepudding verrühren.
Jeweils 250 ml Sahne und
die 5 Eiweiße steif schlagen und mit
750 g Johannisbeeren
vorsichtig unter den Quark heben.
Auf dem Teig verteilen.

Bei 175°C (im nicht vorgeheizten Ofen) etwa 45 Min. backen.

Getting better handelt übrigens weniger von der immer besser werdenden Welt, wie Hans Rosling sie beschreibt. Hier gibt einfach jemand zu, mit seiner neuen Freundin großes Glück zu haben: „It’s getting better since you’ve been mine.“

Schönen Sommer weiterhin!