textbeet

Kompost für den Alltag


Ansichtssache

In meinem Postkartenkarton finden sich tatsächlich noch ein paar Ansichtskarten wie diese, die ich vor einigen Sommern nicht rechtzeitig verschickt habe:

Postkarten zeigen in der Regel besonders hübsche Ansichten am Urlaubsort, die den Neid der Adressat_innen wecken könnten.
Weniger harmlose Ansichten dagegen sind solche, die auf Falschmeldungen oder Fehleinschätzungen beruhen.
Wie harmlos sind Menschen, die sich in der Flat Earth Society versammelt haben? Die davon überzeugt sind: Die Erde ist eine Scheibe.
Nein. Die Erde ist rund, die Welt ist bunt und außerdem bevölkert von Rechthabern und Besserwisserinnen [engl.: know-alls and smartypants].

Mit seinem Buch FACTFULNESS versucht der Schwede Hans Rosling (1948–2017), Professor für Internationale Gesundheit, zumindest mit einigen Irrtümern in unserem Denken aufzuräumen – sehr anschaulich und eindrücklich. Seine positive Sicht auf die Welt ist nicht naiv optimistisch, sondern gründet sich auf Fakten, auf Zahlen der Weltbank und der Vereinten Nationen z. B.

  
Hans Rosling with Ola Rosling and Anna Rosling Rönnlund
Factfulness. Ten Reasons We’re Wrong About the World – and Why Things Are Better Than You Think

Hans Rosling mit Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling
Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist

Anna Rosling Rönnlund, Hans und Ole Rosling

Ich kann einen Blick auf die Website der 2004 von Hans Rosling gegründeten Gapminder-Stiftung nur empfehlen. Und zum Einstieg vielleicht Roslings TED-Vortrag in Katar über den Zusammenhang zwischen Religionen und Geburtenraten: Religions and babies. Das NDR-Kulturjournal hat dazu am 30.4.2018 diesen Beitrag Hans Rosling: „Factfulness“ gesendet. Wer das ZDF und Aspekte bevorzugt, schaue: Der Optimist Hans Rosling „Die Welt ist gar nicht so schlecht“.

Schon 1967 sangen die Beatles [bei youtube], dass alles immer besser werde, in Getting Better auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band:
.

»I’ve got to admit it’s getting better (Better)
A little better all the time (It can’t get more worse)
I have to admit it’s getting better (Better)«

Wahrscheinlich nicht nur, um den Beatles zu widersprechen, schrieb Joni Mitchell zwei Jahre später den wesentlich kritischeren Song Big Yellow Taxi [bei youtube], 1970 erschienen auf Joni Mitchells drittem Album Ladies of the Canyon:

»Don’t it always seem to go
That you don’t know what you’ve got till it’s gone?
They paved paradise
Put up a parking lot«

Joni Mitchell 2007

Joni Mitchell wurde 2007 in die Canadian Songwriters Hall of Fame aufgenommen. Bei dieser Gelegenheit sang das Publikum „Big Yellow Taxi“ mit, auch schön – Audience sing-along at the 2007 CSHF Induction Ceremony [bei youtube]. Eine kurze Rückschau auf ihr Leben als Musikerin zeigt dieser Rock and Roll Hall of Fame Induction Film von 1997 [bei youtube] .

Einer, dem die Bewahrung der Schöpfung sicher so am Herzen liegt wie Joni Mitchell und der die Herausforderungen der heutigen Zeit viel deutlicher anspricht als die meisten Politiker_innen und das durchaus zuversichtlich, ist Papst Franziskus. Am 14. Juni 2018 kommt der neue Film von Wim Wenders in die Kinos, auf den ich schon sehr gespannt bin – das Porträt „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“.

Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes (Universal)

Dieser 5-minütige Beitrag zum Film auf Arte ist noch bis zum 1.9.2018 online.
Papst Franziskus, nun immerhin schon fünf Jahre im Amt, sagt: „Lasst uns nach vorne blicken und gemeinsam vorangehen.“  Zum Trailer auf kino-zeit.de.

Keine zwei Meinungen bzw. Ansichten gibt es jedenfalls zu diesem Johannisbeer-Quark-Kuchen: mein Sommerkuchen mit roten Johannisbeeren ausm Garten [das Rezept als PDF Marens_Johannisbeer-Quark-Kuchen].

200 g weiche Butter mit
100 g Zucker,
2 Eiern,
je 200 g Mehl und Vollkornmehl sowie
1 Pk. Vanillezucker
zu einem geschmeidigen Teig verkneten.
Auf einem gebutterten Backblech ausbreiten.

750 g Magerquark,
250 g Zucker,
5 Eigelb und
1 Pk. Vanillepudding verrühren.
Jeweils 250 ml Sahne und
die 5 Eiweiße steif schlagen und mit
750 g Johannisbeeren
vorsichtig unter den Quark heben.
Auf dem Teig verteilen.

Bei 175°C (im nicht vorgeheizten Ofen) etwa 45 Min. backen.

Getting better handelt übrigens weniger von der immer besser werdenden Welt, wie Hans Rosling sie beschreibt. Hier gibt einfach jemand zu, mit seiner neuen Freundin großes Glück zu haben: „It’s getting better since you’ve been mine.“

Schönen Sommer weiterhin!

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Ohne Krimi …

Heute ist Equal Pay Day, der internationale Aktionstag für gleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Rechnerisch auf das ganze Jahr bezogen, arbeiten die Frauen hierzulande bis zum 18. März 2018 sozusagen unentgeltlich, um für die gleiche Arbeit das Geld zu verdienen, das ihre männlichen Kollegen vom 1.1.2018 an auf ihrem Konto haben. Noch mal anders und mit wikipedia gesagt: »Damit steht der Equal Pay Day für den Tag, bis zu dem Frauen umsonst arbeiten, während Männer schon ab dem 1. Januar für ihre Arbeit bezahlt werden.«

2007 startete das Frauennetzwerk Business and Professional Women (BPW) Germany e.V. die „Initiative Rote Tasche“. Schon 1988 hatte das internationale BPW in den USA die „Red Purse Campaign“ initiiert, um auf den international bestehenden Gender Pay Gap hinzuweisen! Die roten Taschen stehen dabei für die roten Zahlen in den Geldbörsen der Frauen.

Es gibt noch eine gute Nachricht zum Thema: Die isländische Premierministerin Katrín Jakobsdóttir (Jg. 1976), seit dem 30. November 2017 im Amt, hat mit ihrer Partei Links-Grüne-Bewegung diese Geschlechter-Einkommenslücke per Gesetz abgeschafft (Quelle: perspective daily)  Damit ist Island mit seinen 348.000 Einwohner_innen das erste Land weltweit, in dem es in dieser Hinsicht gerechter zugeht.

Katrín Jakobsdóttir, visir.is

Maren Kroymann, ard.de

Eine bitter-lustige Überspitzung des Problems Chancengleichheit hat Maren Kroymann (Jg. 1949) in ihrer Satire-Sendung KROYMANN vom 8.3. (Weltfrauentag) in Szene gesetzt, nachzusehen in der ARD-Mediathek [ab min 19:51].
Zur 1. Sendung KROYMANN vom 9.3.2017.
Zur 2. Sendung KROYMANN vom 11.1.2018.

Sieben Jahre, bevor die 68er neue Rollenmodelle entwickelten [unter anderem], kam „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ in die Kinos, mit Starbesetzung: Karin Dor, Edith Hancke, Heinz Ehrhardt, Trude Herr, Harald Juhnke, Bill Ramsey … Zum Trailer und Titelsong [1:54 min] (Vorsicht Ohrwurm).

Edith Hancke und Bill Ramsey

Bei meinen Buchempfehlungen sind Krimis bislang eindeutig zu kurz gekommen, was daran liegen mag, dass ich kaum noch Krimis lese. Nun also endlich eine Auslese aus den letzten 20 Jahren. Ein Klick auf die Titel führt zu den ausführlichen Verlagsinformationen.

Mechtild Borrmann, Die andere Hälfte der Hoffnung
320 Seiten
  
Leif Davidsen, Der Augenblick der Wahrheit
Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle
432 Seiten

Håkan Nesser, Kim Novak badete nie im See von Genezareth
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
432 Seiten. In Schweden Schullektüre!
  
Rose Tremain, Der unausweichliche Tag
Aus dem Englischen von Christel Dormagen
334 Seiten

Apropos Bill Ramsey – habe ich schon mal erwähnt, dass ich ein großer Fan von Stefan Gwildis bin, dem Soulsänger aus Hamburg-Barmbek? Zum guten Schluss dieses youtube-Fundstück: Stefan Gwildis am 11.04.2016 zu Gast bei Bill Ramsey [11:14 min].

Euch und Ihnen allen einen sonnigen Frühlingsanfang!


Egoismen

Der erste Monat des neuen Jahres 2018: schon am Ende. Für gute Vorsätze sei es aber nie zu spät. Zum Beispiel weniger Zucker, mehr ins Theater, weniger überflüssigen Konsum, noch mehr singen, nix mehr bei amazon bestellen … Denn wo das hinführen kann, davon erzählt sehr eindrücklich [und witzig] Marc-Uwe Kling in seinem neuen Roman QualityLand. Wer in QualityLand bei TheShop angemeldet ist, der bekommt auch die Produkte, die er unbewusst haben will, automatisch per Drohne zugeschickt. Also, wenn das nicht bequem ist. Hörbuch Hamburg hat ein lustiges Unboxing-Video zu QualityLand gedreht [1:20 min].

beim Chaos Computer Club am 27.12.2017

  

So unverblümt und amüsant wie in Grönemeyers „So wie ich“ habe ich selten über Egozentrismus singen gehört. Aus der CD „Schiffsverkehr“ (2011)

Ich bin total in mich verliebt,
Ich bin so froh, dass es mich gibt,
Und nur bei mir bin ich schön
Ich will mich um mich selber drehn
Keiner liebt mich, denn keiner liebt mich so wie ich
Niemand kann mich wie ich verstehen.
Aus: Herbert Grönemeyer, So wie ich

Foto: Superbass 2014

   

Eine ganz andere interessante Variante von Egozentrismus zeigt dieser kleine Film aus der Reihe „Filosofix“  [2:29 min].

Auf dieses „Gedankenspiel Menschenfleisch – Sind Menschen mehr wert als Tiere?“  bin ich über den Jahresrückblick 2017 von Sternstunden der Philosophie des Schweizer Fernsehens  gestoßen. Gesendet wurde das knatterharte Filmchen am 2. Weihnachtstag 2017. Da waren die meisten Gänse wohl schon verspeist …

Zum Schluss möchte ich noch einige „kleine“ Bücher empfehlen, die für ein, zwei gute Stunden unterhaltsame „Anstiftungen zum Denken“ bieten.


Chimamanda Ngozi Adichie
Mehr Feminismus! Ein Manifest und vier Stories
Aus dem Englischen übersetzt von Anette Grube
112 Seiten


Jenny Erpenbeck
Dinge, die verschwinden
112 Seiten


David Foster Wallace (1962–2008), Das hier ist Wasser / This is Water
Anstiftung zum Denken. Zweisprachige Ausgabe.
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Blumenbach
64 Seiten


Kathrine Kressmann Taylor (1903–1996)
Adressat unbekannt
Aus dem Englischen übersetzt von Dorothee Böhm
96 Seiten


Naja, naja

Während des G20-Gipfels vor drei Wochen war Hamburg im Ausnahmezustand. Ich bin froh, dass es keine Toten gab. Die Bilder von den mutwilligen Zerstörungen durch radikale Autonome und andere Krawallmacher, Videos von Wasserwerfern im Einsatz und von martialischen Polizeiaufmärschen überschatten leider die Bilder von den friedlich Engagierten bei den Demonstrationen Hamburg zeigt Haltung und Grenzenlose Solidarität statt G20.

Darum hier fürs Nichtvergessen zwei Fotos vom 2. und 8. Juli – gewaltfreie Proteste für berechtigte Anliegen wie Meinungs- und Pressefreiheit, Menschenrechte, fairer Welthandel, Klimaschutz, religiöse Toleranz …

Auf der Alster am 2.7.17. Foto: Gela Linne

Grenzenlose Solidarität am 8.7.17. Foto: Gela Linne

Das Verb demonstrieren wurde übrigens im 16. Jh. aus lat. demonstrare „hinweisen, deutlich machen“ entlehnt. Zugrunde liegt lat. monstrum „Mahnzeichen“, das auch für Ungeheuerliches steht.

Beim Schlagermove vorletztes Wochenende waren es angeblich 400.000 ungeheuer Begeisterte …
Wahrscheinlich haben sie nicht nach Naja, naja von Soulsänger Stefan Gwildis getanzt. Wem aber wie mir der andauernde Regen grad echt auf die Nerven geht, denen empfehle ich das Gute-Laune-Lied  – „denn in uns glüht ein Vulkan“. Als Made-in-Germany-Flickr-Video [2:50 min]. „Auch in Karlsruhe, Osnabrück und selbst in Bonn tanzt man in Straßen und Alleen …“ Münster wird nicht ausdrücklich genannt, ist aber bestimmt mitgemeint.

Vielleicht weil in Münster bald ein Ehemaligen-Treffen der Regensberger_innen stattfindet, anlässlich der Schließung von Europas ältester Buchhandlung vor 20 Jahren, ist mir etwas nostalgisch zu Mute.
In einem Artikel im münster-wiki ist über die Regensbergsche zu lesen, dass Lambert Raesfeld die Buchhandlung 1591 gründete, die erst 1832 nach dem damaligen Besitzer Ferdinand Regensberg umbenannt wurde und bis kurz vor ihrer Schließung 1997 im Familienbesitz blieb. Es sei „vorwiegend die weibliche Linie“ gewesen, „die den Bestand des Traditionsunternehmens sicherte.“


Die beiden Frösche in unserem kleinen Gartenteich erinnern mich an dieses Gedicht von Augustin Wibbelt (1862-1947) in Münsterländer Platt, das wir als Grundschulkinder noch auswendig gelernt haben.

Dat Pöggsken

Pöggsken sitt in’n Sunnenschien,
O, wat is dat Pöggsken fien
Met de gröne Bücks!
Pöggsken denkt an nicks.
Kümp de witte Gausemann,
Hät so raude Stiewweln an,
Mäck en graut Gesnater,
Hu, wat fix
Springt dat Pöggsken met de Bücks,
Met de schöne gröne Bücks,
Met de Bücks in’t Water!

Auf der Seite muenster.org ist eine Originalaufnahme vom Pöggsken mit Augustin Wibbelt zu hören.

Apropos Münster möchte ich nicht versäumen, auf die Ausstellung Skulptur Projekte 2017 hinzuweisen, zu erleben noch bis zum 1. Oktober. Die Skulpturen-Ausstellung findet seit 1977 alle zehn Jahre in Münster statt. Das vielleicht beliebteste Objekt 2017 – ein Unterwassersteg:

„On water“ von Ayşe Erkmen. Foto: Birgit Giering

Der Link Wissenswertes über die Skulptur Projekte 2017 führt zu einer interessanten Fotostrecke in den Westfälischen Nachrichten, die behaupten, dass die Skulptur-Projekte 1977 entstanden seien, „weil die Münsteraner mit zeitgenössischer Kunst nichts anzufangen wussten.“ – Naja, naja. – „Klaus Bußmann und Kasper König luden deshalb Künstler ein, am Ort Kunst zu realisieren.“

Keine neue Beet-Realisation ohne Buchempfehlungen. Für den nächsten LiteraturBrunch der Hamburger BücherFrauen im Februar 2018 sind wir schon wieder eifrig dabei, die Belletristik-Neuerscheinungen 2017 deutschsprachiger Autorinnen zu prüfen. Das für mich bislang beste Buch ist Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster von Susann Pásztor, bei Kiepenheuer und Witsch. Der noch unerfahrene Sterbebegleiter Fred ist mit seiner Aufgabe, die Fotografin Karla in ihren letzten Lebensmonaten zu begleiten, leicht überfordert. Doch er bekommt Unterstützung, ganz unerwartet, unter anderem durch seinen 13-jährigen Sohn Phil. Überzeugende Figuren und Dialoge, kein Wort zu viel.

        

Susann Pásztors zweiten Roman Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts (von 2013) habe ich gleich anschließend gelesen und bin auch von diesem Buch, das mit einem Schweigeseminar beginnt, sehr angetan. Nun freue ich mich noch auf ihr Debüt von 2010: Ein fabelhafter Lügner.

Zum guten Schluss eine neue Rubrik – das Sommerrätsel. Na, welcher Ort auf welcher Insel ist hier zu sehen?

Einsendeschluss ist der 1.9.2017. Es winkt ein Buchpreis und der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Allen, die im Sommerurlaub unterwegs sind, wünsche ich


zusammen …

zählt für mich zu den schönsten deutschen Adverbien.
Im Duden 1 [Die deutsche Rechtschreibung] finden sich zwischen zusammenarbeiten und zusammenzucken sage und schreibe 101 Verben, darunter so bildhafte wie sich zusammenläppern und zusammentrommeln. Hundertundeins! Wenn ich mich nicht verzählt habe; ich bin ja kein Computer.

Blick auf die Seite 1208 des DUDEN 1

Regula Venske, seit gut zwei Wochen Präsidentin des deutschen PEN, sagte im Deutschlandfunk Kultur in der Sendung Fazit vom 30.4.2017 über ihre Motivation: »Ich glaube, wenn man sich nicht engagiert, dann kann man im Moment, wenn man die Nachrichten liest, recht depressiv und pessimistisch werden, und da tut es gut, sich mit anderen zusammenzutun und sich gemeinsam für das einzusetzen, was uns wichtig ist.«
National wie international setzt sich der PEN [Poets, Essayists, Novelists] ein für den Schutz und die Freiheit von Kultur, den ungehinderten Gedankenaustausch und die freie Meinungsäußerung.

Sophie Hunger stellt sich in ihrem Song NÜT (Dem Burghölzli zum Geburtstag) vor, was die Freiheitsstatue singt, wenn sie singt. Offiziell heißt die Freiheitsstatue übrigens Liberty Enlightening the World – und das seit 1886.
Ein Teil des Textes (auf Schwizerdütsch) findet sich unter dem Titel Z’Lied vor Freiheitsstatue bei songtexte.com. Der Refrain:

Lueg, mir isch schwindlig
Aber schwindlig bini nid
Lueg, I han es Riesse
Riesse chani nüt

Eine Übersetzung des Songs habe ich leider nicht gefunden. Dafür gibt es in dem Film Sophie Hunger – The Rules of Fire eine tolle Live-Version von NÜT zu sehen [ab Minute 43:30].
   
Vor einem Jahr hat Sophie Hungers Label Two Gentlemen diesen Film, ein Konzert-Porträt, wie soll man sagen – jedenfalls finde ich das Video ein bisschen speziell und ganz besonders beeindruckend. »Sängerin Sophie Hunger füllt Konzerthallen auf der ganzen Welt, gewinnt Preise, begeistert (fast) alle. Ist es ihre Stimme? Sind es ihre Texte? Ist es ihr Charisma? Ein filmischer Annäherungsversuch.« [Zitat zum Film auf youtube]

Kein textbeet-Beitrag sollte ohne eine Buchempfehlung bleiben. Heute rate ich zu  Alois Prinz, Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt. Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt bzw. Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt.
   
Meine Freundin Regina und ich haben Alois Prinz vor ein paar Wochen in der Buchhandlung Christiansen erlebt, das war ein spannender Abend mit dem Autor, der in weiteren Büchern u. a. die Lebensgeschichten von Ulrike Meinhof, Franz Kafka und Milena Jesenská erzählt.

Blick in die Buchhandlung Christiansen in Ottensen

Der leidenschaftliche Biograph Prinz wurde übrigens im März mit dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur 2017 ausgezeichnet. Seine Bücher erscheinen bei Beltz und Gelberg und teilweise (als Ausgaben für Erwachsene, wenn man das so sagen möchte) im Insel-Verlag.

Zum Abschluss die erste Folge einer neuen kleinen Serie, die in lockerer Folge Tipps fürs Bad vorstellt: Wer kein Fan von Seifenspendern ist und schon lange genug hat von Seifenresten in Seifenschalen: Ein kleiner Schwamm als Unterlage ist perfekt – Seifenrutschen passé.

   

Kann ich nur empfehlen [neulich gab’s noch drei Stück bei Budni für weniger als zwei Euro].


Augenzeug_innen

Gestern bin ich mit einer jungen Frau ins Gespräch gekommen. S. ist in Deutschland geboren, ihre Herkunftsfamilie stammt aus der Türkei. Irgendwann erzählt sie, dass sie kurdische Yesidin sei. Ihre Heimatstadt Mardin, eine uralte Stadt in der Südtürkei nahe der syrischen Grenze, sei in den letzten Jahren weitgehend zerstört worden. Es lebten aber noch Menschen dort, die beginnen würden, ihre Stadt wieder aufzubauen, obwohl sie keine Hoffnung auf Frieden mehr hätten.

Mardin (ein Ausschnitt) vor der Zerstörung

Zusammen mit ihrer Mutter hat S. vor Kurzem ein grenznahes Flüchtlingslager besucht, weil sie sich selbst ein Bild machen wollte. Die Lage dort sei kaum vorstellbar entsetzlich. Da es so gut wie nichts gebe, auch kein ausreichendes Trinkwasser, würden die Säuglinge von ihren älteren Geschwistern mit Zuckerstückchen gefüttert …
Das ist doch unerträglich. Wie können wir uns das noch länger mit ansehen? Wie können wir diese Situation länger verdrängen oder dulden? Das ist eine solche Schande für Europa!


Der Ostermarsch in Hamburg am Montag, 17. April, beginnt mit einer Andacht in St. Georg um 11.30 Uhr, die Auftaktkundgebung startet um 12 Uhr. Ich würde mich sehr freuen, viele von Euch (mit ihren Verwandten und Bekannten) dort zu treffen. Das Flugblatt zum Ostermarsch. Nähere Infos beim Hamburger Forum. Eine Übersicht über die bundesweit stattfindenden Ostermärsche hat das Netzwerk Friedenskooperative zusammengestellt.

Zum Aspekt, welche Rolle die Medien spielen in unserer Wahrnehmung der Ereignisse: Navid Kermani, Friedenspreisträger und Augenzeuge, berichtet in der Sternstunde Philosophie von seiner Reportage-Reise durch Tschetschenien und beklagt, dass die Redaktionen (Print, Hörfunk, TV) sich solche Berichterstattungen wegen des immensen Organisationsaufwand kaum noch leisten würden. Das beeindruckende, kluge Gespräch mit Barbara Bleisch vom 5.2.2017 unter dem Titel Was uns tröstet ist hier nachzusehen.

Was mich tröstet, sind Musik und Literatur [unter anderem].

Letztes Jahr habe ich Sophie Hunger mit meiner Freundin Nicola zusammen im Berliner Berghain erlebt. Das war großartig. Ich liebe ihre Doppel-CD The Rules Of Fire. Mehr Infos bei JPC und dem Label Two Gentlemen.
    
Tröstlich finde ich die Musik, die Joel Frederiksen mit seinem Ensemble Phoenix Munich aufgenommen hat: Requiem for a Pink Moon – An Elizabethan Tribute to Nick Drake, 2013 ausgezeichnet mit einem Echo Klassik.

Apropos Elizabethan: Grad heute Morgen habe ich wieder einen bemerkenswerten SWR2-Wissen-Podcast gehört: Elisabeth I von England – Eine Frau mit dem Herzen eines Königs. Mehr über die ebenfalls sehr interessante Autorin des Beitrags Imogen Rhia Herrad.

Auch Christa Wolf, deren Bücher ich immer wieder neu entdecke, schreibt als Augenzeugin. Posthum von ihrem Mann Gerhard Wolf herausgegeben: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert 2001-2011 – der Nachfolgeband zu ihrem Tagebuch-Projekt Ein Tag im Jahr. 1960-2000.

Christa Wolf schrieb am 27. September 2007: »Jeden Tag führt die Zeitung uns vor Augen, daß wir in einer wahnsinnigen Welt leben, die mit großer Beschleunigung auf eine Selbstzerstörung zutreibt. Ich wundere mich wirklich, daß so wenige Menschen das bemerken und daß wir anderen, die es bemerken, uns daran gewöhnt haben.«
    
Eine wunderbare Entdeckung für mich war zuletzt die amerikanische Dichterin Emily Dickinson  (1830–1886). Nur zehn(!) Gedichte wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht.

Hope is the thing with feathers
that perches in the soul
and sings the tunes without the words
and never stops at all.

In unserer nur zu lobenden Stadtbücherei fand ich das zweisprachige Hörbuch Emily Dickinson, Gedichte, in der Übersetzung von Gunhild Kübler, gelesen von Julika Jenkins, erschienen 2007 bei Kein und Aber, lieferbar noch bei JPC.

   
Emily Dickinson, Gedichte
Aus dem Englischen von Gunhild Kübler
560 Seiten, 2011 erschienen als Fischer Taschenbuch
Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte
Zweisprachig. Übersetzt und herausgegeben von Gunhild Kübler
1408 Seiten, 2015 bei Hanser erschienen

Der Beitrag Die geheime Lyrik der Emily Dickinson [im Deutschlandfunk-Archiv] bietet einen spannenden Einblick in Leben und Werk der fast vergessenen Dichterin. Sämtliche Gedichte [das sind 1789(!)] war Buch der Woche im April 2015.

Zum Schluss noch Neuigkeiten aus unseren Garten: Der Päckchenbote hat uns vorgestern eine Lieferung Regenwurmkokons von SUPERWURM auf die Terrasse gestellt. So ist das bei uns in der Kleinstadtsiedlung. Je nach Witterung sollen sie in einigen Monaten schlüpfen, die 1200 Superwürmer. Und gegen freie Kost und Logis in unserm Kompost und in den neuen Hochbeeten werden sie feinen Humus liefern. So ist jedenfalls der Plan.


Munition

Am vorletzten Wochenende habe ich in Frankfurt an einer Aktionskonferenz von pax christi teilgenommen und bin dort vielen sehr engagierten Menschen um die 60 begegnet. Auch nach Jahrzehnten friedensbewegter Arbeit und listiger Aktionen gegen die übermächtig wirkende Rüstungsindustrie sind sie noch immer mit Lust am Widerstand dabei. Sehr beeindruckend. Der Bericht von der Aktionskonferenz „Stoppt den Waffenhandel“ auf der Website von Ohne Rüstung leben.
   
Ebenfalls mitgewirkt hat die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, die in diesem Jahr ihr 125-jähriges Jubiläum begehen, denn schon 1892 gründete Bertha von Suttner mit weiteren Mitstreitern die Deutsche Friedensgesellschaft.

Die Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel! fordert einen Stopp deutscher Rüstungsexporte an menschenrechtsverletzende und kriegführende Staaten, genau so, wie es unser Grundgesetz vorschreibt.
»Blendet man aus, dass Waffen Menschen töten, mag man den Erfolg der deutschen Rüstungsindustrie begrüßen. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen – laut einer Emnid-Umfrage von 2016 sind es 83 Prozent – lehnt die Waffenexporte jedoch ab.« Quelle: Planet Wissen

Diese Aktion von 2015 wird 2017 wieder aufgenommen.

Lesenswert zum Thema Rüstungsexportkontrollen finde ich auch den Artikel in der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016: »Boom mit Bomben.  Der Rüstungskonzern Rheinmetall umgeht mit Tochterfirmen im Ausland deutsche Exportkontrollen und verdient prächtig. Auch am Bürgerkrieg im Jemen.«

Was ich vor dieser Aktionskonferenz noch für total absurd gehalten hätte: Ich werde mir eine Aktie von Rheinmetall kaufen. Und mein Stimmrecht an die Kritischen Aktionäre übertragen. Die Rheinmetall-Hauptversammlung 2017 findet am 9. Mai in Berlin statt. Gleichzeitig eine Demonstration vorm Maritim-Hotel unter dem Motto »RHEINMETALL ENTRÜSTEN. Wer Waffen sät, erntet Flüchtlinge!«
Für alle, die sich noch weiter informieren möchten, empfehle ich den Text von Otfried Nassauer „EXPLOSIVE AUSFUHREN. Munitionsexporte in deutscher Verantwortung“, hier als PDF.
Ich hör’ gleich auf, aber dieser Beitrag »Wie wir mit smarten Waffen richtig handeln können« gibt ebenfalls einen interessanten Einblick ins Thema. Veröffentlicht auf perspective daily, der Plattform für Konstruktiven Journalismus. Daraus:

Quelle: International Institute for Strategic Studies

Wer genug gelesen hat und lieber mal wieder etwas überwiegend Heiteres hören will:

Marc-Uwe Kling ist Kleinkünstler, selbst Pazifist, und er lebt mit einem Känguru zusammen, das beim Vietcong gewesen sein will.
Die Känguru-Chroniken berichten von seinen ersten Erlebnissen mit diesem schrägen Zeitgenossen. Bekannt geworden ist Marc-Uwe Kling zuletzt auch durch seine falsch zugeordneten Zitate.
Ein Beispiel: »Was darf die Satire? Alles!« Recep Erdoğan

Ebenfalls hörenswert:  Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie.
Wolf Biermann erzählt ganz persönlich von deutsch-deutscher Geschichte. Bei der Lesung von Burghart Klaußner übertönen zum Glück das Sachliche und das Ironische die Selbstverliebtheit des Autors. Einen meiner liebsten Texte schrieb Wolf Biermann 1968 für seinen Freund Peter Huchel (1903-1981): Ermutigung. Daraus die vierte Strophe:

Du, lass dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Darum der Plan für Ostern: runter vom Sofa, raus ausm Strandkorb. Denn Mitte April können wir wieder gemeinsam auf die Straße gehen. Wann, wenn nicht jetzt? Wenn tatsächlich 83 % der Deutschen gegen Rüstungsexporte sind, sollten doch große Friedensdemonstrationen zu organisieren sein … Die Ostermarsch-Termine 2017 auf der Website der Friedenskooperative.