textbeet

Kompost für den Alltag


nix dafür

Ich bin leider schuld
Ich hatte mir gewünscht, dass die Mücken sterben und die Wespen auch
Ich bin leider schuld
Ich hatte allgemein einen hohen Verbrauch
Ich bin leider schuld
Ich hatte mir gewünscht, dass es wärmer wird, warm genug zum Baden
Ich bin leider schuld
Ich hatte nicht gedacht an den ganzen Schaden

Aus: Dota, Ich bin leider schuld,
von der CD Wir rufen Dich, Galaktika (2021)

Der ganze Text ist bei genius.com nachzulesen und der ganze Song zu hören hier bei youtube.

Gegen Ende singt ein Kinderchor: „Schuld bist du nicht allein“. Aber irgendwie mitschuldig eben schon. Gleichzeitig gibt es viel Fatales, für das ich z. B. nicht verantwortlich bin. Da kann ich echt nix dafür. Zum Beispiel, dass immer noch kein generelles Tempolimit gilt auf unseren Autobahnen. Daran scheint mir eher unser Finanzminister schuld zu sein. Wollen wir eine Demo organisieren? Bitte melden!
Eine Petition bei change.org Tempolimit 130 km/h – sofort! zum Gleich-Unterschreiben gibt es schon.

Die Ich-Erzählerin in Die Woche von Heike Geißler [ganz zu Recht auf der Shortlist zum Leipziger Buchpreis 2022] wäre bei der Demo wahrscheinlich sofort dabei. Die Woche ist ein großartiger Empowerment-Roman, krass, poetisch, phantastisch, aktuell. Was wollen wir mehr?
Heike Geißler, Die Woche
316 Seiten
Suhrkamp, erschienen am 7.3.2022

Hier noch ein Buchtipp aus der Reihe »Lieblingsbücher, die ich noch nicht im Textbeet erwähnt habe …«

Tanja Langer hat ihre unkonventionelle Freundschaft mit dem Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen, der 1989 von der RAF ermordet wurde, in einem fesselnden Roman verdichtet.

Tanja Langer, Der Tag ist hell, ich schreibe dir
408 Seiten
Langen-Müller, erschienen 2012

Unsere Rosen, (c) marengide
Orwells Rosen, (c) Rowohlt Verlag
Rebecca Solnit, (c) Trent Davis Bailey

Als Fan von Rebecca Solnit empfehle ich Orwells Rosen, das noch auf meiner Wunschliste steht. Ich vertraue da ganz Margaret Atwood, die schreibt: »Ich liebe dieses Buch, und viele andere werden das auch tun. Ein berauschender Streifzug durch Orwells Leben und seine Zeit …«

Rebecca Solnit, Orwells Rosen
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
320 Seiten
Rowohlt, erschienen am 14.6.2022

Kletterrose vor der Nachbar-Garage

Zum weiterhin wichtigen Thema Geschlechtergerechte Sprache [Gendern] zitiere ich gern noch die mährisch-österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916), die lange vor der Gender-Debatte festgestellt hat:
»Wenn eine Frau sagt ›Jeder, meint sie: jedermann.
Wenn ein Mann sagt Jeder, meint er: jeder Mann.«

Uns allen, jeder und jedem, wünsche ich wunderbare Sommertage!

(c) Thomas Stephan on Unsplash, entdeckt auf hamburg-tourism.de


… keine gute Ratgeberin

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.

Aus: Rezept von Mascha Kaléko

Unser Rosenbäumchen blüht Jahr für Jahr doller

Ja, die Angst … Sie ist einfach keine gute Ratgeberin.

Die Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie Maren Urner hat am 29.1.2022 über »positives Denken in der Krise« [verlinkt zur WDR-Mediathek] mit Kornelia Bittmann gesprochen [35:31 Min]. Sie erzählt anschaulich vom Negativitäts-Bias unseres „Steinzeithirns“, also von unserer Vorliebe für das Negative, und dass diese Einstellung (dieser Bias) vor 1 Millionen Jahre durchaus sinnvoll war – als unsere Vorfahr:innen noch in Höhlen lebten. Doch heutzutage eher problematisch ist, denn wir vergessen darüber unsere Selbstwirksamkeit.
Empfehlen kann ich nicht nur dieses Gespräch und ihr Buch Raus aus der ewigen Dauerkrise, sondern auch ihren Rat, nicht gleich als erstes morgens die Nachrichten zu hören. Mir bekommt dieser „Verzicht“ gut. Auch Zeitungspapier ist geduldig.

erschienen am 3.5.2021

Manchmal argumentiere ich gegen Stiftungen als Steuersparmodell, gebe aber zu, dass zum Beispiel die Heinrich-Böll-Stiftung tolle Projekte finanziert, wie z. B. den Salon des guten Lebens. Der erste virtuelle #Salon mit Kübra Gümüşay und ihrem Thema Streit und Sein – Zukunft [verlinkt zum Salon des guten Lebens] vom 8.9.2021 widmete sich unter anderem der Frage: »Was für Grundlagen braucht es, um zugewandt, konstruktiv, erfolgreich über eine gerechtere Zukunft zu sprechen?«
Kübra Gümüşay und ihre Gäste Asal Dardan, Mithu Sanyal und Emilia Roig haben die wertschätzende Kommunikation im digitalen Raum vorgemacht:

(c) Heinrich-Böll-Stiftung
die vier jüngsten Bücher der Autorinnen

Kübra Gümüşay, Sprache und Sein
Asal Dardan, Betrachtungen einer Barbarin
Mithu M. Sanyal, Identitti
Emilia Roig, Why we matter
[verlinkt auf die Verlagsseiten]

Und noch eine Entdeckung: Alisa Amador, die Gewinnerin des 2022 Tiny Desk Contest

Alisa Amador (c) NPR

Für mich entdeckt habe ich sie letzte Woche bei ihrem NPR-Tiny-Disk-Concert vom 31.5.2022, ehrlich gesagt auf youtube, aber es gibt auch das werbefreie(!) Original-Video ihres schönen, nur zu kurzen 20-minütigen Auftritts auf NPR (National Public Radio).

Alisa Amador und ihre Band (c) NPR

Nach so viel Frauenpower mache ich jetzt noch (ganz uneigennützig!) Werbung für zwei meiner Lieblingskünstler:

erschienen am 22.3.2022 (c) Carlsen Verlag, Hamburg

Die Känguru-Comics 1: Also ICH könnte das besser
von Marc-Uwe Kling und Bernd Kissel
ZEIT online veröffentlicht fast jeden Tag einen neuen Känguru-Comic.
In der Sommerpause bietet sich für alle Känguru-Süchtigen das Buch an.

Auf mehrfachen Wunsch zu guter Letzt mal wieder ein Rezept:

Veganer Bananenkuchen

140 g Margarine
80 g brauner Zucker
1 Pck. Vanillezucker
2-3 reife Bananen
5 EL Kokosmilch
250 g Mehl
2 TL Natron
5 EL Rosinen
etwas Margarine für die Backform

Die Margarine mit dem Zucker schaumig schlagen. Die kleingeschnittenen Bananen und die Kokosmilch dazugeben und weitermixen. Mehl und Natron unterrühren. Zuletzt die Rosinen unterheben. Den Teig in die gefettete Spring- oder Kranzform füllen, bei 180°C (ohne vorzuheizen) etwa 35 Min. (Stäbchentest) backen. Der schmeckt nicht nur Veganer:innen.


Sichtbar

»Wenn sich die Anti-AKW-Bewegung nur für gewinnbare Ziele eingesetzt hätte, hätte sie nie große Erfolge erzielt.« Jochen Stay (1965–2022)

Fridays For Future lädt ein zum nächsten große Klimastreik am 25.3.2022:
»Bald schon laufen die ersten hundert Tage der neuen Ampelkoalition ab, doch die großen Versprechen im Klimaschutz sind noch offen. Deshalb streiken wir am 25.3. wieder gemeinsam, global und laut für echte Klimagerechtigkeit.«

Neulich erst habe ich den Song Ihr Lasst Uns Keine Wahl [Link zu youtube] von Bruneau X Mondmann entdeckt, und stimme etwas holprig mit ein: »Was bringt dir der Profit, wenn der Planet bald defekt ist?«

Bruneau X Mondmann, Quelle: youtube

Kommen wir zur nächsten Kunst.

mein Buch des Jahres 2021, inzwischen als Taschenbuch

Im letzten Kapitel ihrer beeindruckenden Zeitreise schreibt Rebecca Solnit von einer Demonstration, bei der sie in der ersten Reihe mitlaufen durfte, weil sie ein Plakat der Künstlerin Stephanie Syjuco dabei gehabt habe. Ein Bild vom Plakat habe ich vergeblich gesucht, dafür diese Installation The Visible Invisible von Stephanie Syjuco – für mich eine Entdeckung.

Stephanie Syjuco, 2018

Weithin unsichtbar waren bis letzte Woche über 100 Menschen, die sich als Mitarbeitende in der Katholischen Kirche für die Dokumentation Wie Gott uns schuf! geoutet haben. Seit der Erstausstrahlung am 24.1.22 hat dieser hervorragend gemachte Film hohe Wellen geschlagen. Das findet hoffentlich ein entsprechendes wirkmächtiges Echo bei den Entscheidern in der Amtskirche.

Quelle: ARD-Mediathek

Die österreichische Autorin Eva Menasse hat sich in ihrem jüngsten Roman einem anderen großen Verschweigen gewidmet, dem kollektiven Verdrängen eines Verbrechens in der (fiktiven) Gemeinde Dunkelblum.

das Hörbuch bei roofmusic

Eva Menasse hat ihren grandiosen Roman selbst eingelesen; ich wüsste nicht, wer’s besser gekonnt hätte, und empfehle die 900 Minuten Hörbuch uneingeschränkt. Für mich täglich ein Anreiz für meine Rückengymnastik, denn nur dabei darf ich’s hören. Zur Orientierung im Roman gibt’s auf der Verlagswebsite ein Figurenverzeichnis.

Eva Menasse, Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch, 19.08.2021

Ausstellungsbesuch im Februar 2022



Kurze Sommer

15 Stunden 15 Minuten Hörvergnügen

Karen Duve hat ihren jüngsten Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer selbst eingelesen und ich habe beim Hören der CDs an ihren Lippen gehangen. Als Münsteranerin kannte ich Annette von Droste-Hülshoff natürlich, unsere berühmte Dichterin. Mit vollem Namen Anna Elisabeth Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica Freiin von Droste zu Hülshoff (1797–1848). Die Judenbuche war Schullektüre und die Burg Hülshoff ein beliebtes Ausflugsziel. Im Roman begegnen wir der jungen Annette, der Rebellin der Familie, bekannt mit den Brüdern Grimm und vielen anderen namhaften Zeitgenossen, inmitten politischer Umbrüche. Karen Duve ist ein ganz besonderes Gesellschaftsporträt gelungen, in dem immer wieder Bezüge zu unserer vergleichsweise rastlosen Zeit aufblitzen.

Der Roman ist 2018 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich. Also, für alle, die lieber selber lesen.

Auf der kürzlich erschienenen Doppel-CD Wir rufen Dich, Galaktika der großartigen Dota Kehr findet sich auch ein Sommer-Song: Sommer für Sommer [Link zu youtube]. Ein Auszug:

Also lieg ich im Gras
So als würde die Welt nichts von mir woll’n
Und der Tag geht vorbei, egal was man tut oder lässt …
Sommer für Sommer wünsch ich mich wieder dorthin zurück
Die Sonne wärmt mich mit zärtlicher Gleichgültigkeit

Dota Kehr

Dota ist mit ihrer Band auf Tour und es gibt für viele Konzerte noch Karten, z. B. für das im Jovel am 1.12.21.

Urlaubserinnerungen Amrum 2021

Mit einer symbolischen Menschenkette von Hamburg bis zum Mittelmeer möchte „Rettungskette für Menschenrechte“ ein Zeichen für mehr Menschlichkeit und gegen das Sterben im Mittelmeer setzen. Acht Tage vor der Bundestagswahl.

Die Aktion findet am 18. September 2021 um 12 Uhr in Deutschland, Österreich und Italien statt.
Der Kampagnenflyer Hamburg zum Herunterladen.

Damit diese Bundestagswahl doch noch eine Klimawahl wird, gehen am 24. September 2021 wieder Zehntausende beim Globalen Klimastreik auf die Straße. In über 350 deutschen Städten [Link zur Karte]. Du auch?

Und apropos Bundestag muss ich noch einen Filmtipp loswerden:

– seit Ende August und hoffentlich noch lange in den Kinos, ist dieser Dokumentarfilm von Torsten Körner absolut sehenswert. Unfassbar, was männliche Kollegen sich diesen couragierten Politikerinnen gegenüber damals alles herausgenommen haben.

Das grüne »Feminat« 1984


Sommerschatten

»Wir müssen den Mut zu einer echten Transformation haben. Wir leben weltweit auf Kosten jüngerer und künftiger Generationen. Das ist einfach die bedrückende Wahrheit.« So Kanzlerin Merkel anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Nachhaltigkeitsrates am 8. Juni 2021 in Berlin.

Transformation … Change … Wandel …

A Better Place | Playing For Change | Song Around The World

Diese Musikerinnen hatten schon vor vielen Jahren einen Plan und den entsprechenden Spirit, wenn sie singen: »Freedom and Justice is the Melody that let us shine on«
Playing For Change gibt es bereits seit 2002 …

Nichts weniger als Klima-Gerechtigkeit – Climate Justice – wollen Fridays for Future, aber noch fehlt es an den notwendigen Schritten. Am Freitag, 18.6.2021 finden wieder Demos vor Ort statt.

Eine Lösung wäre die Verkehrswende. Schon in den 1980ern hatte ich diese Zeichnung als Aufkleber am Rad:

wiedergefunden auf Fahrradkultur in Augsburg

Endlich habe ich ein Kinderbuch gelesen, das ich jahrzehntelang ignoriert habe, shame on me:
Roald Dahl, Matilda


illustriert von Quentin Blake https://www.quentinblake.com
übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt

Illustration: Sir Quentin Blake

Sommerschatten

Wie angenehm
lebt es sich
für einen Augenblick
mit dem Sommerschatten,
diesem Abdruck
der Seele,
warm
auf dem atmenden Stein

Peter Härtling

752 Seiten, Kiepenheuer & Witsch 2001
Sommerschatten in unserm Garten


Zuversichtlich

»An all die Bücher zu denken, die mir noch zu lesen bleiben, macht mich glücklich.«
Jules Renard (1864–1910)

Es gibt sehr schöne Spruchkarten, denen ich dennoch widersprechen möchte. Mich machen sie eher unglücklich, all die ungelesenen Schätze in unserm Bücherregal. Vielleicht hat jemand einen Rat? Gern an mg(at)textbeet.de. Danke schon mal.

Diese Bücher lese ich in meiner Not grad parallel und finde sie alle auf ihre Art lohnend:

Nicola Kabel, Kleine Freiheiten
271 Seiten, C.H.Beck 2021

Rebecca Solnit, Unziemliches Verhalten. Wie ich Feministin wurde
Übersetzt von Kathrin Razum
270 Seiten, Hoffmann und Campe 2020

Emilia Roig, Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung
397 Seiten, Aufbau 2021
„Dieses Buch wird verändern, wie Sie die Welt wahrnehmen und Sie verstehen lassen, was Gerechtigkeit wirklich bedeutet.“ Teresa Bücker

Climate Justice – eine der wichtigsten Forderungen von Fridays for Future. Die FFF-Aktivist*innen an der Uni Hamburg haben eine beeindruckende Ringvorlesung organisiert: „Our House is on fire“ (verlinkt zu youtube).

Screenshot vom Ende der Veranstaltung am 6.4.2021 mit 1500 Live-Teilnehmenden

In der ersten von vierzehn Vorlesungen erklärt Prof. Dr. Dirk Notz die Grundlagen der Klimakrise. Dirk Notz (*1973) ist seit 2019 Professor für Kryosphäre mit dem Schwerpunkt Meereis an der Uni Hamburg und einer der Leitautoren des 2021 erscheinenden Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC).

Zuversicht strahlt der taz-Chor aus, der anlässlich des ersten digitalen taz-labs, dem Jahreskongress der taz am 24.4.2021, eine Ohrwurm-Version von A Change Is Gonna Come (verlinkt zu youtube) aufgenommen hat. Richtig los geht’s bei min 02:44

Und wer gleich noch einen zweiten Empowerment-Song hören möchte: RESILIENT (verlinkt zu youtube) von Rising Appalachia

Leah und Chloe Smith von Rising Appalachia

I am resilient

I trust the movement

I negate the chaos

Uplift the negativ

I’ll show up at the table, again and again and again

I’ll close my mouth and learn to listen

Im Dezember 2020 haben Rising Appalachia ein tolles 1. Livestream Concert (verlinkt zu youtube) aufgezeichnet.
Hierzulande sind sie noch so unbekannt, dass man sie in der deutschsprachigen Wikipedia vergeblich sucht. Noch 🙂


Revolution

»Immer nur diese Erzählung von Verzicht, von Verboten, von Veränderungen, die wehtun. Nee! Wieso reden wir nicht über all die Dinge, die wieder wachsen können, wenn wir aufhören, unseren Planeten zu zerstören?« [in DIE ZEIT]
Maja Göpel, seit dieser Woche Wissenschaftliche Direktorin des NEW INSTITUTE Hamburg – Herzlichen Glückwunsch!

Fridays for Future hatte eine Machbarkeitsstudie beauftragt beim renommierten Wuppertal-Institut. Das Einhalten der 1,5-°C-Grenzmarke sei nur dann möglich, wenn Deutschland bis etwa 2035 CO2-neutral wird […] Das Erreichen von CO2-Neutralität wäre »bis zum Jahr 2035 aus technischer und ökonomischer Sicht zwar extrem anspruchsvoll […], grundsätzlich aber möglich«, so die Studie vom Oktober 2020.

Schon 1968 sangen die Beatles von der Revolution.
»We all want to change the world.« Oder etwa nicht?
Beatles, Revolution bei youtube [mit Text]

     

In der letzten Woche habe ich Eva von Redecker (*1982) für mich entdeckt. Ihr Buch Revolution für das Leben ist im September erschienen, wurde schon viel beachtet und steht auf meinem Wunschzettel. Eva von Redecker ist Philosophin, Autorin und freie Publizistin, die zu Kritischer Theorie und feministischer Philosophie forscht.
Das Jung&Naiv-Gespräch Folge 479 Philosophin Eva von Redecker über Revolution kann ich nur empfehlen. Sie erklärt klug und lebhaft, was Kritische Theorie bedeutet, wie Hannah Arendt und Judith Butler ihr Denken beeinflusst haben und was eine „Revolution für das Leben“ bedeuten kann.

Eva von Redecker, Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen
320 Seiten
S. Fischer Verlag, erschienen am 23.9.2020

Auch in Rutger Bregmann (*1988) steckt ein Revolutionär, würde ich sagen. Ihn habe ich eher zufällig vor einiger Zeit in einem TED-Vortrag zum Thema Sinnvolle Arbeit [bei youtube] erlebt. Eine seiner Thesen: »Poverty isn’t a lack of character; it’s a lack of cash.«

Quelle: youtube, TED-Vortrag min 12:31

Zur Zeit höre ich sein Buch Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, das im März 2020 bei Rowohlt erschienen und natürlich auch auf englisch und holländisch erhältlich ist.

       

Corona nicht zu vergessen:
Prof. Dr. Christian Drosten klärte letzte Woche in Meppen in einem sehenswerten Vortrag über die Corona-Pandemie und den Stand der Dinge auf: Corona-Pandemie – eine Herausforderung für Wissenschaft und Politik [bei youtube, ab min 6:53]

»Was wir heute tun, entscheidet darüber,
wie die Welt morgen aussieht.«
Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)


Neue Narrative

Vor gut einem Jahr wurde auf Island der Gletscher Okjökull mit einer Zeremonie für „tot“ erklärt. Dieser Tagesspiegel-Artikel vom 19.8.2019 erklärt sehr gut, was es mit der weltweit grassierenden Gletscherschmelze auf sich hat: Okjökull wegen der Erderwärmung geschmolzen

Quelle: Der Tagesspiegel

Quelle: Der Tagesspiegel

Andri Snær Magnason (* 1973 in Reykjavík) hat ein faszinierendes Buch geschrieben über die Geschichte der Gletscher, seine eigene Familiengeschichte, eine Reise nach Indien und die Gefahren in der Klimakrise weltweit. Magnason erfindet eine neue Sprache, neue Narrative, damit wir besser begreifen, was wir alles mit unserem andauernden Verhalten aufs Spiel setzen.
Wasser und Zeit – Eine Geschichte unserer Zukunft
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
Insel Verlag, 18.5.2020

»Als Guðrún und Valur, die Geschwister meiner Großmutter, geboren wurden, rief man einen Pfarrer anstatt eines Arztes und sie starben. Jetzt wo die Erde in Gefahr ist, soll man da einen Ökonomen oder einen Ökologen rufen?«
Aus: Magnason, Wasser und Zeit, S. 242

Im Rahmen des internationalen literaturfestivals berlin ist Andri Snær Magnason eingeladen ins FUTURIUM zum Gespräch mit Maja Göpel, Christiane Grefe und Claudia Kemfert. Ich freu mich, am 11.9. dabei zu sein. Damit alle auch von zu Hause aus dabei sein können, wird »Gegenwart und Zukunftsperspektiven der Bioökonomie« live im Internet übertragen.
Zum Livestream am 11.9.2020 ab 18 Uhr auf youtube

Höchstwahrscheinlich würde sich Andri Snær Magnason auch ausgezeichnet mit der indischen Aktivistin Dr. Vandana Shiva (* 1952) verstehen. Ihr Buch Eine andere Welt ist möglich. Aufforderung zum zivilen Ungehorsam, entstanden aus Gesprächen mit dem französischen Journalisten Lionel Astruc, ist vor einem Jahr erschienen.

Vandana Shiva erzählt über ihr Leben, ihre Motivation, ihre Kämpfe gegen Monsanto, Nestlé und Co. und von ihrer  Vision für eine bessere Zukunft. Zur Leseprobe (PDF) auf der Seite des Oekom Verlags.

Als Einstimmung bietet sich dieses Interview mit Vandana Shiva (spricht sich übrigens mit kurzem i) auf utopia.de an.
»Wie ich mit dem Druck umgehe: Indem ich von der Natur und der ökologischen Landwirtschaft lerne. Es gibt ein inneres System: Ein Samenkorn – es ist winzig – wird eingepflanzt und zum Baum. Oder zu einer Haferpflanze oder zu Gerste. Das Korn weiß im Inneren, dass es eine Gerste ist, niemand muss ihm das sagen. Wenn wir unser Selbstbewusstsein aufrechterhalten, unsere innere Orientierung und unser Gewissen, dann kann uns keine Gewalt von einem äußeren patriarchalen System innerlich etwas anhaben.« Vandana Shiva im utopia-Interview vom Februar 2020.

Quelle: youtube

Quelle: youtube

Im Januar hat Vandana Shiva eine großartige Rede zur Eröffnung der Lessingtage 2020 im Hamburger Thalia-Theater gehalten, die ebenfalls bei youtube nachzuerleben ist [auf Englisch, 40 min].

Gern erinnere ich noch mal an den Globalen Klimastreik von Fridays For Future am Freitag, dem 25.9.2020

Fight Every Crises war das Motto der coronabedingt ersten digitalen Großdemo am 24.4.2020. Alle Krisen, die uns zur Zeit bedrohen, treffen uns je nach Alter, Wohnort, Einkommen etc. sehr unterschiedlich, global als auch hier in Deutschland. Der Paritätische Wohlfahrtsverband und der Verein Sanktionsfrei haben ein kurzes Quiz zu Hartz 4 ins Netz gestellt, bei dem ich ganz naiv und peinlicherweise nur eine Frage richtig beantwortet habe.

Gemeinsam

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

Aus: Rose Ausländer, Gedichte, S.Fischer

Für alle, die noch nicht genug Podcasts abonniert oder einfach Lust haben, einer begeisterten Musikliebhaberin zuzuhören, hier noch ein Tipp: NDR Kultur – Stereo. In der ersten Folge vom 29.8.2020 hat Carolin Emcke den venezianischen Komponisten Baldassare Galuppi (1706–1785) vorgestellt und eines ihrer Lieblingsstücke von Miles Davis, NDR Kultur – Stereo [19 min]. Galuppis schlicht schöne Sonata in C major bei youtube in voller Länge [15 min], eingespielt 1962(!) von Arturo Benedetti Michelangeli.

Quelle: Der Tagesspiegel

Ganz ignorieren lässt sich die Pandemie auch im Textbeet nicht.
Wie das Coronavirus den Körper befällt zeigt interaktiv und gut verständlich, wie das Virus den Menschen benutzt, um sich zu vermehren. Also weiter Hände waschen, Maske auf, Abstand halten und unbelüftete Räume meiden.


Alles mit allem

• unser Wohlstand mit der Armut in anderen Ländern
• unser Braunkohle-Tageabbau mit den 38 Grad in Sibirien
• Armut mit Bildung
aber auch
• ein Lächeln an der Bushaltestelle mit besserer Laune am Mittag

Alles hängt mit allem zusammen, wusste der Naturforscher Alexander von Humboldt schon vor über 200 Jahren.

Bei uns im Sommer-Garten 1

Bei uns im Sommer-Garten 2

Wir könnten Menschen sein.
Einst waren wir schon Kinder.
Wir sahen Schmetterlinge.
Wir standen unterm silbernen Wasserfall.
Wir sahen alles.
Wir hielten die Muschel ans Ohr.
Wir hörten das Meer.
Wir hatten Zeit.
Max Frisch (1911–1991)

Aus: Max Frisch, Gesammelte Werke, Suhrkamp-Verlag

Womit wir schon wieder bei Fridays for Future wären.
»Fridays for Future: Das sind alle, die für unser Klima auf die Straße gehen.«
Am Freitag, dem 25. September 2020 findet der nächste Globale Klimastreik statt.
Es ist noch Zeit genug, sich für diesen Tag Urlaub zu nehmen. Gestreikt wird auf der ganzen Welt: in Accra (Ghana), Berlin, Caracas (Venezuela), Dhaka (Indien), Freetown (Sierra Leone), Guatemala-Stadt und so weiter.
Quellen: Karte von FFF International
Liste der Hauptstädte der Erde (Wikipedia)

 

Unter dem Hashtag #FACETHECLIMATEEMERGENCY 
haben sich am 16. Juli 2020 tausende Aktivist*innen, unter ihnen Greta Thunberg und Malala Yousafzai in einem offenen Brief an die EU und Staatsoberhäupter weltweit gewandt.

»Wir fordern, dass die Klimakrise wie eine tatsächliche Krise behandelt wird … Die zum Schutz der Menschheit erforderlichen Änderungen mögen sehr unrealistisch erscheinen. Es ist jedoch viel unrealistischer zu glauben, dass unsere Gesellschaft die globale Erwärmung, auf die wir zusteuern, sowie andere katastrophale ökologische Folgen des heutigen Systems überleben kann.«
Der Brief kann von jedem und jeder unterschrieben werden, auf https://climateemergencyeu.org, wir sind da in guter Gesellschaft.

Dr. Friederike Otto (* 1982) ist Klimaforscherin, Physikerin, promovierte Philosophin und leitet seit 2018 das Environmental Change Institute an der Universität Oxford. Ihr Buch Wütendes Wetter (vom April 2019) ist Anfang dieser Woche als Taschenbuch erschienen.

Friederike Otto, Benjamin von Brackel
Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme

Friederike Otto gehört auch zu den Erstunterzeichner*innen der inzwischen mehr als 27.000 Scientists for Future, auf deren Expertise die Jugendlichen von FFF immer wieder verweisen. Auf der Q Berlin 2019 (Berlin’s Social Conference) hielt Otto einen kurzen eindringlichen Vortrag zu den Klimaveränderungen (auf Englisch). Link zum youtube-Video [14 min]

  

Bei ihrem Gespräch mit Tilo Jung – Jung & Naiv: Folge 437  – sagte sie im Herbst 2019: »Das Wetter verändert sich schneller, als wir uns daran anpassen können.« Wir sollten uns also von diesem hierzulande relativ normalen Sommer nicht in Sicherheit wiegen lassen.

Wer findet unsere sechs Frösche?

Familienaufstellung

Und wenn gelegentlich irgendwie alles zu viel wird, zu viele Zusammenhänge, zu viele Dilemmata, zu viele Frösche, dann lege ich Euch diese besondere Version von Simon & Garfunkels Bridge over Troubled Water ans Herz [Gershwin Award, 23.5.2007, youtube 5:17 min], bei der Paul Simon die zweite Strophe singt.
STILL_Garfunkel_SImon_Bridge

Mein Ohrwurm der Woche, nachdem ich die spannende Doku Simon & Garfunkel – Traumwandler des Pop auf Arte gesehen habe. In der Arte-Mediathek noch bis zum 21.10.2020 verfügbar. Denn:

When tears are in your eyes
I will dry them all
I’m on your side
Oh when times get rough

Like a bridge over troubled water
I will lay me down

Da ich weiß, dass sich einige Menschen hier im Textbeet nach Urlaubslektüren umschauen, hier noch drei meiner Lieblingsbücher, die ich noch nicht mehrfach empfohlen habe. Weitere Informationen auf den Verlagsseiten nach Klick auf die Titel.

        

Last but not least – das 2020er Sommer-Rätsel!!
Was ist das wohl für ein grüner Käfer, der vor einigen Wochen bei uns auftauchte?


Lösungsvorschläge bitte bis zum 21.9.2020 an mg@textbeet.de
Unter den Einsendungen verlosen wir:


Chimamanda Ngozi Adichie
Mehr Feminismus! Ein Manifest und vier Stories
Aus dem Englischen übersetzt von Anette Grube

Viel Glück!


Lauter Kluge

Maja Göpel, Unsere Welt neu denken. Eine Einladung
Ullstein, Februar 2020

Die Transformationsforscherin Dr. Maja Göpel (*1976) berät als Generalsekretärin des WBGU auch unsere Bundesregierung und sie schreibt, wie sie spricht – klug und verständlich. »Unsere Welt neu denken« habe ich fast durchgelesen und werde mich demnächst mit ihren Linkempfehlungen beschäftigen.
Im Gespräch mit Tilo Jung bei Jung & Live vom 16.4.2020 (bei youtube, 90 min) empfiehlt Maja Göpel, Mariana Mazzucato zu lesen.

Mariana Mazzucato, Wie kommt der Wert in die Welt? Von Schöpfern und Abschöpfern
Campus, März 2019
Mariana Mazzucato (*1968) ist Professorin für Innovationsökonomie und Public Value am University College London und berät Politiker*innen in aller Welt zu Fragen eines smarten und nachhaltigen Wachstums.

Auf einem Panel des Schweizer Fernsehens am 23.1.2019 in Davos sitzt außer Mariana Mazzukato auch die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern.
Jacinda Ardern (*1980) hat als Premierministerin (seit 2017) einen Haushalt für »Wellbeing« geschaffen. Zitat: »Als Minister wollen Sie Geld ausgeben. Mir muss man beweisen, dass man das Wohlbefinden aller Menschen bedenkt und das der Gesellschaft und nicht nur das ökonomische.«

Experte für Gemeinwohl-Ökonomie ist Christian Felber, hier zu erleben bei Jung und Naiv vom 13. Februar 2020


Christian Felber, Gemeinwohl-Ökonomie
Piper, März 2018

Christian Felber (*1972) hat Attac Österreich mitbegründet und initiierte 2010 die internationale Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung. In der Gemeinwohlregion Kreis Höxter werden viele der guten Ansätze bereits praktiziert. Hier geht’s zu einem Beitrag des WDR vom 18.12.2019.

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»Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten«

Mit diesen Zeilen endet »Das Rezept« von Mascha Kaléko (1907–1975). Das Hamburger Thalia-Theater hat eine Poesie-Ambulanz eröffnet. Hier liest die Schauspielerin Rosa Thormeyer (*1992) Kalékos Gedicht. So schön.

Dota Kehr (*1979) wiederum hat in den letzten Jahren Gedichte von Mascha Kaléko vertont. Die Aufnahmen sind soeben erschienen und können hier erworben werden.
Dota Kehr & Felix Meyer mit »Zum Trost«, sei nicht nur zum Hören am späten Abend empfohlen.
 

Beim Klimastreik am 29.11.2019 sind DOTA in Berlin aufgetreten mit KEINE ZEIT – »Hier ist ein Lied, das wir für die Fridays for Future Demo geschrieben haben.«
Wenn ich an die FFF-Aktivist*innen denke, fällt mir die Kampagne »Wahlrecht ab Geburt« ein. Schirmherrin ist Bundesfamilienministerin a. D. Renate Schmidt.

Wer ab Geburt nun wirklich übertrieben findet, möge den Appell der Grünen unterzeichnen: »Wahlrecht ab 16 – es ist höchste Zeit!«. Denn:

Ein neuer Anfang ist möglich.
Es ist an uns, die vor uns liegende Zukunft zu gestalten.
Wer sich anstecken lässt vom Leitstern der Sehnsucht,
wer den ersten Schritt in die Zukunft wagt,
dem sei gesagt:
„Fürchte Dich nicht, es blüht hinter Dir her.“
Hilde Domin

      

Schließlich noch ein Mai-Foto, denn nach etwa vier Jahren als Engerling besuchte uns dieser Feldmaikäfer vor einer Woche auf der Terrasse: