textbeet

Kompost für den Alltag


Kopf im Sand

Einem mir gut bekannten jungen Mann fiel zum Ausdruck »Den Kopf in den Sand stecken« das grad grassierende Prokrastination ein. In diesem Wort steckt alles drin: Krasses Ignorieren von Aufgaben, die eigentlich dringend erledigt sein wollen, und dieses gewisse »Ich kann auch nichts dafür«, da es sich offenbar um eine Art Fluch handelt.

Zeichnung von Adolf Oberländer (1877)

Auf neueswort.de findet sich: »Die Prokrastination stammt vom lateinischen procrastinatio (Vertagung) ab … ein kontraproduktives und unnötiges Aufschieben …«
Das Kopf-in-den-Sand-Stecken bietet also kaum Vorteile. Und doch vertagen wir ständig die Auseinandersetzung mit Problemen. Wir verdrängen, fühlen uns nicht angesprochen [Waaaas? Es gibt einen Zusammenhang zwischen Flugverkehr und Klimawandel? Echt jetzt?], würden zu gern so bequem und relativ entspannt weiterleben und auf gar keinen Fall persönliche Nachteile in Kauf nehmen wollen. Außerdem: Was kann ich allein schon ausrichten?

Als mir neulich diese adretten Plakate auffielen

 

Jennifer Aniston wirbt für Smart Water (c) Coca-Cola

hatte ich gleich Nestlé im Verdacht. Aber es steckt doch Coca-Cola dahinter. Der US-amerikanische Konzern hofft wohl, dass auch europäischen GroßstädterInnen gefallen könnte, worauf man in Hollywood nicht mehr verzichten möchte: WASSER  in Plastikflaschen. Selbstverständlich kein gewöhnliches, sondern quasi kluges Wasser. 

Wir hier im »echten Norden« sind heilfroh, dass wir uns keine Sorgen ums Trinkwasser machen müssen, trotz der ungewöhnlichen Dürre dieses Sommers. Das aus der Nordheide schmeckt übrigens ausgezeichnet.

In diesem Zusammenhang berichtete die Landeszeitung aus Lüneburg im letzten Jahr unter der Überschrift Wem gehört das Trinkwasser?, dass Coca-Cola Deutschland am Standort Lüneburg »ViO« abfülle und »in den vergangenen Jahren keine Gewerbesteuer gezahlt« habe. Coca-Cola verwies dazu auf »Verluste durch außerordentliche Kosten«.

Wasserspielplatz im Bürgerpark Bielefeld, (c) aquado.de

Die ideale Verbindung von Sand und Wasser – eine „Matschanlage« oder auch das Wattenmeer der Nordsee, seit 2009 UNESCO-Weltnaturerbe. Es gibt Prognosen, was aus dem Wattenmeer wird bei weiterem Meeresspiegelanstieg. Dazu gibt es die Strategie Wattenmeer 2100  – Wie ist das Watt trotz Klimawandel und Meeresspiegelanstieg zu retten? Mehr dazu auf der Website der Schutzstation Wattenmeer.

Karte: Schutzstation Wattenmeer

Zum Schluss noch kurz den Kopf aus dem Sand gesteckt und einen Blick geworfen auf die Vorbereitungen zu unserem nächsten BücherFrauen-LiteraturBrunch im Februar 2019, für den wir grad die Neuerscheinungen deutschsprachiger Autorinnen 2018 sichten. Zwei meiner Favoritinnen [ein Klick auf die Titel führt zu weiteren Informationen]:

       
Milena Michiko Flašar, Herr Katō spielt Familie
Verlag Klaus Wagenbach, 176 Seiten, geb., 20,– Euro

Wlada Kolosowa, Fliegende Hunde
Ullstein Buchverlage, 224 Seiten, geb., 20,– Euro

Fliegende Hunde erinnert mich an Alina Bronskys Scherbenpark von 2008, das ich damals ebenfalls sehr beeindruckend fand.
Alina Bronsky, Scherbenpark
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, TB, 9,99 Euro

    

Und eines der Bücher vom LiteraturBrunch 2018 ist soeben als Penguin-Taschenbuch erschienen und sei hiermit noch einmal ausdrücklich empfohlen:
Annette Mingels, Was alles war
Penguin Verlag, 288 Seiten, TB, 10,– Euro

PS: In dieser Woche wurde die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018 bekannt gegeben. Diesmal überwiegen die Romane von Autorinnen (12 von 20 nominierten Neuerscheinungen). Wir sind gespannt auf die Shortlist, die am 11.9.2018 präsentiert wird.

Nachtrag vom 12.9.2018: Auch auf der Shortlist überwiegen die Titel von Autorinnen. Wer den Deutschen Buchpreis 2018 erhält, wird am Montag, dem 8. Oktober um 18.55 Uhr bekannt gegeben.

Advertisements


Ansichtssache

In meinem Postkartenkarton finden sich tatsächlich noch ein paar Ansichtskarten wie diese, die ich vor einigen Sommern nicht rechtzeitig verschickt habe:

Postkarten zeigen in der Regel besonders hübsche Ansichten am Urlaubsort, die den Neid der Adressat_innen wecken könnten.
Weniger harmlose Ansichten dagegen sind solche, die auf Falschmeldungen oder Fehleinschätzungen beruhen.
Wie harmlos sind Menschen, die sich in der Flat Earth Society versammelt haben? Die davon überzeugt sind: Die Erde ist eine Scheibe.
Nein. Die Erde ist rund, die Welt ist bunt und außerdem bevölkert von Rechthabern und Besserwisserinnen [engl.: know-alls and smartypants].

Mit seinem Buch FACTFULNESS versucht der Schwede Hans Rosling (1948–2017), Professor für Internationale Gesundheit, zumindest mit einigen Irrtümern in unserem Denken aufzuräumen – sehr anschaulich und eindrücklich. Seine positive Sicht auf die Welt ist nicht naiv optimistisch, sondern gründet sich auf Fakten, auf Zahlen der Weltbank und der Vereinten Nationen z. B.

  
Hans Rosling with Ola Rosling and Anna Rosling Rönnlund
Factfulness. Ten Reasons We’re Wrong About the World – and Why Things Are Better Than You Think

Hans Rosling mit Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling
Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist

Anna Rosling Rönnlund, Hans und Ole Rosling

Ich kann einen Blick auf die Website der 2004 von Hans Rosling gegründeten Gapminder-Stiftung nur empfehlen. Und zum Einstieg vielleicht Roslings TED-Vortrag in Katar über den Zusammenhang zwischen Religionen und Geburtenraten: Religions and babies. Das NDR-Kulturjournal hat dazu am 30.4.2018 diesen Beitrag Hans Rosling: „Factfulness“ gesendet. Wer das ZDF und Aspekte bevorzugt, schaue: Der Optimist Hans Rosling „Die Welt ist gar nicht so schlecht“.

Schon 1967 sangen die Beatles [bei youtube], dass alles immer besser werde, in Getting Better auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band:
.

»I’ve got to admit it’s getting better (Better)
A little better all the time (It can’t get more worse)
I have to admit it’s getting better (Better)«

Wahrscheinlich nicht nur, um den Beatles zu widersprechen, schrieb Joni Mitchell zwei Jahre später den wesentlich kritischeren Song Big Yellow Taxi [bei youtube], 1970 erschienen auf Joni Mitchells drittem Album Ladies of the Canyon:

»Don’t it always seem to go
That you don’t know what you’ve got till it’s gone?
They paved paradise
Put up a parking lot«

Joni Mitchell 2007

Joni Mitchell wurde 2007 in die Canadian Songwriters Hall of Fame aufgenommen. Bei dieser Gelegenheit sang das Publikum „Big Yellow Taxi“ mit, auch schön – Audience sing-along at the 2007 CSHF Induction Ceremony [bei youtube]. Eine kurze Rückschau auf ihr Leben als Musikerin zeigt dieser Rock and Roll Hall of Fame Induction Film von 1997 [bei youtube] .

Einer, dem die Bewahrung der Schöpfung sicher so am Herzen liegt wie Joni Mitchell und der die Herausforderungen der heutigen Zeit viel deutlicher anspricht als die meisten Politiker_innen und das durchaus zuversichtlich, ist Papst Franziskus. Am 14. Juni 2018 kommt der neue Film von Wim Wenders in die Kinos, auf den ich schon sehr gespannt bin – das Porträt „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“.

Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes (Universal)

Dieser 5-minütige Beitrag zum Film auf Arte ist noch bis zum 1.9.2018 online.
Papst Franziskus, nun immerhin schon fünf Jahre im Amt, sagt: „Lasst uns nach vorne blicken und gemeinsam vorangehen.“  Zum Trailer auf kino-zeit.de.

Keine zwei Meinungen bzw. Ansichten gibt es jedenfalls zu diesem Johannisbeer-Quark-Kuchen: mein Sommerkuchen mit roten Johannisbeeren ausm Garten [das Rezept als PDF Marens_Johannisbeer-Quark-Kuchen].

200 g weiche Butter mit
100 g Zucker,
2 Eiern,
je 200 g Mehl und Vollkornmehl sowie
1 Pk. Vanillezucker
zu einem geschmeidigen Teig verkneten.
Auf einem gebutterten Backblech ausbreiten.

750 g Magerquark,
250 g Zucker,
5 Eigelb und
1 Pk. Vanillepudding verrühren.
Jeweils 250 ml Sahne und
die 5 Eiweiße steif schlagen und mit
750 g Johannisbeeren
vorsichtig unter den Quark heben.
Auf dem Teig verteilen.

Bei 175°C (im nicht vorgeheizten Ofen) etwa 45 Min. backen.

Getting better handelt übrigens weniger von der immer besser werdenden Welt, wie Hans Rosling sie beschreibt. Hier gibt einfach jemand zu, mit seiner neuen Freundin großes Glück zu haben: „It’s getting better since you’ve been mine.“

Schönen Sommer weiterhin!


Hoffnung, lyrisch

Wäre die Welt eine bessere, womöglich friedlichere, wenn alle mehr Gedichte lesen würden? Eine Welt voller poetischer Momente, verdichtet im Augenblick? Lyrik als Kontrapunkt zu Hass-Tweets und anderen -Tiraden? Wir sollten noch Visionen haben. Gerade jetzt im Frühling!

Man sollte wieder mal spazierengehn.
Das Blau und Grün und Rot war ganz verblichen.
Der Lenz ist da! Die Welt wird frisch gestrichen!
Die Menschen lächeln, bis sie sich verstehn.

Aus: Erich Kästner (1899–1974), Besagter Lenz ist da
Das ganze Gedicht, gesprochen von Hermann Lause bei youtube.

Nun ist er endlich kommen doch
in grünem Knospenschuh;
Er kam, er kam ja immer noch,
die Bäume nicken sich’s zu.

Aus: Theodor Fontane (1819–1898), Frühling

Einst hab ich drei Weiden besungen.
Eine ist nur geblieben.
Ich habe drei Weiden besungen.
So sind auch drei Weiden geblieben.

Eva Strittmatter (1930–2011)

Hope is the thing with feathers,
That perches in the soul
And sings the tune without the words
And never stops – at all.

Aus: Emily Dickinson (1830–1886), Hope

Täglich säen wir Samen aus
Für Bäume des Himmels
Darin unsere Träume nisten
Die Vögel fliegen auf
Aus ihren Zweigen
Sieh doch, die Luft trägt!
Täglich säen wir neue Samen
Für einen ganzen Wald Hoffnung
Weil das Paradies in uns wurzelt.

Hilde Domin (1909–2006)

«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«»«
Zu guter Letzt gibt es noch ein Gewinnspiel – das Frühlingsrätsel:
Welches Gedicht endet mit der Zeile »Der Regenblues wird abgestellt« und wer hat es geschrieben?
Die Antwort bitte per Mail an mg@textbeet.de
Einsendeschluss ist der 20.6.2018, der Rechtsweg ist ausgeschlossen, die Verlosung findet unter Aufsicht statt und zu gewinnen gibt es ein Exemplar von Gedichte, die glücklich machen.

 


Stete Tropfen fürs Fass

Februarmorgen

Bleiche Morgenhelle,
drin der Vogel singt,
deren Frühlingswelle
Land der Nacht verschlingt –

Früh‘ um Frühe eher
weckt dein Lerchenschlag,
und der Spätaufsteher
tritt in lichten Tag.

Christian Morgenstern

Ja, die Tage werden spürbar länger. Und heller. Ein Segen nach all dem Regengrau.
Apropos Tropfen – ist es nur eine Frage der Perspektive, ob ein Tropfen auf heißem Stein verdampft oder ob er ein Fass zum Überlaufen bringen kann? Geht es nicht eigentlich um Selbstwirksamkeit, darum, was ich mir von meinem Tun verspreche? »Steter Tropfen höhlt den Stein«, sagte schon Ovid  – »Gutta cavat lapidem«.

Als passionierte Briefeschreiberin (Papier, Tinte, Umschlag, Briefmarke, Briefkasten, Postbotin) muss ich heute mal einige »Briefromane« empfehlen, auch als Hörbücher.
  
Mary Ann Shaffer, Annie Barrows
Deine Juliet
Originaltitel: The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society
Aus dem Amerikanischen von Margarete Längsfeld und Martina Tichy
304 Seiten
Mary Ann Shaffer, Annie Barrows
Deine Juliet. Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf
Hörbuch, 6 CDs [7:29 Std.]
Leider haben die Verlage Covermotive gewählt, die eher Kitschiges verheißen. Dabei geht es um die Überlebensstrategie der Bewohner der britischen Kanalinsel Guernsey, die im zweiten Weltkrieg von der deutschen Armee besetzt war – total interessant und spannend erzählt.

  
Helene Hanff
84, Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen
Aus dem Englischen von Rainer Moritz
160 Seiten
Helene Hanff
84, Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen
Hörbuch, 2 CDs [1:44 Std.]

Von 1949 bis 1969 korrespondierte die amerikanische Drehbuchautorin Helene Hanff (1916–1997) mit dem Londoner Antiquariatsbuchhändler Frank Doel. Der originelle Briefwechsel erschien in deutscher Übersetzung erst 2002.

    

Moritz-Verlag

Megumi Iwasa
Viele Grüße, Deine Giraffe!
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Illustriert von Jörg Mühle
112 Seiten, für Erstleser_innen
Viele Grüße, Deine Giraffe
Als Hörspiel ab 4 Jahren [40 min]
»Ein amüsanter Briefroman über Neugierde, Abenteuerlust und Spaß am Schreiben.« Ola Lebedowicz, Der Tagesspiegel

Die Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern ist übrigens bis vor wenigen Jahren, na, sagen wir Jahrzehnten, kaum gebührend gewürdigt worden.
Eine schöne Wertschätzung erfahren die Wortkünstler_innen in dem Kulturzeit-Beitrag »Was macht eigentlich … ein Übersetzer« vom 19.1.2018 auf 3sat – im Gespräch mit Maralde Meyer-Minnemann und Ulrich Blumenbach [6:13 min].
Hörenswert auch das WDR ZeitZeichen vom 10.1.2018, das an die Gründung des Europäischen Übersetzer-Kollegiums in Straelen vor 40 Jahren erinnert – das weltweit größte Arbeits- und Begegnungszentrum für literarische Übersetzer_innen [14:54 min].

»Deutsche Leserinnen und Leser lesen nicht den auratischen Originalton des Autors, sondern sie lesen einen Vermittler, eine Vermittlerin.« Ulrich Blumenbach


Egoismen

Der erste Monat des neuen Jahres 2018: schon am Ende. Für gute Vorsätze sei es aber nie zu spät. Zum Beispiel weniger Zucker, mehr ins Theater, weniger überflüssigen Konsum, noch mehr singen, nix mehr bei amazon bestellen … Denn wo das hinführen kann, davon erzählt sehr eindrücklich [und witzig] Marc-Uwe Kling in seinem neuen Roman QualityLand. Wer in QualityLand bei TheShop angemeldet ist, der bekommt auch die Produkte, die er unbewusst haben will, automatisch per Drohne zugeschickt. Also, wenn das nicht bequem ist. Hörbuch Hamburg hat ein lustiges Unboxing-Video zu QualityLand gedreht [1:20 min].

beim Chaos Computer Club am 27.12.2017

  

So unverblümt und amüsant wie in Grönemeyers „So wie ich“ habe ich selten über Egozentrismus singen gehört. Aus der CD „Schiffsverkehr“ (2011)

Ich bin total in mich verliebt,
Ich bin so froh, dass es mich gibt,
Und nur bei mir bin ich schön
Ich will mich um mich selber drehn
Keiner liebt mich, denn keiner liebt mich so wie ich
Niemand kann mich wie ich verstehen.
Aus: Herbert Grönemeyer, So wie ich

Foto: Superbass 2014

   

Eine ganz andere interessante Variante von Egozentrismus zeigt dieser kleine Film aus der Reihe „Filosofix“  [2:29 min].

Auf dieses „Gedankenspiel Menschenfleisch – Sind Menschen mehr wert als Tiere?“  bin ich über den Jahresrückblick 2017 von Sternstunden der Philosophie des Schweizer Fernsehens  gestoßen. Gesendet wurde das knatterharte Filmchen am 2. Weihnachtstag 2017. Da waren die meisten Gänse wohl schon verspeist …

Zum Schluss möchte ich noch einige „kleine“ Bücher empfehlen, die für ein, zwei gute Stunden unterhaltsame „Anstiftungen zum Denken“ bieten.


Chimamanda Ngozi Adichie
Mehr Feminismus! Ein Manifest und vier Stories
Aus dem Englischen übersetzt von Anette Grube
112 Seiten


Jenny Erpenbeck
Dinge, die verschwinden
112 Seiten


David Foster Wallace (1962–2008), Das hier ist Wasser / This is Water
Anstiftung zum Denken. Zweisprachige Ausgabe.
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Blumenbach
64 Seiten


Kathrine Kressmann Taylor (1903–1996)
Adressat unbekannt
Aus dem Englischen übersetzt von Dorothee Böhm
96 Seiten


vorbildlich – verrückt?

Mit seinem Essay Empört Euch! machte Stéphane Hessel (1917–2013) im Alter von 93 Jahren Furore. Seit dem Erscheinen 2010 wurde das 32 Seiten starke Buch aus dem Französischen in mehr als 40 Sprachen übersetzt.
Arte hat im Oktober Empört euch! Engagiert euch! – Stéphane Hessel (Deutschland 2017) gezeigt, ein beeindruckendes Porträt über den Widerstandskämpfer, Buchenwald-Überlebenden und ehemaligen UN-Diplomaten. Der Film ist in der Arte-Mediathek noch nachzusehen bis zum 13. Januar 2018.
Der Verlag nennt Stéphane Hessels Erinnerungen Tanz mit dem Jahrhundert „ein ganz realistisches Lehrstück in Sachen Demokratie“. Es liegt auf meinem Lesestapel.

Foto: Marie-Lan Nguyen        

Längst keine Neuigkeit mehr, aber immer noch erwähnenswert: Margaret Atwood hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017 erhalten.
Ihren Roman Der Report der Magd habe ich kurz nach Erscheinen gelesen und war begeistert von diesem Science Fiction – das Wort Dystopie kannte ich damals noch nicht. Eine neue gebundene, also Hardcover-Ausgabe erscheint am 17. November 2017 bei Piper, mit diesem etwas minimalistischen tollen Titelbild [Nachteil: Autorin und Titel sind kaum zu erkennen].

Foto: Larry D. Moore

Fast alle ihre Romane und Erzählungen sind als Piper-Taschenbuch lieferbar, so auch Der Report der Magd.


Die Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche am 15.10.2017 kann man in der 3sat-Mediathek nachsehen und die kurzweilige Dankesrede von Margaret Atwood auf der sehr informativen Friedenspreis-Website nachlesen, wie übrigens alle Reden seit der ersten Preisverleihung von Max Tau (1950) bis Carolin Emcke (2016). Übrigens war Nelly Sachs 1965 die erste Frau, die den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat, Margaret Atwood ist im 68. Jahr erst[!] die zehnte Preisträgerin.

Nun aber: meinen herzlichen Glückwunsch an Dich, liebe Britta, zum 20. Geburtstag Deines wunderbaren AvivA-Verlages!

Verlagsplakat

Neuerscheinung Herbst 2017

Was für eine schöne Idee, eine Jubiläumstour durch 20 besondere Buchhandlungen zu machen, festgehalten im lesenswerten AvivA-on-Tour-Blog.
Vorbildlich, wie Britta Jürgs vergessene Autorinnen insbesondere der Zwanziger Jahre in ihrem Verlagsprogramm wieder sichtbar macht. Der Berliner Tagesspiegel würdigte ihre verlegerische Arbeit am 19.10.2017 mit einem Porträt unter dem Titel Das ganze Jahr Frühling.

Über weibliche Vorbilder macht sich auch Nino Haratischwili im Brief an meine Tochter Gedanken, veröffentlicht in Das Magazin N°18 aus der Schweiz vom 6. Mai 2017.
Das achte Leben (Für Brilka), ihr dritter Roman von 2014, erzählt von sechs Generationen einer georgischen Familie im 20. Jahrhundert – mit 1280 Seiten so umfangreich wie hinreißend erzählt.

Szene aus „Das achte Leben (Für Brilke)“ am Thalia Theater

Das Hamburger Thalia-Theater hat in diesem Jahr eine großartige Bühnenfassung des Romans realisiert, die ich mir bestimmt noch ein drittes Mal angucken werde. Fünf Stunden grandioses Schau-Spiel – was für eine Leistung!
Die nächsten Vorstellungen sind im Dezember. Für diejenigen, die wie ich keine Nachteulen sind, gibt es eine „Nachmittagsvorstellung“ (17.00 bis 21.55 Uhr) am 28. Januar 2018.


Verrückt, oder? Bald ist schon wieder Weihnachten. Dieser Kalender aus dem Andere-Zeiten-Verlag kann helfen, den Advent zu entschleunigen. Vom 1. Dezember 2017 bis zum 6. Januar 2018 gibt es für jeden Tag einen Text, jeweils liebevoll gestaltet. Andere Zeiten wurde 1998 als gemeinnütziger Verein gegründet, nach eigener Aussage ökumenisch und eigenständig.

Es gibt keine andere vernünftige Erziehung als Vorbild zu sein; wenn’s nicht anders geht, ein abschreckendes.
Albert Einstein (1879–1955)


Sich Zeit nehmen

 

Wir könnten Menschen sein.
Einst waren wir Kinder.
Wir sahen Schmetterlinge.
Wir standen unterm silbernen Wasserfall.
Wir sahen alles.
Wir hielten die Muschel ans Ohr.
Wir hörten das Meer.
Wir hatten Zeit.
Max Frisch (Schweizer Schriftsteller, 1911-1991)

 

Hervé Youmbi, Les masques célèstes

Vor zwei Wochen habe ich mir die Zeit genommen und bin zur Skulptur Projekte 2017 nach Münster gefahren. Hat sich gelohnt. Sehen und staunen, irritiert, begeistert oder verblüfft sein, Zeit dafür haben – wunderbar. Gleich ein paar Tage später konnte ich noch weitere Skulpturen betrachten, diesmal wurden sie klug kommentiert von Eva, unserer Kunstexpertin, auf der Radtour durch Münster anlässlich unseres Stufentreffens.

Cosima von Bonin / Tom Burr, Benz Bonin Burr

 

John Knight, A work in situ

Leider sind die meisten Werke nur noch bis morgen zu sehen. Doch aus den Jahren 1977, 1987, 1997 und 2007 sind so viele Skulpturen in der Stadt verblieben, dass Münster auch darum eine Reise wert ist. Empfehlenswert dazu die Broschüre aus dem Aschendorff Verlag Skulptur-Projekte 2017. Gebrauchsanweisung, die auch die „alten“ Skulpturen mit ihren Standorten enthält.

     

Wer etwas tiefer einsteigen möchte: Anlässlich der Skulptur Projekte 2017 haben Burkhard Spinnen und Eva Pieper-Rapp-Frick mit Geprägt eine Geschichte der nunmehr 40-jährigen Ausstellungsreihe geschrieben. Berichte, Bilder und Erinnerungen.

Schon vor einigen Jahren wurde ich aufmerksam gemacht auf Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR Gesund durch Meditation von Jon Kabat-Zinn, das ich gleich angelesen und ins Regal gestellt habe. Erst in diesem Sommer habe ich mir die Zeit genommen, selbst einen Achtsamkeitskurs zu besuchen. Die acht Abende haben mir ausgesprochen gut getan und dazu geführt, dass ich nun fast jeden Morgen für eine Viertelstunde meditiere, was mir ebenfalls sehr gut tut.

Bei youtube kann man Gesund durch Meditation hören. Hier geht’s zum Beginn des Hörbuchs »Gesund durch Meditation – Die Übung der Achtsamkeit«

MBSR (mindfulness-based stress reduction) ist ein wissenschaftlich geprüftes Achtsamkeitstraining bestehend aus Meditationen, Atem- und Yogaübungen.
Einen sehr guten Überblick zum aktuellen Forschungsstand bietet der Dokumentarfilm von Benoît Laborde von 2017 [51 Min] Die heilsame Kraft der Meditation, der noch bis zum 13. Oktober 2017 in der Arte Mediathek nachzusehen ist.
»Klinische Studien zeigen, dass Meditation einen positiven Einfluss auf unser Gehirn hat. Die Wissenschaft erforscht, inwiefern die mentale Praxis wirksam bei Schmerzen, Depressionen und Ängsten ist. Kann die Meditation möglicherweise Krankheiten heilen oder uns gar ganz vor ihnen bewahren?« arte

Allen, die ihre Zeit lieber mit guten Romanen verbringen, lege ich diese Titel aus der „Longlist“ für unseren nächsten BücherFrauen-LiteraturBrunch ans Herz:

       

In allen drei Romanen geht es um Familien – ihre ganz eigenen Beziehungen, Geheimnisse, Herausforderungen und Möglichkeiten. Von den Autorinnen jeweils so eindrucksvoll wie unterhaltsam erzählt.

Annette Mingels, Was alles war
Britta Boerdner, Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam
Monika Helfer, Schau mich an, wenn ich mit dir rede!

Vielleicht angeregt durch das Gedicht von Max Frisch [oben], habe ich mir neulich das Hörbuch von Aus dem Berliner Journal gekauft. Dieses Tagebuch aus den Jahren 1973/74 durfte  erst 20 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden. Besonders interessant: Frischs Blick auf die DDR und ihren Literaturbetrieb.

Ungekürzte Fassung auf 3 CDs, gelesen von dem Schweizer Sprecher Franziskus Abgottspon [toll gelesen].

Schließlich noch die Auflösung des Sommer-Rätsels: Zu sehen ist Nebel auf Amrum.

Glückwunsch an die Gewinnerin Andrea L., die sich über diesen Buchpreis freut: