textbeet

Kompost für den Alltag


vorbildlich – verrückt?

Mit seinem Essay Empört Euch! machte Stéphane Hessel (1917–2013) im Alter von 93 Jahren Furore. Seit dem Erscheinen 2010 wurde das 32 Seiten starke Buch aus dem Französischen in mehr als 40 Sprachen übersetzt.
Arte hat im Oktober Empört euch! Engagiert euch! – Stéphane Hessel (Deutschland 2017) gezeigt, ein beeindruckendes Porträt über den Widerstandskämpfer, Buchenwald-Überlebenden und ehemaligen UN-Diplomaten. Der Film ist in der Arte-Mediathek noch nachzusehen bis zum 13. Januar 2018.
Der Verlag nennt Stéphane Hessels Erinnerungen Tanz mit dem Jahrhundert „ein ganz realistisches Lehrstück in Sachen Demokratie“. Es liegt auf meinem Lesestapel.

Foto: Marie-Lan Nguyen        

Längst keine Neuigkeit mehr, aber immer noch erwähnenswert: Margaret Atwood hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017 erhalten.
Ihren Roman Der Report der Magd habe ich kurz nach Erscheinen gelesen und war begeistert von diesem Science Fiction – das Wort Dystopie kannte ich damals noch nicht. Eine neue gebundene, also Hardcover-Ausgabe erscheint am 17. November 2017 bei Piper, mit diesem etwas minimalistischen tollen Titelbild [Nachteil: Autorin und Titel sind kaum zu erkennen].

Foto: Larry D. Moore

Fast alle ihre Romane und Erzählungen sind als Piper-Taschenbuch lieferbar, so auch Der Report der Magd.


Die Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche am 15.10.2017 kann man in der 3sat-Mediathek nachsehen und die kurzweilige Dankesrede von Margaret Atwood auf der sehr informativen Friedenspreis-Website nachlesen, wie übrigens alle Reden seit der ersten Preisverleihung von Max Tau (1950) bis Carolin Emcke (2016). Übrigens war Nelly Sachs 1965 die erste Frau, die den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat, Margaret Atwood ist im 68. Jahr erst[!] die zehnte Preisträgerin.

Nun aber: meinen herzlichen Glückwunsch an Dich, liebe Britta, zum 20. Geburtstag Deines wunderbaren AvivA-Verlages!

Verlagsplakat

Neuerscheinung Herbst 2017

Was für eine schöne Idee, eine Jubiläumstour durch 20 besondere Buchhandlungen zu machen, festgehalten im lesenswerten AvivA-on-Tour-Blog.
Vorbildlich, wie Britta Jürgs vergessene Autorinnen insbesondere der Zwanziger Jahre in ihrem Verlagsprogramm wieder sichtbar macht. Der Berliner Tagesspiegel würdigte ihre verlegerische Arbeit am 19.10.2017 mit einem Porträt unter dem Titel Das ganze Jahr Frühling.

Über weibliche Vorbilder macht sich auch Nino Haratischwili im Brief an meine Tochter Gedanken, veröffentlicht in Das Magazin N°18 aus der Schweiz vom 6. Mai 2017.
Das achte Leben (Für Brilka), ihr dritter Roman von 2014, erzählt von sechs Generationen einer georgischen Familie im 20. Jahrhundert – mit 1280 Seiten so umfangreich wie hinreißend erzählt.

Szene aus „Das achte Leben (Für Brilke)“ am Thalia Theater

Das Hamburger Thalia-Theater hat in diesem Jahr eine großartige Bühnenfassung des Romans realisiert, die ich mir bestimmt noch ein drittes Mal angucken werde. Fünf Stunden grandioses Schau-Spiel – was für eine Leistung!
Die nächsten Vorstellungen sind im Dezember. Für diejenigen, die wie ich keine Nachteulen sind, gibt es eine „Nachmittagsvorstellung“ (17.00 bis 21.55 Uhr) am 28. Januar 2018.


Verrückt, oder? Bald ist schon wieder Weihnachten. Dieser Kalender aus dem Andere-Zeiten-Verlag kann helfen, den Advent zu entschleunigen. Vom 1. Dezember 2017 bis zum 6. Januar 2018 gibt es für jeden Tag einen Text, jeweils liebevoll gestaltet. Andere Zeiten wurde 1998 als gemeinnütziger Verein gegründet, nach eigener Aussage ökumenisch und eigenständig.

Es gibt keine andere vernünftige Erziehung als Vorbild zu sein; wenn’s nicht anders geht, ein abschreckendes.
Albert Einstein (1879–1955)

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Sich Zeit nehmen

 

Wir könnten Menschen sein.
Einst waren wir Kinder.
Wir sahen Schmetterlinge.
Wir standen unterm silbernen Wasserfall.
Wir sahen alles.
Wir hielten die Muschel ans Ohr.
Wir hörten das Meer.
Wir hatten Zeit.
Max Frisch (Schweizer Schriftsteller, 1911-1991)

 

Hervé Youmbi, Les masques célèstes

Vor zwei Wochen habe ich mir die Zeit genommen und bin zur Skulptur Projekte 2017 nach Münster gefahren. Hat sich gelohnt. Sehen und staunen, irritiert, begeistert oder verblüfft sein, Zeit dafür haben – wunderbar. Gleich ein paar Tage später konnte ich noch weitere Skulpturen betrachten, diesmal wurden sie klug kommentiert von Eva, unserer Kunstexpertin, auf der Radtour durch Münster anlässlich unseres Stufentreffens.

Cosima von Bonin / Tom Burr, Benz Bonin Burr

 

John Knight, A work in situ

Leider sind die meisten Werke nur noch bis morgen zu sehen. Doch aus den Jahren 1977, 1987, 1997 und 2007 sind so viele Skulpturen in der Stadt verblieben, dass Münster auch darum eine Reise wert ist. Empfehlenswert dazu die Broschüre aus dem Aschendorff Verlag Skulptur-Projekte 2017. Gebrauchsanweisung, die auch die „alten“ Skulpturen mit ihren Standorten enthält.

     

Wer etwas tiefer einsteigen möchte: Anlässlich der Skulptur Projekte 2017 haben Burkhard Spinnen und Eva Pieper-Rapp-Frick mit Geprägt eine Geschichte der nunmehr 40-jährigen Ausstellungsreihe geschrieben. Berichte, Bilder und Erinnerungen.

Schon vor einigen Jahren wurde ich aufmerksam gemacht auf Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR Gesund durch Meditation von Jon Kabat-Zinn, das ich gleich angelesen und ins Regal gestellt habe. Erst in diesem Sommer habe ich mir die Zeit genommen, selbst einen Achtsamkeitskurs zu besuchen. Die acht Abende haben mir ausgesprochen gut getan und dazu geführt, dass ich nun fast jeden Morgen für eine Viertelstunde meditiere, was mir ebenfalls sehr gut tut.

Bei youtube kann man Gesund durch Meditation hören. Hier geht’s zum Beginn des Hörbuchs »Gesund durch Meditation – Die Übung der Achtsamkeit«

MBSR (mindfulness-based stress reduction) ist ein wissenschaftlich geprüftes Achtsamkeitstraining bestehend aus Meditationen, Atem- und Yogaübungen.
Einen sehr guten Überblick zum aktuellen Forschungsstand bietet der Dokumentarfilm von Benoît Laborde von 2017 [51 Min] Die heilsame Kraft der Meditation, der noch bis zum 13. Oktober 2017 in der Arte Mediathek nachzusehen ist.
»Klinische Studien zeigen, dass Meditation einen positiven Einfluss auf unser Gehirn hat. Die Wissenschaft erforscht, inwiefern die mentale Praxis wirksam bei Schmerzen, Depressionen und Ängsten ist. Kann die Meditation möglicherweise Krankheiten heilen oder uns gar ganz vor ihnen bewahren?« arte

Allen, die ihre Zeit lieber mit guten Romanen verbringen, lege ich diese Titel aus der „Longlist“ für unseren nächsten BücherFrauen-LiteraturBrunch ans Herz:

       

In allen drei Romanen geht es um Familien – ihre ganz eigenen Beziehungen, Geheimnisse, Herausforderungen und Möglichkeiten. Von den Autorinnen jeweils so eindrucksvoll wie unterhaltsam erzählt.

Annette Mingels, Was alles war
Britta Boerdner, Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam
Monika Helfer, Schau mich an, wenn ich mit dir rede!

Vielleicht angeregt durch das Gedicht von Max Frisch [oben], habe ich mir neulich das Hörbuch von Aus dem Berliner Journal gekauft. Dieses Tagebuch aus den Jahren 1973/74 durfte  erst 20 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden. Besonders interessant: Frischs Blick auf die DDR und ihren Literaturbetrieb.

Ungekürzte Fassung auf 3 CDs, gelesen von dem Schweizer Sprecher Franziskus Abgottspon [toll gelesen].

Schließlich noch die Auflösung des Sommer-Rätsels: Zu sehen ist Nebel auf Amrum.

Glückwunsch an die Gewinnerin Andrea L., die sich über diesen Buchpreis freut:


Naja, naja

Während des G20-Gipfels vor drei Wochen war Hamburg im Ausnahmezustand. Ich bin froh, dass es keine Toten gab. Die Bilder von den mutwilligen Zerstörungen durch radikale Autonome und andere Krawallmacher, Videos von Wasserwerfern im Einsatz und von martialischen Polizeiaufmärschen überschatten leider die Bilder von den friedlich Engagierten bei den Demonstrationen Hamburg zeigt Haltung und Grenzenlose Solidarität statt G20.

Darum hier fürs Nichtvergessen zwei Fotos vom 2. und 8. Juli – gewaltfreie Proteste für berechtigte Anliegen wie Meinungs- und Pressefreiheit, Menschenrechte, fairer Welthandel, Klimaschutz, religiöse Toleranz …

Auf der Alster am 2.7.17. Foto: Gela Linne

Grenzenlose Solidarität am 8.7.17. Foto: Gela Linne

Das Verb demonstrieren wurde übrigens im 16. Jh. aus lat. demonstrare „hinweisen, deutlich machen“ entlehnt. Zugrunde liegt lat. monstrum „Mahnzeichen“, das auch für Ungeheuerliches steht.

Beim Schlagermove vorletztes Wochenende waren es angeblich 400.000 ungeheuer Begeisterte …
Wahrscheinlich haben sie nicht nach Naja, naja von Soulsänger Stefan Gwildis getanzt. Wem aber wie mir der andauernde Regen grad echt auf die Nerven geht, denen empfehle ich das Gute-Laune-Lied  – „denn in uns glüht ein Vulkan“. Als Made-in-Germany-Flickr-Video [2:50 min]. „Auch in Karlsruhe, Osnabrück und selbst in Bonn tanzt man in Straßen und Alleen …“ Münster wird nicht ausdrücklich genannt, ist aber bestimmt mitgemeint.

Vielleicht weil in Münster bald ein Ehemaligen-Treffen der Regensberger_innen stattfindet, anlässlich der Schließung von Europas ältester Buchhandlung vor 20 Jahren, ist mir etwas nostalgisch zu Mute.
In einem Artikel im münster-wiki ist über die Regensbergsche zu lesen, dass Lambert Raesfeld die Buchhandlung 1591 gründete, die erst 1832 nach dem damaligen Besitzer Ferdinand Regensberg umbenannt wurde und bis kurz vor ihrer Schließung 1997 im Familienbesitz blieb. Es sei „vorwiegend die weibliche Linie“ gewesen, „die den Bestand des Traditionsunternehmens sicherte.“


Die beiden Frösche in unserem kleinen Gartenteich erinnern mich an dieses Gedicht von Augustin Wibbelt (1862-1947) in Münsterländer Platt, das wir als Grundschulkinder noch auswendig gelernt haben.

Dat Pöggsken

Pöggsken sitt in’n Sunnenschien,
O, wat is dat Pöggsken fien
Met de gröne Bücks!
Pöggsken denkt an nicks.
Kümp de witte Gausemann,
Hät so raude Stiewweln an,
Mäck en graut Gesnater,
Hu, wat fix
Springt dat Pöggsken met de Bücks,
Met de schöne gröne Bücks,
Met de Bücks in’t Water!

Auf der Seite muenster.org ist eine Originalaufnahme vom Pöggsken mit Augustin Wibbelt zu hören.

Apropos Münster möchte ich nicht versäumen, auf die Ausstellung Skulptur Projekte 2017 hinzuweisen, zu erleben noch bis zum 1. Oktober. Die Skulpturen-Ausstellung findet seit 1977 alle zehn Jahre in Münster statt. Das vielleicht beliebteste Objekt 2017 – ein Unterwassersteg:

„On water“ von Ayşe Erkmen. Foto: Birgit Giering

Der Link Wissenswertes über die Skulptur Projekte 2017 führt zu einer interessanten Fotostrecke in den Westfälischen Nachrichten, die behaupten, dass die Skulptur-Projekte 1977 entstanden seien, „weil die Münsteraner mit zeitgenössischer Kunst nichts anzufangen wussten.“ – Naja, naja. – „Klaus Bußmann und Kasper König luden deshalb Künstler ein, am Ort Kunst zu realisieren.“

Keine neue Beet-Realisation ohne Buchempfehlungen. Für den nächsten LiteraturBrunch der Hamburger BücherFrauen im Februar 2018 sind wir schon wieder eifrig dabei, die Belletristik-Neuerscheinungen 2017 deutschsprachiger Autorinnen zu prüfen. Das für mich bislang beste Buch ist Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster von Susann Pásztor, bei Kiepenheuer und Witsch. Der noch unerfahrene Sterbebegleiter Fred ist mit seiner Aufgabe, die Fotografin Karla in ihren letzten Lebensmonaten zu begleiten, leicht überfordert. Doch er bekommt Unterstützung, ganz unerwartet, unter anderem durch seinen 13-jährigen Sohn Phil. Überzeugende Figuren und Dialoge, kein Wort zu viel.

        

Susann Pásztors zweiten Roman Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts (von 2013) habe ich gleich anschließend gelesen und bin auch von diesem Buch, das mit einem Schweigeseminar beginnt, sehr angetan. Nun freue ich mich noch auf ihr Debüt von 2010: Ein fabelhafter Lügner.

Zum guten Schluss eine neue Rubrik – das Sommerrätsel. Na, welcher Ort auf welcher Insel ist hier zu sehen?

Einsendeschluss ist der 1.9.2017. Es winkt ein Buchpreis und der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Allen, die im Sommerurlaub unterwegs sind, wünsche ich


zusammen …

zählt für mich zu den schönsten deutschen Adverbien.
Im Duden 1 [Die deutsche Rechtschreibung] finden sich zwischen zusammenarbeiten und zusammenzucken sage und schreibe 101 Verben, darunter so bildhafte wie sich zusammenläppern und zusammentrommeln. Hundertundeins! Wenn ich mich nicht verzählt habe; ich bin ja kein Computer.

Blick auf die Seite 1208 des DUDEN 1

Regula Venske, seit gut zwei Wochen Präsidentin des deutschen PEN, sagte im Deutschlandfunk Kultur in der Sendung Fazit vom 30.4.2017 über ihre Motivation: »Ich glaube, wenn man sich nicht engagiert, dann kann man im Moment, wenn man die Nachrichten liest, recht depressiv und pessimistisch werden, und da tut es gut, sich mit anderen zusammenzutun und sich gemeinsam für das einzusetzen, was uns wichtig ist.«
National wie international setzt sich der PEN [Poets, Essayists, Novelists] ein für den Schutz und die Freiheit von Kultur, den ungehinderten Gedankenaustausch und die freie Meinungsäußerung.

Sophie Hunger stellt sich in ihrem Song NÜT (Dem Burghölzli zum Geburtstag) vor, was die Freiheitsstatue singt, wenn sie singt. Offiziell heißt die Freiheitsstatue übrigens Liberty Enlightening the World – und das seit 1886.
Ein Teil des Textes (auf Schwizerdütsch) findet sich unter dem Titel Z’Lied vor Freiheitsstatue bei songtexte.com. Der Refrain:

Lueg, mir isch schwindlig
Aber schwindlig bini nid
Lueg, I han es Riesse
Riesse chani nüt

Eine Übersetzung des Songs habe ich leider nicht gefunden. Dafür gibt es in dem Film Sophie Hunger – The Rules of Fire eine tolle Live-Version von NÜT zu sehen [ab Minute 43:30].
   
Vor einem Jahr hat Sophie Hungers Label Two Gentlemen diesen Film, ein Konzert-Porträt, wie soll man sagen – jedenfalls finde ich das Video ein bisschen speziell und ganz besonders beeindruckend. »Sängerin Sophie Hunger füllt Konzerthallen auf der ganzen Welt, gewinnt Preise, begeistert (fast) alle. Ist es ihre Stimme? Sind es ihre Texte? Ist es ihr Charisma? Ein filmischer Annäherungsversuch.« [Zitat zum Film auf youtube]

Kein textbeet-Beitrag sollte ohne eine Buchempfehlung bleiben. Heute rate ich zu  Alois Prinz, Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt. Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt bzw. Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt.
   
Meine Freundin Regina und ich haben Alois Prinz vor ein paar Wochen in der Buchhandlung Christiansen erlebt, das war ein spannender Abend mit dem Autor, der in weiteren Büchern u. a. die Lebensgeschichten von Ulrike Meinhof, Franz Kafka und Milena Jesenská erzählt.

Blick in die Buchhandlung Christiansen in Ottensen

Der leidenschaftliche Biograph Prinz wurde übrigens im März mit dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur 2017 ausgezeichnet. Seine Bücher erscheinen bei Beltz und Gelberg und teilweise (als Ausgaben für Erwachsene, wenn man das so sagen möchte) im Insel-Verlag.

Zum Abschluss die erste Folge einer neuen kleinen Serie, die in lockerer Folge Tipps fürs Bad vorstellt: Wer kein Fan von Seifenspendern ist und schon lange genug hat von Seifenresten in Seifenschalen: Ein kleiner Schwamm als Unterlage ist perfekt – Seifenrutschen passé.

   

Kann ich nur empfehlen [neulich gab’s noch drei Stück bei Budni für weniger als zwei Euro].


Munition

Am vorletzten Wochenende habe ich in Frankfurt an einer Aktionskonferenz von pax christi teilgenommen und bin dort vielen sehr engagierten Menschen um die 60 begegnet. Auch nach Jahrzehnten friedensbewegter Arbeit und listiger Aktionen gegen die übermächtig wirkende Rüstungsindustrie sind sie noch immer mit Lust am Widerstand dabei. Sehr beeindruckend. Der Bericht von der Aktionskonferenz „Stoppt den Waffenhandel“ auf der Website von Ohne Rüstung leben.
   
Ebenfalls mitgewirkt hat die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, die in diesem Jahr ihr 125-jähriges Jubiläum begehen, denn schon 1892 gründete Bertha von Suttner mit weiteren Mitstreitern die Deutsche Friedensgesellschaft.

Die Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel! fordert einen Stopp deutscher Rüstungsexporte an menschenrechtsverletzende und kriegführende Staaten, genau so, wie es unser Grundgesetz vorschreibt.
»Blendet man aus, dass Waffen Menschen töten, mag man den Erfolg der deutschen Rüstungsindustrie begrüßen. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen – laut einer Emnid-Umfrage von 2016 sind es 83 Prozent – lehnt die Waffenexporte jedoch ab.« Quelle: Planet Wissen

Diese Aktion von 2015 wird 2017 wieder aufgenommen.

Lesenswert zum Thema Rüstungsexportkontrollen finde ich auch den Artikel in der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016: »Boom mit Bomben.  Der Rüstungskonzern Rheinmetall umgeht mit Tochterfirmen im Ausland deutsche Exportkontrollen und verdient prächtig. Auch am Bürgerkrieg im Jemen.«

Was ich vor dieser Aktionskonferenz noch für total absurd gehalten hätte: Ich werde mir eine Aktie von Rheinmetall kaufen. Und mein Stimmrecht an die Kritischen Aktionäre übertragen. Die Rheinmetall-Hauptversammlung 2017 findet am 9. Mai in Berlin statt. Gleichzeitig eine Demonstration vorm Maritim-Hotel unter dem Motto »RHEINMETALL ENTRÜSTEN. Wer Waffen sät, erntet Flüchtlinge!«
Für alle, die sich noch weiter informieren möchten, empfehle ich den Text von Otfried Nassauer „EXPLOSIVE AUSFUHREN. Munitionsexporte in deutscher Verantwortung“, hier als PDF.
Ich hör’ gleich auf, aber dieser Beitrag »Wie wir mit smarten Waffen richtig handeln können« gibt ebenfalls einen interessanten Einblick ins Thema. Veröffentlicht auf perspective daily, der Plattform für Konstruktiven Journalismus. Daraus:

Quelle: International Institute for Strategic Studies

Wer genug gelesen hat und lieber mal wieder etwas überwiegend Heiteres hören will:

Marc-Uwe Kling ist Kleinkünstler, selbst Pazifist, und er lebt mit einem Känguru zusammen, das beim Vietcong gewesen sein will.
Die Känguru-Chroniken berichten von seinen ersten Erlebnissen mit diesem schrägen Zeitgenossen. Bekannt geworden ist Marc-Uwe Kling zuletzt auch durch seine falsch zugeordneten Zitate.
Ein Beispiel: »Was darf die Satire? Alles!« Recep Erdoğan

Ebenfalls hörenswert:  Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie.
Wolf Biermann erzählt ganz persönlich von deutsch-deutscher Geschichte. Bei der Lesung von Burghart Klaußner übertönen zum Glück das Sachliche und das Ironische die Selbstverliebtheit des Autors. Einen meiner liebsten Texte schrieb Wolf Biermann 1968 für seinen Freund Peter Huchel (1903-1981): Ermutigung. Daraus die vierte Strophe:

Du, lass dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Darum der Plan für Ostern: runter vom Sofa, raus ausm Strandkorb. Denn Mitte April können wir wieder gemeinsam auf die Straße gehen. Wann, wenn nicht jetzt? Wenn tatsächlich 83 % der Deutschen gegen Rüstungsexporte sind, sollten doch große Friedensdemonstrationen zu organisieren sein … Die Ostermarsch-Termine 2017 auf der Website der Friedenskooperative.


Ankommen

»Bei uns geht man davon aus, dass die Zeit vergeht. 95 % der Erdbevölkerung geht nicht davon aus, dass die Zeit vergeht, sondern die Dinge wiederholen sich zyklusartig. Das heißt, wenn ich etwas jetzt verpasse, kommt es wieder.«
Mehrnousch Zaeri-Esfahani
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In dem total interessanten Gespräch auf Deutschlandradio Kultur erzählt Zaeri-Esfahani, die 1985 als Zehnjährige mit ihren Eltern und Geschwistern aus Iran nach Deutschland geflohen ist, u. a. von ihrer Arbeit in der Flüchtlingsbetreuung.
Im Peter Hammer Verlag ist 33 Bogen und ein Teehaus erschienen, in dem Mehrnousch Zaeri-Esfahani ihre Kindheit in Isfahan und ihr Ankommen in Heidelberg beschreibt. Das Jugendbuch, das sie für alle, nicht nur für Jugendliche, geschrieben hat, wurde bereits vielfach ausgezeichnet. Illustriert hat es ihr Bruder Mehrdad Zaeri-Esfahani.
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Meine zweite Empfehlung ist The Improbability of Love von Hannah Rothschild, auf der Shortlist zum Baileys Women’s Prize for Fiction 2016, bei der Deutschen Verlagsanstalt unter dem Titel Die Launenhaftigkeit der Liebe erschienen. Schauplatz ist London, genauer gesagt die dortige Kunst- und Kunstmarktszene, wo ein wieder aufgetauchtes Gemälde für Aufregungen sorgt. Sehr spannend, ein ganz bisschen romantisch und auch die Perspektive des Gemäldes – moi – kommt nicht zu kurz.

Apropos Lesen fand ich die Jahrestagung der BücherFrauen zum Thema »Lesekultur 2030« neulich in Berlin ausgesprochen anregend. In ihrem Impulsvortrag plädierte die Verlegerin Britta Jürgs überzeugend für Biodiversität auch in der Bücherwelt. »Bibliodiversität steht für eine Literatur, die nicht kurzfristige Trends bedient, sondern neue Denkansätze und Sichtweisen hervorbringt.«
Der ganze Vortrag ist hier nachzulesen.

Was es nicht noch alles gibt. Und was man alles noch nicht kennt. Zum Beispiel kannte ich die Kennedy Center Honors nicht. Die Amerikaner beherrschen nicht nur die Kunst der großen Inszenierung, sondern auch die der großen Wertschätzung. Alljährlich werden Künstler_innen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, bereits seit 1978, so auch vorgestern. Besonders bewegend finde ich diesen Auftritt von Sting zur Verleihung an Bruce Springsteen 2009 und den Auftritt von Aretha Franklin zu Ehren von Carole King 2015. Man kann neben den Ausgezeichneten in der Loge übrigens die Obamas beobachten und fragt sich: Wie wird das mit den Trumps sein?
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Nun schwärme ich nicht gerade für Heinz Strunk, bin aber quasi ein Fan von extra 3. Heinz Strunk widmet sich in seinem Beitrag der Frage, was Populismus eigentlich bedeutet, und kommt u. a. zu dieser Erkenntnis: »Wer das Wort Problem untersucht, stellt fest, dass pro ja eigentlich für heißt. Probleme sind also für uns gemacht und nicht gegen uns, sonst hießen sie ja Antibleme.«
heinz_strunk_x3-de
Wer in diesen unruhigen Zeiten dem Populismus etwas entgegensetzen möchte, findet überall Menschen, die nicht zynisch werden, die sich für unsere Freiheit engagieren, die Mut machen. Eine Anlaufstelle im Internet ist zum Beispiel AUFSTEHEN GEGEN RASSISMUS.
Und es gibt Künstler_innen wie Pipilotti Rist, die dem Grauenvollen Kreativität und Schönheit entgegensetzen.
rist-install
»Ich bin ein großer Fan davon, die Freude, die Leichtigkeit zu beschwören. Denn das Gegenteil davon stellt sich automatisch ein.«
Pipilotti Rist (Schweizer Videokünstlerin, *1962)


beschränkt

»Ach, die Welt ist so geräumig, und der Kopf ist so beschränkt!«
Wilhelm Busch

beschränken – mittelhochdeutsch beschrenken »umklammern, versperren«, althochdeutsch biscrenken »zu Fall bringen«; vom neuhochdeutschen Sprachgefühl … steht das 2. Partizip beschränkt seit Anfang des 19. Jhs. für geistig eng, unfähig«. DUDEN 7, Das Herkunftswörterbuch

Um nicht irre zu werden in dieser »geräumigen Welt«, die über diverse Kanäle zu uns ins Wohnzimmer drängt, ist sicher ein guter Rat: Nimm Dir zum Beispiel 10 Minuten täglich Zeit für eine Achtsamkeitsübung.

Jon Kabat-Zinn, quasi der Erfinder des Mindfulness-Based Stress Reduction-Programms, empfiehlt eine würdevolle Sitzhaltung und, sich beim Atmen zu beobachten. So einfach. Sat – Nam. Einatmen SAT [behutsam] – Ausatmen NAM [geduldig].

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Still aus dem Trailer zur Sendung Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens

Wem das Atmen zu einfach ist: Auf youtube finden sich jede Menge Achtsamkeitsübungen, außerdem erhellende Gespräche mit Jon Kabat-Zinn. Letztlich geht es auch ihm darum, dass die Welt durch unser geändertes Verhalten eine bessere wird. In einem Interview sagt er: »Die Frage ist: In welche Richtung entwickelt sich das System? Richtung Habgier oder Richtung Weisheit?«

Zurück in die Region: Vor zwei Wochen war ich in der Hamburger Fabrik  und habe Suzanne Vega erlebt, die ich schon vor 30 Jahren rauf- und runtergehört habe. Sehr cooles Konzert. Arte hat ihren Auftritt in Berlin aufgezeichnet, eine Stunde davon ist in der Mediathek nachzusehen bis zum 5.11.2016.

Ihr neues Album »Lover, Beloved: Songs From An Evening With Carson McCullers« ist vor 5 Tagen erschienen. We of Me [auf vevo] habe ich seitdem schon ein paar Mal im Radio gehört. Sie sei schon immer fasziniert gewesen von der amerikanischen Schriftstellerin McCullers (1917-1967), sagt Suzanne Vega und nennt sie eine Seelenverwandte. Die Ähnlichkeit ist doch verblüffend, oder? Im Frühjahr 2017 hat das Stück mit ihr als Carson McCullers in New York Premiere.
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Die Romane von Carson McCullers (Die Ballade vom traurigen Café, Frankie u. a.) sind in deutscher Übersetzung bei Diogenes erschienen.

Wer sich weniger für die USA als für Süditalien begeistern kann, denen empfehle ich Meine geniale Freundin oder auch My Brilliant Friend.
Für alle, die der Hype um Elena Ferrante und ihre Enttarnung nicht interessiert und die einfach nur eine sehr gut geschriebene Geschichte über das Neapel der 50er Jahre lesen möchten. Angeblich ist die englische Übersetzung aus dem Italienischen gelungener als die deutsche. Who knows?

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Mit Paula Fürstenberg wäre noch eine junge deutsche Schriftstellerin zu entdecken, deren Debüt Familie der geflügelten Tiger im August erschienen ist. »In einer Familie gibt es keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten« ist der Roman überschrieben. Johannas Vater Jens ist kurz vor dem Ende der DDR verschwunden, da war sie noch ganz klein. Erst mit Ende Zwanzig erfährt Johanna von anderen Lesarten dieser Flucht, die sich von der ihrer Mutter doch stark unterscheiden.

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