textbeet

Kompost für den Alltag


Glück gehabt

Hierzulande geboren zu sein und „ganz automatisch“ hier leben zu dürfen – reine Glücksache. Sicher kein persönliches Verdienst, vielleicht Schicksal, jedenfalls: Glück gehabt. Es heißt in einem Sprichwort, dass Glück das einzige sei, das sich vermehrt, wenn man es teilt …

G. Brändle, Agroscope – Agroscope Reckenholz-Tänikon

Bei einem anderen Wort mit Glü… kann ich fuchsig werden. Dass Landwirtschaftsminister Schmidt (CSU) neulich in Brüssel für die weitere Verwendung von Glyphosat gestimmt hat, ist doch echt ein Skandal. Erhebliche Bedenken gegen diesen „Unkrautvernichter“ gibt es nicht nur von Naturschützern. Kann es purer Zufall sein, dass kurz nach der Abstimmung die Genehmigung der US-Behörden für eine Übernahme von Monsanto durch Bayer kam? »MONSANTO [Food · Health · Hope]« …

Auch nicht glücklich macht mich Amazon. Da können sie noch so viele Smileys auf Pakete und Plakate drucken. Der Konzern hat es seit 1995 geschafft, zum Versandhändler Nummer eins zu werden. Beeindruckend ist der Eintrag bei Wikipedia. Und Amazon breitet sich weiter aus. Schon zwei Mal habe ich jetzt das „Amazon-STUDIO“-Logo im Kino-Vorspann gesehen. Immer mehr Einfluss nehmen zu können, macht bestimmt Spaß. Doch grad in letzter Zeit gab es vermehrt kritische Berichte zum Konzern, nicht nur zur Bezahlung der Mitarbeiter_innen im Versandzentrum. Die interessante Reportage in der ARD [gesendet am 27.11.2017, 45 min] Das System Amazon kann man in der ARD-Mediathek nachsehen.
Es gibt Prognosen, die Amazon in zehn, fünfzehn Jahren als Monopolisten im Versandhandel sehen. Wer dann online shoppen will, hätte nicht mehr die Wahl. Wer das verhindern will, sollte zuallererst keine Bücher mehr dort bestellen, sondern in der nächstgelegenen Buchhandlung resp. in deren Online-Shop.

Plakat des Diogenes Verlages, Zürich

Wer noch einen Bücherwunsch frei hat, Platz auf dem Sofatisch und Lust auf eine ganz besondere und abwechslungsreiche Lektüre, denen empfehle ich

   

Letters of Note – Correspondence Deserving of a Wider Audience
Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten
125 Briefe der Weltgeschichte versammelt dieses schön gemachte Buch, mit Abdrucken der Originale, die für die deutsche Ausgabe übersetzt wurden. Der Ursprung dieses Bandes sind Briefe, die Shaun Usher seit Jahrzehnten auf www.lettersofnote.com/ sammelt.
Besonders lustig finde ich den Brief der drei Teenager an Dwight D. Eisenhower, die sich beim damaligen US-Präsidenten dafür einsetzen, dass Elvis Presley beim Militär seine langen Haare behalten darf. Sonst hätte ihr Leben keinen Sinn mehr, schreiben sie.

Hier noch zum neuen Jahr einige Taschenbuch-Empfehlungen. Teils tragik-komisch, in der Grundstimmung heiter.
Weitere Informationen finden sich auf den Verlagsseiten [Cover oder TItel anklicken].

        

Adriana Altaras, Das Meer und ich waren im besten Alter. Geschichten aus meinem Alltag
Karin Kalisa, Sungs Laden
Helen Simonson, Mrs. Alis unpassende Leidenschaft
Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Ankündigen möchte ich gern noch den nächsten LiteraturBrunch der Hamburger BücherFrauen, den ich die Freude habe, wieder mit vorzubereiten.
Unter dem Motto »Fremdeinwirkungen – Familienromane aus der klischeefreien Zone« lesen Britta Boerdner, Mareike Krügel und Annette Mingels aus ihren 2017 veröffentlichten Romanen und sprechen mit Christine Gräbe über ihre Arbeit.

  

Der LiteraturBrunch 2018 findet statt am Sonntag, dem 28. Januar 2018, im La Yumba (St. Pauli), Einlass 9:30 Uhr. Der Eintritt kostet 20 Euro (für BücherFrauen 15 Euro), inkl. Brunch-Büfett. Kartenreservierung bitte per Mail an literaturbrunch@buecherfrauen.de

Auf jeden Fall glücklich machen können diese »Kürbisspalten aus dem Ofen«. Das Rezept kommt ein bisschen verspätet, denn Hokaido-Kürbisse gibt es schon länger nicht mehr im Hochbeet zu ernten [siehe Foto], aber immer noch aufm Markt oder im Laden zu kaufen.

Blick in unser neues Hochbeet im September

Einen halben Hokaido-Kürbis in dünne Spalten schneiden und in eine mit Olivenöl ausgestrichene Form schichten, großzügig mit Olivenöl bestreichen, salzen, mit Korianderkörnern und Kürbiskernen bestreuen.
Bei 175 Grad Umluft etwa 20 Minuten garen lassen. Guten Appetit!
[Die andere Hälfte gelegentlich zu einer Suppe kochen.]

Eines Tages wird es gleichgültig sein, ob wir glücklich oder unglücklich sind, weil wir für keines von beiden Zeit haben. Tennessee Williams (amerikanischer Dramatiker, 1911-1983)

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vorbildlich – verrückt?

Mit seinem Essay Empört Euch! machte Stéphane Hessel (1917–2013) im Alter von 93 Jahren Furore. Seit dem Erscheinen 2010 wurde das 32 Seiten starke Buch aus dem Französischen in mehr als 40 Sprachen übersetzt.
Arte hat im Oktober Empört euch! Engagiert euch! – Stéphane Hessel (Deutschland 2017) gezeigt, ein beeindruckendes Porträt über den Widerstandskämpfer, Buchenwald-Überlebenden und ehemaligen UN-Diplomaten. Der Film ist in der Arte-Mediathek noch nachzusehen bis zum 13. Januar 2018.
Der Verlag nennt Stéphane Hessels Erinnerungen Tanz mit dem Jahrhundert „ein ganz realistisches Lehrstück in Sachen Demokratie“. Es liegt auf meinem Lesestapel.

Foto: Marie-Lan Nguyen        

Längst keine Neuigkeit mehr, aber immer noch erwähnenswert: Margaret Atwood hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017 erhalten.
Ihren Roman Der Report der Magd habe ich kurz nach Erscheinen gelesen und war begeistert von diesem Science Fiction – das Wort Dystopie kannte ich damals noch nicht. Eine neue gebundene, also Hardcover-Ausgabe erscheint am 17. November 2017 bei Piper, mit diesem etwas minimalistischen tollen Titelbild [Nachteil: Autorin und Titel sind kaum zu erkennen].

Foto: Larry D. Moore

Fast alle ihre Romane und Erzählungen sind als Piper-Taschenbuch lieferbar, so auch Der Report der Magd.


Die Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche am 15.10.2017 kann man in der 3sat-Mediathek nachsehen und die kurzweilige Dankesrede von Margaret Atwood auf der sehr informativen Friedenspreis-Website nachlesen, wie übrigens alle Reden seit der ersten Preisverleihung von Max Tau (1950) bis Carolin Emcke (2016). Übrigens war Nelly Sachs 1965 die erste Frau, die den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat, Margaret Atwood ist im 68. Jahr erst[!] die zehnte Preisträgerin.

Nun aber: meinen herzlichen Glückwunsch an Dich, liebe Britta, zum 20. Geburtstag Deines wunderbaren AvivA-Verlages!

Verlagsplakat

Neuerscheinung Herbst 2017

Was für eine schöne Idee, eine Jubiläumstour durch 20 besondere Buchhandlungen zu machen, festgehalten im lesenswerten AvivA-on-Tour-Blog.
Vorbildlich, wie Britta Jürgs vergessene Autorinnen insbesondere der Zwanziger Jahre in ihrem Verlagsprogramm wieder sichtbar macht. Der Berliner Tagesspiegel würdigte ihre verlegerische Arbeit am 19.10.2017 mit einem Porträt unter dem Titel Das ganze Jahr Frühling.

Über weibliche Vorbilder macht sich auch Nino Haratischwili im Brief an meine Tochter Gedanken, veröffentlicht in Das Magazin N°18 aus der Schweiz vom 6. Mai 2017.
Das achte Leben (Für Brilka), ihr dritter Roman von 2014, erzählt von sechs Generationen einer georgischen Familie im 20. Jahrhundert – mit 1280 Seiten so umfangreich wie hinreißend erzählt.

Szene aus „Das achte Leben (Für Brilke)“ am Thalia Theater

Das Hamburger Thalia-Theater hat in diesem Jahr eine großartige Bühnenfassung des Romans realisiert, die ich mir bestimmt noch ein drittes Mal angucken werde. Fünf Stunden grandioses Schau-Spiel – was für eine Leistung!
Die nächsten Vorstellungen sind im Dezember. Für diejenigen, die wie ich keine Nachteulen sind, gibt es eine „Nachmittagsvorstellung“ (17.00 bis 21.55 Uhr) am 28. Januar 2018.


Verrückt, oder? Bald ist schon wieder Weihnachten. Dieser Kalender aus dem Andere-Zeiten-Verlag kann helfen, den Advent zu entschleunigen. Vom 1. Dezember 2017 bis zum 6. Januar 2018 gibt es für jeden Tag einen Text, jeweils liebevoll gestaltet. Andere Zeiten wurde 1998 als gemeinnütziger Verein gegründet, nach eigener Aussage ökumenisch und eigenständig.

Es gibt keine andere vernünftige Erziehung als Vorbild zu sein; wenn’s nicht anders geht, ein abschreckendes.
Albert Einstein (1879–1955)


Naja, naja

Während des G20-Gipfels vor drei Wochen war Hamburg im Ausnahmezustand. Ich bin froh, dass es keine Toten gab. Die Bilder von den mutwilligen Zerstörungen durch radikale Autonome und andere Krawallmacher, Videos von Wasserwerfern im Einsatz und von martialischen Polizeiaufmärschen überschatten leider die Bilder von den friedlich Engagierten bei den Demonstrationen Hamburg zeigt Haltung und Grenzenlose Solidarität statt G20.

Darum hier fürs Nichtvergessen zwei Fotos vom 2. und 8. Juli – gewaltfreie Proteste für berechtigte Anliegen wie Meinungs- und Pressefreiheit, Menschenrechte, fairer Welthandel, Klimaschutz, religiöse Toleranz …

Auf der Alster am 2.7.17. Foto: Gela Linne

Grenzenlose Solidarität am 8.7.17. Foto: Gela Linne

Das Verb demonstrieren wurde übrigens im 16. Jh. aus lat. demonstrare „hinweisen, deutlich machen“ entlehnt. Zugrunde liegt lat. monstrum „Mahnzeichen“, das auch für Ungeheuerliches steht.

Beim Schlagermove vorletztes Wochenende waren es angeblich 400.000 ungeheuer Begeisterte …
Wahrscheinlich haben sie nicht nach Naja, naja von Soulsänger Stefan Gwildis getanzt. Wem aber wie mir der andauernde Regen grad echt auf die Nerven geht, denen empfehle ich das Gute-Laune-Lied  – „denn in uns glüht ein Vulkan“. Als Made-in-Germany-Flickr-Video [2:50 min]. „Auch in Karlsruhe, Osnabrück und selbst in Bonn tanzt man in Straßen und Alleen …“ Münster wird nicht ausdrücklich genannt, ist aber bestimmt mitgemeint.

Vielleicht weil in Münster bald ein Ehemaligen-Treffen der Regensberger_innen stattfindet, anlässlich der Schließung von Europas ältester Buchhandlung vor 20 Jahren, ist mir etwas nostalgisch zu Mute.
In einem Artikel im münster-wiki ist über die Regensbergsche zu lesen, dass Lambert Raesfeld die Buchhandlung 1591 gründete, die erst 1832 nach dem damaligen Besitzer Ferdinand Regensberg umbenannt wurde und bis kurz vor ihrer Schließung 1997 im Familienbesitz blieb. Es sei „vorwiegend die weibliche Linie“ gewesen, „die den Bestand des Traditionsunternehmens sicherte.“


Die beiden Frösche in unserem kleinen Gartenteich erinnern mich an dieses Gedicht von Augustin Wibbelt (1862-1947) in Münsterländer Platt, das wir als Grundschulkinder noch auswendig gelernt haben.

Dat Pöggsken

Pöggsken sitt in’n Sunnenschien,
O, wat is dat Pöggsken fien
Met de gröne Bücks!
Pöggsken denkt an nicks.
Kümp de witte Gausemann,
Hät so raude Stiewweln an,
Mäck en graut Gesnater,
Hu, wat fix
Springt dat Pöggsken met de Bücks,
Met de schöne gröne Bücks,
Met de Bücks in’t Water!

Auf der Seite muenster.org ist eine Originalaufnahme vom Pöggsken mit Augustin Wibbelt zu hören.

Apropos Münster möchte ich nicht versäumen, auf die Ausstellung Skulptur Projekte 2017 hinzuweisen, zu erleben noch bis zum 1. Oktober. Die Skulpturen-Ausstellung findet seit 1977 alle zehn Jahre in Münster statt. Das vielleicht beliebteste Objekt 2017 – ein Unterwassersteg:

„On water“ von Ayşe Erkmen. Foto: Birgit Giering

Der Link Wissenswertes über die Skulptur Projekte 2017 führt zu einer interessanten Fotostrecke in den Westfälischen Nachrichten, die behaupten, dass die Skulptur-Projekte 1977 entstanden seien, „weil die Münsteraner mit zeitgenössischer Kunst nichts anzufangen wussten.“ – Naja, naja. – „Klaus Bußmann und Kasper König luden deshalb Künstler ein, am Ort Kunst zu realisieren.“

Keine neue Beet-Realisation ohne Buchempfehlungen. Für den nächsten LiteraturBrunch der Hamburger BücherFrauen im Februar 2018 sind wir schon wieder eifrig dabei, die Belletristik-Neuerscheinungen 2017 deutschsprachiger Autorinnen zu prüfen. Das für mich bislang beste Buch ist Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster von Susann Pásztor, bei Kiepenheuer und Witsch. Der noch unerfahrene Sterbebegleiter Fred ist mit seiner Aufgabe, die Fotografin Karla in ihren letzten Lebensmonaten zu begleiten, leicht überfordert. Doch er bekommt Unterstützung, ganz unerwartet, unter anderem durch seinen 13-jährigen Sohn Phil. Überzeugende Figuren und Dialoge, kein Wort zu viel.

        

Susann Pásztors zweiten Roman Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts (von 2013) habe ich gleich anschließend gelesen und bin auch von diesem Buch, das mit einem Schweigeseminar beginnt, sehr angetan. Nun freue ich mich noch auf ihr Debüt von 2010: Ein fabelhafter Lügner.

Zum guten Schluss eine neue Rubrik – das Sommerrätsel. Na, welcher Ort auf welcher Insel ist hier zu sehen?

Einsendeschluss ist der 1.9.2017. Es winkt ein Buchpreis und der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Allen, die im Sommerurlaub unterwegs sind, wünsche ich


Augenzeug_innen

Gestern bin ich mit einer jungen Frau ins Gespräch gekommen. S. ist in Deutschland geboren, ihre Herkunftsfamilie stammt aus der Türkei. Irgendwann erzählt sie, dass sie kurdische Yesidin sei. Ihre Heimatstadt Mardin, eine uralte Stadt in der Südtürkei nahe der syrischen Grenze, sei in den letzten Jahren weitgehend zerstört worden. Es lebten aber noch Menschen dort, die beginnen würden, ihre Stadt wieder aufzubauen, obwohl sie keine Hoffnung auf Frieden mehr hätten.

Mardin (ein Ausschnitt) vor der Zerstörung

Zusammen mit ihrer Mutter hat S. vor Kurzem ein grenznahes Flüchtlingslager besucht, weil sie sich selbst ein Bild machen wollte. Die Lage dort sei kaum vorstellbar entsetzlich. Da es so gut wie nichts gebe, auch kein ausreichendes Trinkwasser, würden die Säuglinge von ihren älteren Geschwistern mit Zuckerstückchen gefüttert …
Das ist doch unerträglich. Wie können wir uns das noch länger mit ansehen? Wie können wir diese Situation länger verdrängen oder dulden? Das ist eine solche Schande für Europa!


Der Ostermarsch in Hamburg am Montag, 17. April, beginnt mit einer Andacht in St. Georg um 11.30 Uhr, die Auftaktkundgebung startet um 12 Uhr. Ich würde mich sehr freuen, viele von Euch (mit ihren Verwandten und Bekannten) dort zu treffen. Das Flugblatt zum Ostermarsch. Nähere Infos beim Hamburger Forum. Eine Übersicht über die bundesweit stattfindenden Ostermärsche hat das Netzwerk Friedenskooperative zusammengestellt.

Zum Aspekt, welche Rolle die Medien spielen in unserer Wahrnehmung der Ereignisse: Navid Kermani, Friedenspreisträger und Augenzeuge, berichtet in der Sternstunde Philosophie von seiner Reportage-Reise durch Tschetschenien und beklagt, dass die Redaktionen (Print, Hörfunk, TV) sich solche Berichterstattungen wegen des immensen Organisationsaufwand kaum noch leisten würden. Das beeindruckende, kluge Gespräch mit Barbara Bleisch vom 5.2.2017 unter dem Titel Was uns tröstet ist hier nachzusehen.

Was mich tröstet, sind Musik und Literatur [unter anderem].

Letztes Jahr habe ich Sophie Hunger mit meiner Freundin Nicola zusammen im Berliner Berghain erlebt. Das war großartig. Ich liebe ihre Doppel-CD The Rules Of Fire. Mehr Infos bei JPC und dem Label Two Gentlemen.
    
Tröstlich finde ich die Musik, die Joel Frederiksen mit seinem Ensemble Phoenix Munich aufgenommen hat: Requiem for a Pink Moon – An Elizabethan Tribute to Nick Drake, 2013 ausgezeichnet mit einem Echo Klassik.

Apropos Elizabethan: Grad heute Morgen habe ich wieder einen bemerkenswerten SWR2-Wissen-Podcast gehört: Elisabeth I von England – Eine Frau mit dem Herzen eines Königs. Mehr über die ebenfalls sehr interessante Autorin des Beitrags Imogen Rhia Herrad.

Auch Christa Wolf, deren Bücher ich immer wieder neu entdecke, schreibt als Augenzeugin. Posthum von ihrem Mann Gerhard Wolf herausgegeben: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert 2001-2011 – der Nachfolgeband zu ihrem Tagebuch-Projekt Ein Tag im Jahr. 1960-2000.

Christa Wolf schrieb am 27. September 2007: »Jeden Tag führt die Zeitung uns vor Augen, daß wir in einer wahnsinnigen Welt leben, die mit großer Beschleunigung auf eine Selbstzerstörung zutreibt. Ich wundere mich wirklich, daß so wenige Menschen das bemerken und daß wir anderen, die es bemerken, uns daran gewöhnt haben.«
    
Eine wunderbare Entdeckung für mich war zuletzt die amerikanische Dichterin Emily Dickinson  (1830–1886). Nur zehn(!) Gedichte wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht.

Hope is the thing with feathers
that perches in the soul
and sings the tunes without the words
and never stops at all.

In unserer nur zu lobenden Stadtbücherei fand ich das zweisprachige Hörbuch Emily Dickinson, Gedichte, in der Übersetzung von Gunhild Kübler, gelesen von Julika Jenkins, erschienen 2007 bei Kein und Aber, lieferbar noch bei JPC.

   
Emily Dickinson, Gedichte
Aus dem Englischen von Gunhild Kübler
560 Seiten, 2011 erschienen als Fischer Taschenbuch
Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte
Zweisprachig. Übersetzt und herausgegeben von Gunhild Kübler
1408 Seiten, 2015 bei Hanser erschienen

Der Beitrag Die geheime Lyrik der Emily Dickinson [im Deutschlandfunk-Archiv] bietet einen spannenden Einblick in Leben und Werk der fast vergessenen Dichterin. Sämtliche Gedichte [das sind 1789(!)] war Buch der Woche im April 2015.

Zum Schluss noch Neuigkeiten aus unseren Garten: Der Päckchenbote hat uns vorgestern eine Lieferung Regenwurmkokons von SUPERWURM auf die Terrasse gestellt. So ist das bei uns in der Kleinstadtsiedlung. Je nach Witterung sollen sie in einigen Monaten schlüpfen, die 1200 Superwürmer. Und gegen freie Kost und Logis in unserm Kompost und in den neuen Hochbeeten werden sie feinen Humus liefern. So ist jedenfalls der Plan.


Munition

Am vorletzten Wochenende habe ich in Frankfurt an einer Aktionskonferenz von pax christi teilgenommen und bin dort vielen sehr engagierten Menschen um die 60 begegnet. Auch nach Jahrzehnten friedensbewegter Arbeit und listiger Aktionen gegen die übermächtig wirkende Rüstungsindustrie sind sie noch immer mit Lust am Widerstand dabei. Sehr beeindruckend. Der Bericht von der Aktionskonferenz „Stoppt den Waffenhandel“ auf der Website von Ohne Rüstung leben.
   
Ebenfalls mitgewirkt hat die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, die in diesem Jahr ihr 125-jähriges Jubiläum begehen, denn schon 1892 gründete Bertha von Suttner mit weiteren Mitstreitern die Deutsche Friedensgesellschaft.

Die Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel! fordert einen Stopp deutscher Rüstungsexporte an menschenrechtsverletzende und kriegführende Staaten, genau so, wie es unser Grundgesetz vorschreibt.
»Blendet man aus, dass Waffen Menschen töten, mag man den Erfolg der deutschen Rüstungsindustrie begrüßen. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen – laut einer Emnid-Umfrage von 2016 sind es 83 Prozent – lehnt die Waffenexporte jedoch ab.« Quelle: Planet Wissen

Diese Aktion von 2015 wird 2017 wieder aufgenommen.

Lesenswert zum Thema Rüstungsexportkontrollen finde ich auch den Artikel in der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016: »Boom mit Bomben.  Der Rüstungskonzern Rheinmetall umgeht mit Tochterfirmen im Ausland deutsche Exportkontrollen und verdient prächtig. Auch am Bürgerkrieg im Jemen.«

Was ich vor dieser Aktionskonferenz noch für total absurd gehalten hätte: Ich werde mir eine Aktie von Rheinmetall kaufen. Und mein Stimmrecht an die Kritischen Aktionäre übertragen. Die Rheinmetall-Hauptversammlung 2017 findet am 9. Mai in Berlin statt. Gleichzeitig eine Demonstration vorm Maritim-Hotel unter dem Motto »RHEINMETALL ENTRÜSTEN. Wer Waffen sät, erntet Flüchtlinge!«
Für alle, die sich noch weiter informieren möchten, empfehle ich den Text von Otfried Nassauer „EXPLOSIVE AUSFUHREN. Munitionsexporte in deutscher Verantwortung“, hier als PDF.
Ich hör’ gleich auf, aber dieser Beitrag »Wie wir mit smarten Waffen richtig handeln können« gibt ebenfalls einen interessanten Einblick ins Thema. Veröffentlicht auf perspective daily, der Plattform für Konstruktiven Journalismus. Daraus:

Quelle: International Institute for Strategic Studies

Wer genug gelesen hat und lieber mal wieder etwas überwiegend Heiteres hören will:

Marc-Uwe Kling ist Kleinkünstler, selbst Pazifist, und er lebt mit einem Känguru zusammen, das beim Vietcong gewesen sein will.
Die Känguru-Chroniken berichten von seinen ersten Erlebnissen mit diesem schrägen Zeitgenossen. Bekannt geworden ist Marc-Uwe Kling zuletzt auch durch seine falsch zugeordneten Zitate.
Ein Beispiel: »Was darf die Satire? Alles!« Recep Erdoğan

Ebenfalls hörenswert:  Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie.
Wolf Biermann erzählt ganz persönlich von deutsch-deutscher Geschichte. Bei der Lesung von Burghart Klaußner übertönen zum Glück das Sachliche und das Ironische die Selbstverliebtheit des Autors. Einen meiner liebsten Texte schrieb Wolf Biermann 1968 für seinen Freund Peter Huchel (1903-1981): Ermutigung. Daraus die vierte Strophe:

Du, lass dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Darum der Plan für Ostern: runter vom Sofa, raus ausm Strandkorb. Denn Mitte April können wir wieder gemeinsam auf die Straße gehen. Wann, wenn nicht jetzt? Wenn tatsächlich 83 % der Deutschen gegen Rüstungsexporte sind, sollten doch große Friedensdemonstrationen zu organisieren sein … Die Ostermarsch-Termine 2017 auf der Website der Friedenskooperative.


… und Tee trinken

Im Netz finden sich diverse Erklärungen, woher die Empfehlung „Abwarten und Tee trinken“ stammen könnte. Die charmanteste ist, finde ich, dass es im 19. Jahrhundert in der so genannten besseren Gesellschaft Mode war, zu Literarischen Teeabenden einzuladen. Man diskutierte teetrinkenderweise mit den Gästen über vorgelesene Texte. Was genau man abwartete, bleibt unklar.
teegesellschaft
In diesen Tagen wünschte ich mir, von der Politik und von den Medien etwas mehr besonnenes Abwarten. Auch, dass „Nachrichten“ noch besser geprüft würden, bevor sie sich postfaktisch gerüchtehalber und uneinholbar verbreiten.
Doch das Zögern hat einen schlechten Ruf, zu Unrecht, wie in dem Feature Über das Zaudern vom 8.4.2016 auf SWR 2 nachzuhören ist.

Und welchen Tee sollte man trinken beim Sich-Zeit-Lassen? Am liebsten sollte er natürlich schadstoffarm sein, günstig und fair gehandelt. Zum Beispiel der von der Teekampagne vertriebene Darjeeling, angeblich der „Champagner“ unter den Tees. Angeboten in 500g- und 1kg-Packungen und ausgesprochen lecker.

Zum Tee passt Gebäck, zum Beispiel die Schoko-Mandel-Cranberrie-Kugeln, die ich grad besonders gern backe.
Und dazu passt außerdem doch noch:
stueck_vom_kuchen

Obwohl dieser Spruch wohl schon seit Jahrzehnten an der Berliner Yorckbrücke prangt, habe ich erst neulich davon gehört – Dota Kehr zitiert ihn in ihrem Lied Utopie. Die Welt ist was Gemachtes [auf 3sat bei youtube].

Und immer wieder zum Tee nur zu empfehlen: ein gutes Buch. Seit ich vor einigen Jahren Mit Blick aufs Meer (im Original Olive Kitteridge, 2009 ausgezeichnet mit dem Pulitzer Prize for Fiction) von Elizabeth Strout gelesen habe, lese ich die neuen Bücher der US-amerikanischen Autorin, zuletzt My Name is Lucy Barton, shortlistet für den Man Booker Prize, auf Deutsch Die Unvollkommenheit der Liebe.

In den USA erscheinen Elizabeth Strouts Romane bei Penguin Random House, dem derzeit größten Publikumsverlag der Welt, in der Übersetzung von Sabine Roth im Luchterhand Verlag bzw. als Taschenbuch bei btb, ebenfalls Random House, also Bertelsmann.
cover_strout_blick   cover_strout_leben   cover_strout_lucy
Elizabeth Strout, Olive Kitteridge (2009)
Mit Blick aufs Meer
Olive Kitteridge ist die ehemalige Mathelehrerin von Crosby und zentrale Figur im Universum der kleinen Stadt in Maine.

Elizabeth Strout, The Burgess Boys (2013)
Das Leben, natürlich
Jim und Bob Burgess sollen sich um ihren 19-jährigen Neffen Zachary kümmern, der einen Schweinekopf vor die Moschee ihres kleinen Heimatortes gelegt hat.

Elizabeth Strout, My Name is Lucy Barton (2016)
Die Unvollkommenheit der Liebe
erzählt uns auf anrührende und schlichte Weise, wie aus Lucy Barton, nach einer harten Kindheit auf dem Land, eine New Yorker Schriftstellerin wird.

BTW: Herzlichen Glückwunsch an Graham Nash, der am 2. Februar 75 Jahre alt geworden ist. 1969 hat er meinen aktuellen Lieblingssong „Our House“ für seine Freundin Joni Mitchell geschrieben. 1970 ist „Our House“ auf dem Album Déjà Vu erschienen, und in dieser, wie ich finde, schönsten Live-Version bei youtube zu sehen.

joni_graham

Joni Mitchell und Graham Nash

I’ll light the fire, while you place the flowers
In the vase that you bought today.

Life used to be so hard,
Now everything is easy ‚cause of you.


alles zu viel

Von wegen „alles gut“ – alles zu viel! Zu viel Auswahl, zu viel aufm Zettel, zu viel Vorwahlkampfgerede, zu viel Angstmacherei, zu viel Finanzspekulation, zu viel Waffenexport, zu viel Lügerei, zu viel Gülle, zu viel Geld bei zu Wenigen, zu viel Gejammer. Dies aktuell meine persönlichen Top Ten.
Jedenfalls nicht: „alles gut“.

Deutliche Worte fanden die Ärzte schon 2003 in Deine Schuld: »Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt.«

„Alles zu viel“ meint übrigens nicht die guten Bücher, von denen es wohl kaum zu viele geben kann. Heute empfehle ich drei Romane, die ich noch nicht gelesen habe und auf die ich mich schon freue, den Empfehlungen von Freundinnen vertrauend, die jeweils sehr angetan waren.

Mercè Rodoreda, Der Garten über dem Meer
Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt

Marion Brasch, Ab jetzt ist Ruhe
Roman meiner fabelhaften Familie

Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama

cover_rodereda_garten  cover_brasch_ruhe  cover_gundar_loewen

Und noch eine Empfehlung von mir:
Aslı Erdoğan, Die Stadt mit der roten Pelerine
Aus dem Türkischen von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch
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Dieses sehr beeindruckende Buch, das ich gerade zu Ende gelesen habe, erzählt von der jungen Akademikerin Özgür in Rio de Janeiro, die ihre teils krassen Erlebnisse zu einem Roman verarbeitet. »Aslı Erdoğan ist eine außergewöhnlich feinfühlige und scharfsichtige Autorin, ihre Romane sind vollendete Werke.« Orhan Pamuk
Die Autorin saß von August bis Ende Dezember 2016 in Istanbul in Untersuchungshaft. Angeklagt ist sie u. a. wegen „Zerstörung der Einheit und der Integrität des Staates“. Gegen Kaution frei, darf sie die Türkei nicht verlassen. Der nächste Prozesstermin ist für den 14. März 2017 angesetzt.
Aspekte (ZDF) hat am 20.1.2017 ein Interview mit ihr gesendet, hier nachzusehen [7 min].

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich eine begeisterte Podcast-Hörerin bin? Abonniert habe ich das akustische Sachbuchprogramm von SWR2 Wissen. Ich bin Fiction-Fan, keine Sachbuchleserin, doch diese halbstündigen Features finde ich fast immer spannend und erhellend. Die Themen: Vorurteile, Exoplaneten, Tiefdrucktherapien, Finanzmärkte, Ostseedorsche, wiederbelebte Dörfer etc.

Ein Rat von Papst Johannes XXIII.  (1881-1963) zum Schluss

Nimm dir nicht zu viel vor.
Es genügt die friedliche, ruhige Suche nach dem Guten an jedem Tag,
zu jeder Stunde, und ohne Übertreibung und ohne Ungeduld.